Eines Tages kam der reiche Freund und klagte bitterlich. Ich ahnte nichts Gutes, und plötzlich gestand er mir, dass A-tou seit drei Tagen dem Geschäft fern geblieben sei. Er glaube, A-tou, der wegen revolutionärer Umtriebe verhaftet werden sollte, sei völlig in die Dienste der geheimen Umsturzgesellschaft getreten. Beim Hören dieser Schmerzensbotschaft war mir, als ob der Taischan eingestürzt sei. Meine Frau sass in der Ecke und weinte; Wochen lang war sie aufgeregt, bis sich eines Tages der Todesgeist in ihre Kehle setzte; da sie zu schwach war, musste sie ihn herunterschlucken und sterben. Sie wurde bei Kiang-wan beigesetzt.

Lange hatte ich von A-tou nichts mehr gehört. Inzwischen brach die Revolution aus. Und da erfuhr ich, dass mein Sohn zwei Jahre im Wutschanger Gefängnis gesessen habe, weil er sich gegen die heilige Person des Kaisers vergehen wollte, indem er den Aufstand predigte und Bomben anfertigte. Als Wu tschang fiel, wurde er aus dem Gefängnis befreit und trat in das Volksheer ein, wo er es bald zum Offizier brachte. Das alles erzählte mir ein Kamerad A-tous, der von ihm überredet, als Freiwilliger gegen den Kaiser gekämpft hatte.

In jenen Tagen, als mir die Schande meines Sohnes erzählt wurde, wollte ich mich voller Gram in den Fluss stürzen. Ich vertraute aber auf den „alten Herrn Himmel“, dem ich täglich einige Stäbchen Weihrauch opferte, damit er das Herz meines Sohnes läutere und noch in letzter Stunde auf den rechten Weg führe, den „Weg der Mitte“, den unser Volk Jahrhunderte in schlichter Einfachheit geschritten ist. Ich wünschte mir, A-tou gegenüberzusitzen, und wollte mit ihm plaudern wie damals, als wir den Kiangwaner Fischern beim Netzflicken zuschauten. Ganz schlicht und einfach wollte ich zu ihm sprechen, ihm meinen Gram aus der Seele schütten, ihn väterlich zur Umkehr ermahnen. Vielleicht hatte die rauhe, vom Ausland angesteckte Zeit noch ein Fünkchen Mitleid in meinem Sohne gelassen, das, geschickt zur Flamme entfacht, A-tou zu innigem Verzeihen vor mir auf die Knie gezwungen hätte. Ja, diesem Augenblick sah ich als dem stolzesten meines Lebens entgegen.

Der Himmel erhörte mich, um mich aber nur noch schlimmer zu züchtigen. Eines Tages fuhr ein knatternder ausländischer Wagen ohne Pferde vor meiner schlichten Wohnung vor, und ein westländisch gekleideter Chinese mit einem wippenden Stöckchen in der Hand trat herein. Als er die blaue Brille von seinen Augen nahm, erkannte ich A-tou, der mir zur Begrüssung hochnäsig zurief, er sei jetzt Beamter der neuen Regierung. Das war eine nette Einführung. Den ihm angebotenen Tee wies er verächtlich von sich, weil die Tasse zu schmutzig sei; dabei lief er räsonnierend in den Zimmern umher und wippte dabei immerfort mit dem Stöckchen. Ich alte Einfalt folgte ihm, wie ein ganz gemeiner Kuli seinem Herrn.

Vor dem Papierbild des Schutzgeists unserer Familie blieb A-tou stehen. Trotz der Jämmerlichkeit meiner Lage frohlockte ich innerlich, weil ich glaubte, A-tou wolle dem Schutzgeist seine Rückkunft nach dem väterlichen Hause anzeigen. Statt dessen vollführte er mit der Gerte einen Schlag über das Gesicht des Gottes, dass das Papier klatschend auseinanderriss. Ich schrie vor Schmerz über diese Freveltat laut auf. Verwundert schaute mich A-tou an und befahl mir, den Plunder herunterzureissen. Man müsse an nichts anderes als an sich selbst glauben; das sei die beste Religion.

Das war der väterlichen Geduld zu viel zugemutet. Ich hatte bis zum letzten Augenblick gehofft, Gelegenheit zu haben, mit A-tou gütlich zu reden. Jetzt musste ich ihm aber zeigen, dass ich der Vater war und er von meiner Autorität auf die Knie gezwungen werden muss.

„Du Verräter deines Vaterlandes“, herrschte ich ihn an, „du Zerstörer von Gott und Reich, du Vernichter der Ordnung des Volkes, du Zerstörer meines Familienglücks! Ich verlange von dir, dass du alle deine Taten sühnst. Vor dem Grabe deiner Mutter, deren Tod du verschuldet hast!“

Es ist schamlos für einen Vater, einzugestehen, dass die Worte unbeachtet im Raum verhallten. Denn A-tou sass auf dem Opfertisch, liess die Beine schlenkern und wippte verächtlich mit dem Stöckchen; dabei murmelte er etwas von Blödsinn, altem Weib, neuer Zeit, Zivilisation und was sonst mehr. Seine trotzige, unversöhnliche Art steigerte meinen Zorn. Und ehe er sich versah, hatte ich ihn am Kragen gepackt und mit einem Griff ihn mir Auge um Auge auf dem Boden gegenüber gestellt.

„So,“ rief ich, indem ich ihm die westländische Jacke herunterriss, „heraus aus dem fremden Sklavenanzug! Noch heute steckst du dich in die herkömmliche Festkleidung. Wir beide gehen nach Kiang wan, und du verbrennst Weihrauchstäbchen am Grabe deiner Mutter!“

Blitzschnell sauste als Antwort die Gerte über meinen Kopf. Das setzte der Schande die Krone auf. Voller Schmerz hob ich A-tou in die Luft und liess ihn wie einen Reissack auf den Boden fallen. Flugs hatte er sich erhoben, einen Revolver aus der Tasche gezogen und ihn auf mich gerichtet. Da erschien ein „Hsün pu“ und machte dem Streit ein Ende. A-tou fuhr unbelästigt im Wagen davon.