Huitungs Erlebnisse und Meinungen.
Ich, Hui tung, traf am achtzehnten Tag des zweiten Monats, dem „Fest des Reinen Glanzes“, in Schanghai ein. Ein deutscher Freund, den ich schon seit Jahren kenne und mit dem ich auf langen Ueberlandreisen in der Provinz Schantung Reis und Lager geteilt hatte, forderte mich auf, zu kommen. In Gedanken weilte ich oft bei ihm, wenn ich, niedergedrückt von der politischen Lage unsers Landes, nach Süden schaute, und ich wünschte oft, das durch die Lüfte sausende Geisterpferd zu sein, um bei meinem Freunde Tröstung zu suchen. Der Himmel hätte es nicht besser einrichten können, als dass er meinem Freunde eingab, mich nach Schanghai einzuladen. Schanghai hat bei uns keinen guten Klang, wie Alles, was im Süden liegt und von dort kommt. Ein Schantunger Sprichwort sagt: „Schao bu dsou nan“ (Wer jung ist, gehe nicht nach Süden.) Da ich das Jugendalter bereits beträchtlich überschritten habe und mein einst pechschwarzes Haar schon Fäden weisser Himmelsseide aufweist, glaubte ich mich gegen die Gefahren des Südens genügend gewappnet. Schon der erste Eindruck, den ich von Schanghai erhielt, war kein guter. Der Wagenzieher, der mich vom Hafen nach der Herberge Tschi tschang tschan brachte, verlangte mir so viel Fahrgeld ab, dass ich dafür in Schantung mindestens fünf Dutzend mit Fleisch und Kohl gefüllte Klösse und mehrere Schälchen Wein hätte kaufen können. In der Herberge wurde mir für teuern Preis ein kleines Zimmer angewiesen, das so düster war, dass ich selbst während des Tages ein Licht anzünden musste. Die Kinder des Wirtes lärmten Tag und Nacht, und aus Eimern, die nicht weit vom Eingang meiner Tür aufgestellt waren, drang ein widerlicher Geruch, den man in dem gesitteten Tsingtau, wo ich mehrere Monate lebte, vergebens suchen würde. Dort herrscht Ordnung, und die Bevölkerung fügt sich willig dem höhern Gebot. Die Obrigkeit in Schanghai übt wenig Respekt aus; sonst könnten meine Landsleute die gesundheitlichen Gebote nicht umgehen und den ankommenden Fremdling die übelriechende Luft aus den Eimern einatmen lassen. Zu meinem Erstaunen habe ich dieser Tage von einem Landsmann, der aus der Huang hsiener Gegend stammt, gehört, dass Schanghai, das sich so oft brüstet, die fortschrittlichste Stadt in China zu sein noch nicht einmal Verrichtungen hat, um übelriechende Abflusswässer ablaufen zu lassen. Die Schanghaier sollten einmal nach Tsingtau gehen und sehen, was die Deutschen dort für die Bewohner getan haben. In den ersten Tagen meines Aufenthaltes überkam mich ein Gefühl der Verlassenheit. Von meinem deutschen Freunde abgesehen, hatte ich Niemand, mit dem ich mich in meiner Heimatssprache unterhalten konnte. Der Wirt kam zweimal auf mein Zimmer und knüpfte ein Gespräch an; es wurde auch eine kurze Weile geführt, indem wir gegenseitig Frage und Antwort auf ein Stück Papier schrieben; das langweilte ihn auf die Dauer, und er ging höflich hinaus. Dann sass ich allein auf meinem Zimmer und nahm mir einen Roman vor, den ich laut las, um wenigstens den Klang meiner Heimatssprache zu hören. Von der Strasse drang das unverständliche Sprachgeplärr der Südbarbaren so unartikuliert wie das Schreien des „Küo she“ Vogels herein. Ich setzte manchmal mit dem Lesen ab und lauschte. Wie ich so unbeweglich dasass, glich ich einer geschnitzten Holzfigur.
Teil der Nanking-Road in Schanghai.
Offene Läden in der Nanking-Road.