Ich dankte dem Himmel, dass er für seine Tat nicht bestraft worden ist, sondern sah darin ein günstiges Vorzeichen, dass mir der Himmel die Vollziehung der Strafe vorbehielt. Denn A-tou hatte, als er die Hand gegen mich erhob, das schwerste Verbrechen begangen, dessen ein Sohn gegen seinen Vater fähig sein kann. Da braucht man zu keinem Ortsbeamten zu laufen, um den Sohn anzuklagen, denn das ungeschriebene chinesische Familienrecht erkennt in diesem Falle den Vater als den alleinigen Richter an. Ebenso wie er einem Sohn das Leben geben kann, so darf er es ihm auch wieder nehmen. Die Freveltat schrie nach Rache.

Zu dieser Zeit geschah es, dass ich den Entschluss fasste, in mein Heimatdorf Kiang wan zurückzukehren; ich besuchte daher öfter das Dorf, um ein Haus ausfindig zu machen, in dem ich wohnen konnte. Kurz nach Sonnenuntergang machte ich mich eines Tages auf den Rückweg von Kiang wan nach Schanghai. Unterwegs kam ich an dem grossen Platz vorbei, wo Chinesen und Ausländer ihre Pferde um die Wette laufen liessen. Das Fest war zu Ende, und Tausende von Menschen strömten auf dem Feldweg zur Bahnstation. Ganz hinten klapperte ein Wagen ohne Pferde. Plötzlich hielt er still. Von einer Ahnung gepackt, rannte ich nach der Stelle und sah, dass der Wagen, vom Weg abgeraten, in tiefem Lehm festsass. Ich sah noch mehr. Nein, ich schrie. Scharf und kurz, dass A-tou, dem der Ruf galt, erschreckt zusammenfuhr und ängstlich um sich blickte. Ha, auf einsamem Feld wirkte die väterliche Autorität.

Mit grimmigem Behagen trat ich an ihn heran, packte ihn wortlos an der Gurgel und zog ihn hinter mir her. Wir gingen quer über das Feld einem kleinen Gräberhain zu. Dort angekommen, drückte ich den Kopf A-tous gegen den frischbewachsenen Grabhügel und sagte kurz: „Dort unten ruht deine Mutter!“ Ich verschränkte die Arme und blickte abwartend auf die kauernde Gestalt.

A-tou wagte nicht aufzuschauen; er lag da wie ein Reissack, sein Rock war zerrissen und mit Lehm bespritzt. Ahnte er, dass sein Richter vor ihm stand?

Und zum zweiten Mal schrie ich ihn an, dass ihm mein Speichel ins Gesicht spritzte: „Dort unten ruht deine Mutter!“ Endlich fand A-tou Worte. Und er fragte leise: „Hast du Weihrauchstäbchen mitgebracht, Vater?“

Eine solche Frage hatte ich nicht erwartet. Was klang nicht alles aus dieser Frage? So schlicht und rein, so fragend und reuevoll klang die Stimme, dass ich von tiefstem Mitleid erfasst wurde, das meine Augen zum Weinen trieb. Mir dünkte, als habe A-tou zum ersten Mal seit Jahren wieder von Herz zu Herz mit mir gesprochen. Ich glaubte seine Stimme zu hören, als wir damals in Kiang wan in Eintracht zusammenlebten, und sah plötzlich die Kluft überbrückt, die zwischen meiner und seiner Weltanschauung lag. Sein verirrter Geist war klar geworden: A-tou gedachte seiner Mutter: Meinen stillen Schwur, von dem mir zustehenden Recht Gebrauch zu machen und A-tou lebendigen Leibes in eine Grube zu werfen und Erde darüber zu schaufeln, musste ich brechen. Die Stunde war gar feierlich.

Ich befahl A-tou aufzustehen, und mit tausend Schwüren musste er am Grabe seiner Mutter geloben, ein neuer Mensch zu werden und morgen zur Versöhnung zu opfern. Das tat er.

Weit in Tibet suchte er später sein Arbeitsfeld. Dort kämpfte er für unsere Kultur gegen die Wilden. Bei Li tang ist er gefallen. Nun kann ich zufrieden meinem Lebensabend entgegensehen. Mir bangt nur vor der Frage: „Wer wird mir opfern wenn ich unter den schattigen Lebensbäumen ruhe?“