Bis hierher habe ich meine Erlebnisse und Meinungen niedergeschrieben, die mein deutscher Freund für die Deutschen übersetzt hat. Was ich erzählt habe, ist dürftig und gering. Es würde sicher etwas vollendeter in der Darstellung sein, wenn jene Frau meinem Rat gefolgt wäre und dem schreienden Jüngsten den erprobten Weizenkuchen bereitet hätte, statt ihm groben Reis zu essen zu geben. Denn durch das Schreien des Kindes wurden meine Gedanken immer verwirrt.....
Erinnerungen eines chinesischen Revolutionärs.
In jener sternklaren Sommernacht, wo der grimmige Mars um den Wusungforts die Stunde regierte, lernte ich ihn kennen. In kauernder Stellung, hinter Ufergras und Erdhügel versteckt, das müde Auge nach dem Huangpu gerichtet, lag er da und horchte beim Klirren eines Glasscherbchen, das der hartbesohlte Schuh des Westländers zersplitterte, auf, riss schussbereit sein Gewehr in die Höhe und liess es sinken, als er sich vergewissert hatte, dass ich ein Ausländer war. Wir hatten unsere feindselige Begegnung bald vergessen und lagen plaudernd im nachttaukühlen Gras. Er hiess Wang Fei ting und gehörte zu den „Kan sze tui“ Truppen, die ihre nächtlichen Stellungen am Huangpu-Ufer bezogen hatten und eine Landung nordchinesischer Truppen verhindern sollten. Ich erinnere mich deutlich des zarten, jungenhaften Gesichts mit den fragenden Augen, das sich mir in dem nächtlichen Dunkel entgegenstreckte. „Fremder Herr, weshalb kämpfen wir hier?“, flüsterte mir Wang zu; mit ganz gedämpfter Stimme sprach er, damit seine Kameraden es nicht hörten. Und ich erzählte, was ich für sein tapferes, „zum Sterben bereites“ Herz für gut hielt, und als ich von ihm schied, da hauchte: „Ich sehne mich nach deiner Belehrung.“ Ich gab ihm die Adresse der Redaktion und nach dem Fall der Wusungforts stellte er sich bei mir als Zivilist ein, aufgeregt seine letzten Abenteuer erzählend. Das Haar hing ungekämmt auf seinem Kopf, seine Zivilistenkleidung, die er zerknittert in einem Pfandhaus ausgelöst hatte, schlotterte, ungeordnet an seinen Füssen schlürften ein paar ausgetretene Grossvaterpantoffel. Wie mir Wang erzählte, stand er vor der Entlassung. Vierzehn Tage hörte ich nichts weiter von ihm. Plötzlich kam er wieder, säuberlich gekleidet und stellte sich mir als „zum Sterben bereiter Freiwilliger a. D.“ vor. So kam es, dass ich Wang Fei ting aufforderte, seine Erlebnisse als Revolutionär niederzuschreiben, um sie einem deutschen Leserkreis zu erhalten. Nüchtern und unpersönlich schrieb er nieder, wie es ihm in seinem Leben ergangen war und erst weitere Fragen und Gegenfragen ergaben das, was jetzt als Erinnerungen eines chinesischen Revolutionärs der Oeffentlichkeit übergeben werden soll.
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Ich heisse Wang Fei ting und bin aus dem Kreise Kiang ling, der in der Provinz Hupeh liegt, gebürtig. Meine Eltern, die einige Mou Ackerland bestellten, waren arm. Trotzdem ermöglichten sie es, dass ich in Zeiten, wo die Feldarbeit ruhte, die Schule des Dorfes besuchen konnte, und als ich dreizehn Jahre alt war, schickten sie mich sogar auf die höhere Elementarschule in der Kreisstadt. Dort hatten wir einen Lehrer, den ich sehr liebte. Er war weit gereist und sogar in Japan gewesen. Wenn die Schulstunden vorüber waren, kam er oft zu uns Schülern und plauderte wie ein Vater. Wie erstaunt war ich, als ich lernte, wie gross die Welt sei und wieviel Menschen, die alle möglichen Berufe ausübten, auf ihr wohnten. Vor dieser Riesengrösse kam ich mir sehr klein vor. Ich wurde verzagt und glaubte, für mich sei kein Platz auf dieser Welt, um vorwärts zu kommen. Trotzdem war etwas in meinem Innern, das mich vorwärts trieb. Der grosse Panku hat in achtzehntausend Jahren die Welt erschaffen, also sein ganzes Leben mit der Vollbringung einer einzigen Tat ausgefüllt. Ich sagte mir, da du nun einmal auf der Welt bist, musst du aus deinem Leben machen, was zu machen ist. Aus dem Werk Pankus schöpfte ich zuerst Kraft und Aneiferung. Noch ein andrer Umstand trieb mich zum Schaffen an: die Ausländer. Trotzdem ich noch keinen von ihnen gesehen hatte, war meine Hochachtung vor ihrem Können gross. Unser Lehrer erzählte, dass die weissen Ausländer bisher von dem Geschick auserwählt seien, für die Menschheit grosse Taten zu vollbringen. Er erzählte von den ausländischen Schiffen, Bergwerken, Maschinen, Telegraphen, Geschützen, Gewehren und noch vielen anderen Dingen, deren Namen mir entfallen sind, und ermahnte uns, fleissig zu lernen, damit wir den Ausländern bald ebenbürtig seien. Nach den Schulstunden machte ich meine Gedanken über all das Gesagte und kam zu dem Schluss, dass in all den Werken der Ausländer ein riesiger Fleiss stecken müsse; mir war klar, dass nicht ein Einzelner die grossen westländischen Errungenschaften erfunden hat, sondern dass der Fleiss ganzer Generationen in einem einzigen Werke steckt, das zu immer höherer Vollkommenheit gebracht würde. Ich muss sagen, dass wirklich der ausländische Schaffensgeist ein grosser Ansporn für mich gewesen ist. Eine Ueberschwemmung, die unser Haus samt Wasserbüffeln und Schweinen fortriss, brachte meine Eltern an den Bettelstab, ich musste daher meine Studien aufgeben und mich beim Aufbau eines neuen Herds nützlich machen. Zu jener Zeit kam eine Anzahl feiner Herren der Regierung in unser Dorf und sprach mit dem Ortsältesten. Dieser liess bald die jungen Leute des Dorfes rufen und sagte ihnen, wer Soldat werden wolle, solle sich melden. Soldat? Das Wort blieb in meinem Ohr haften, und eh ich mich versah, rief ich meinen Namen, so laut, dass mich die umstehenden Dorfbewohner erstaunt anblickten. Soldat! Mir fiel das ein, was unser Lehrer von dem französischen Heerführer Na pu lun (Napoleon) erzählte, und ich dachte daran, dass er zuerst auch nur einfacher Soldat gewesen sei. Ausser mir meldeten sich noch drei Jungen meines Alters. Wir wurden gefragt, wie alt wir seien, ob wir zwanzig Li ohne Unterbrechung marschieren und ob wir einen halben Zentner Gewicht heben könnten. Als wir bejahten, wurden unsere Namen in die Liste eingetragen. Meine Eltern, die Anfangs über meinen Entschluss aufgeregt waren, beruhigten sich, als ich ihnen sagte, ich würde jeden Monat einen Teil meiner Löhnung nach Hause schicken.
So wurde ich mit sechzehn Jahren Soldat und der 9ten Division in Kiangsu zugeteilt. Ich erhielt jeden Monat sieben Dollar Löhnung, wovon jedoch vor der Auszahlung drei Dollar für Beköstigung abgezogen wurden. Zum Nachhauseschicken blieb nur eine ganz kleine Summe übrig. Ehe ich richtiger Soldat wurde, musste ich Kulidienste tun. Jeden Morgen musste ich die Stube reinigen, den fünf Mann auf der Stube Essen holen und sonstige Dienste leisten. Für meine Eltern und Dorfgenossen hatte ich früher ähnliche Arbeiten verrichtet und mich nie darüber beklagt; als mich aber die fünf Menschen zu ihrem Diener erniedrigten, sträubte sich mein Empfinden, und ich sagte eines Tages dem diensttuenden Offizier, dass ich richtiger Soldat werden wollte, andernfalls würde ich wieder nach Hause gehen. Ich wurde dann in eine andere Stube gelegt und hatte es von nun an besser. Die paar Stunden Dienst waren leicht zu ertragen. Ich lernte marschieren und das Gewehr behandeln. Nach einigen Monaten durfte ich nach der Dienststunde die Schule unserer Division besuchen, wo uns ein hoher Offizier Vorträge über die Kriegskunst hielt. Der Offizier erzählte uns vom deutschen und japanischen Heer, von siegreichen Schlachten und von der Liebe des Volks zum Herrscher. Dass auch wir Soldaten unsern Kaiser lieben sollten, erzählte er nicht. Einmal sagte er scharf: „Ihr seid nur Soldat, damit ihr kämpfen könnt, wenn sich die Zeit erfüllt.“ Er lächelte dann still für sich hin. Wir Soldaten sahen uns an und verstanden ihn nicht. Erst später habe ich den Sinn der Worte verstanden. Unsern Divisionsgeneral habe ich während meiner dreijährigen Dienstzeit in Nanking nur dreimal gesehen. Das vorletzte Mal bei einer Parade unserer Division; nach ihr wurde ich zum Gefreiten befördert. So vergingen Wochen und Monate. Als ich einmal Posten stand, wollte ein ausländisch gekleideter Landsmann, der ein blaue Brille trug, am Wachthaus vorbei. Als ich ihn anhielt, sagte er genau das Wort unserer heutigen Parole, und ich musste ihn durchlassen. Der seltsame Mann kam häufig wieder, manchmal kamen auch Mehrere zusammen. Ihrer Sprache nach mussten sie aus Kuangtung gewesen sein. Eines Tages gingen fünf Offiziere unserer Division weg, und wir erhielten Ersatz. Die Besuche der Fremdlinge wurden häufiger. Dieses Mal sah ich unsern Hauptmann und einige Offiziere mit den Fremdlingen im Gespräch auf der Offiziersstube; sie hatten eine grosse Karte vor sich, nannten oft den Namen meiner Heimatprovinz und beschrieben mit den Fingern Kreise auf der Karte. Die Disziplin unserer Division wurde immer mehr gelockert. Statt dass die Offiziere uns mit gutem Beispiel in ihrem Lebenswandel vorangingen, blieben sie Tage lang vom Dienst und Nächte lang von der Kaserne weg und gaben Geld in vollen Händen aus. Woher sie das nur hatten? Erst später habe ich es ergründet. Der Divisionsgeneral kam häufiger als sonst. Einmal trat er in die Stube eines Offiziers, riss den Schrank auf, zog einen Haufen Schriftstücke heraus und ging zornbebend fort. Den Offizier habe ich nie wieder gesehen. An einem Herbstabend lag ich mit einigen Kameraden im Gras vor dem Lager. Da kamen einige Leute der ersten Kompagnie mit weingeröteten Gesichter des Wegs; einer schrie: „Fragt der Kerl, ob wir schiessen können? Natürlich können wir schiessen!“ Den letzten Satz wiederholten die Betrunkenen mit lautem Gebrüll. Ein Nüchterner sagte mir, dass ein junger Chinese, der südlichen Dialekt sprach, ein paar Leute mit Wein bewirtet hätte, weil der Kaiser in Peking demnächst ein grosses Fest feiern werde. Das Fest der Herbstmitte war vorüber; die Disziplinlosigkeit in der Division erreichte ihren Höhepunkt. Da kam die Kunde in unser Lager, dass sich die Garnison in Wutschang gegen den Kaiser erhoben hätte. Ich erwartete nun, dass unser General uns sofort unter die Waffen rufen würde, das Leben des Kaisers zu schützen. Dafür kam eines Tages der Befehl, wer nach Hause gehen wollte, solle seinen rückständigen Sold in Empfang nehmen. Der grösste Teil der Soldaten meldete sich, und sofort sprangen tausende Leute aus Kuangtung und Chekiang ein, um die freigewordenen Stellen zu füllen. Auch die Offiziere wechselten; ich sah unter ihnen bekannte Gesichter. Kaum waren wir entlassenen Soldaten in der Stadt, da ging plötzlich ein grosser Kampf los. Ich weiss nicht mehr wieviel Tage gekämpft worden ist. Eines Tages zogen unsere frühere Division und zahlreiche Truppen des Revolutionsheeres in die Stadt ein und raubten alles aus. In dem mandschurischen Stadtteil war ein Kreischen und Schreien, das ich nie vergessen werde. Im Leng Kung Tempel hatten sich Mandschus zusammengedrängt, um gemeinsam zu sterben, ehe sie unter den Streichen des Volksheers fielen. Und plötzlich hoben sich mit furchtbarem Knall die Mauern in ihren Grundfesten und eine hohe Rauchsäule stieg in die Luft. Unter dem Schutt lagen nur Leichen. Die Tage der Stadt Nanking sind schrecklich gewesen. Ich verstand damals die Grösse der Zeit nicht und fluchte den Revolutionären.