Ziehn wir in den Kampf
schützen Hof und Herd
mit Gewehr und Schwert.
Beim Singen klopften wir mit den Essstäbchen taktschlagend auf den Tisch. Da kam ein Bote unseres Kommandeurs und befahl uns, uns für den Ausmarsch bereit zu machen. Wir gingen in unsere Stuben, hingen Patronentasche und Nachtmantel um, und warteten auf das Signal des Aufbruchs. Das wurde bald gegeben. In einer langen Reihe, Einer hinter dem Andern, bogen wir in östlicher Richtung in die tiefschwarze Nacht. Längs des Huangpu marschierten wir in unsere Stellungen. Der Befehl lautete, scharfen Auslug auf verdächtige Fahrzeuge zu halten, die vielleicht Nordsoldaten den Huangpu aufwärts nach dem Arsenal bringen wollten. So lautete jeden Abend der Befehl. Bei Tage durften wir schlafen und essen. Liu Fu piao kam öfter von Schanghai und hatte wichtige Besprechungen mit Tai Hsing. Liu besuchte stets, ehe er nach Schanghai zurückkehrte, den Befehlshaber der Wusunger Befestigungen Kü Tscheng. Die Freundschaft, die die beiden Männer unterhielten, war ebenso stark, wie die zwischen Tsao Tsao und Kuang Yü, den hinterlistigen Helden aus der Zeit der „Drei Reiche“. Soldaten, die die geheimen Unterredungen zwischen Liu Fu piao und Tai Hsing, und zwischen Liu Fu piao und Kü Tscheng belauscht hatten, sagten, dass Yüan Schih kai unsere „Kan sze tui“ Truppe und die Besatzung des Forts für zehntausend Dollar kaufen wolle. Jeder Soldat sollte seinen vollen Monatssold und fünf Dollar Entlassungsgeld erhalten. Auffallend war, dass Liu Fu piao unsere Truppe täglich verstärkte. Wenn er von Schanghai zurückkam, brachte er immer einen Schub Rekruten mit, die zum Teil dem aufgelösten 61sten Bataillon entnommen waren. Eines Tages kamen auch auf Schleichwegen sechs Maschinengewehre. Wollte Liu unsere Truppe stärker machen, um mehr Geld beim Verkauf an die Regierung herauszuschlagen? Merkwürdig war, dass Lius Besuche beim Festungskommandanten plötzlich aufhörten. Alles sah danach aus, als ob unsere Truppe nicht zum Schutz, sondern zum Angriff auf die Forts bereit sein sollte.
Wir hatten das Gefühl, als ob irgend ein schreckliches Ereignis in der Luft liege. Wie es kam, weiss ich nicht. Eines Nachmittags ertappte ich mich auf einem Spaziergang um unser Quartier. Es war von vier Seiten von einem breiten Wassergraben umgeben, und der Weg zum Haupteingang führte über eine Brücke. Wie notwendig diese kurze Orientierung war, zeigte mir der kommende Tag, an den ich mit Schrecken zurückdenke. Bei Morgendämmerung zogen wir uns aus den gewohnten Stellungen am Huangpu zurück und fielen nach der durchwachten Nacht bald in Schlaf. Die vom Nachtdienst frei gebliebenen Mannschaften flickten ihre zerschlissenen Uniformen oder kauten harte Kuchen. Ich war gerade beim Kleiderwechseln, als der Wachtposten am Haupteingang aufgeregt durch die Gänge lief und Liu Fu piao und Tai Hsing suchte. Tai kam aus seiner Stube, und ich hörte, wie die Ordonnanz in hastigen Worten meldete, eben sei eine starke Abteilung Soldaten aus dem Fort marschiert und nähere sich unserm Quartier in Schützenlinie. Kaum hatte er die Meldung erstattet, da sauste ein Geschoss über unser Quartier und schlug nicht weit davon ein. Wer hatte geschossen? Waren Nordsoldaten gelandet? Hatte das Fort auf uns geschossen? Es war keine Zeit zum Nachdenken. Der Donner des Geschosses liess alle Schlafenden erwachen. Jeder griff zu den Waffen. Alles eilte wirr durcheinander. Draussen knatterte Kleingewehrfeuer. Das erhöhte die Verwirrung. Vergebens schrie Tai Hsing in die Soldatenmenge, sich zu ordnen. Liu Fu piao lief bleich und mit herabhängendem Schnurrbart aus seinem Zimmer und versuchte durch mutiges Schimpfen seine „entwichene Seele“ zurückzurufen. Dann trat er zu Tai Hsing, und sagte ihm, er fahre sofort nach Schanghai, um Verstärkungen zu holen, damit der Verrat gerächt werde. Statt aber mutig durch den Hauptausgang zu laufen, der von den Angreifern unter Feuer genommen wurde, lief er nach Westen, wo er wahrscheinlich über die Mauer geklettert und durch den Wassergraben geschwommen ist, um mit heiler Haut zu entkommen. Die Geschosse der Feinde fielen dichter ein; darunter waren auch Granaten. Auf dem Hof waren etwa zweihundert Mann angetreten, das war Alles, was von unsern achthundert Mann übrig geblieben war; der Rest war in der Verwirrung geflohen. Tai Hsing gab den Befehl, sofort durch den Hauptausgang dem Feind entgegenzurücken. Als wir im Sturmschritt durch den engen Ausgang in das freie Gelände liefen, prasselte uns ein Geschosshagel entgegen. Vor mir knickte ein Mann in sich zusammen; ich glaubte, er wollte seine Schuhriemen fester machen; er war aber zu Tode getroffen. Ohne starke Verluste waren wir endlich auf freiem Gelände und sahen unsern Gegner, der in langer Reihe hinter Feldrainen und Grabhügeln versteckt war. Auf dem Boden kriechend suchte jeder eine Deckung, und bald gaben wir den Angreifern durch anhaltendes Feuern ebenbürtig Antwort. Schuss auf Schuss krachte aus den grossen Geschützen im Fort, die schweren Geschosse flogen über unsere Köpfe weg und schlugen hinter unserm Quartier ein. Wahrscheinlich galten sie unsern Flüchtlingen, die wie ein Ameisenschwarm das Gelände überfluteten. Als Unteroffizier gab ich den Soldaten den Befehl, ein Maschinengewehr aus dem Quartier zu holen. An den Gebrauch dieser wirksamen Waffe hatte in der Verwirrung Niemand gedacht. Bald war das Gewehr in Feuerstellung. Niemand konnte aber damit schiessen. „Wer ist vom 61sten Bataillon?“, schrie ich die Reihe entlang. Rasch krochen einige Mann heran und dann sausten mehrere hundert Schuss in der Minute in den Feind; zugleich ratterten auch die Gewehre unserer zweihundert Mann. Das überraschende Schnellfeuer machte die Angreifer stutzig; einige wandten sich zur Flucht, und ihnen folgte ein grosser Haufe. Unsere Leute sprangen nun vor, schossen und rückten weiter vor, den Feind zurücktreibend, der keinen Widerstand leistete. So gingen wir rasch vor; etwa fünfzig Tote und Verwundete unserer Truppe bezeichneten den Weg, den wir gekommen waren, und ebensoviele Gefallene des Feindes zeigten uns den Weg, den wir noch zu gehen hatten. Etwa einen halben Li vor dem Fort blieben wir in Deckung liegen. Unteroffizier Niu, der am äussersten linken Flügel gefochten hatte, kam zu mir heran. Er blutete an der Wange. Trotzdem war sein Mut ungebeugt. Wir berieten beide, was nun weiter zu tun wäre. Sollten wir die Schmach auf uns nehmen, von unsern Brüdern, mit denen wir gemeinsam kämpfen wollten, angegriffen und geschlagen worden zu sein, oder sollten wir Rache nehmen? Rache nehmen hiess aber, für Yüan Schih kai gegen die Festung Sturm laufen. Wir entschieden uns für Letzteres, denn wir sagten uns, dass Ehre und Reichtum gewiss war, wenn wir die Befestigungswerke für die Nordregierung nehmen würden. Ein Kamerad, der früher bei der Artillerie stand, sagte, am Besten wäre es, die nach dem Huangpu liegende Seite des Forts anzugreifen, wo kleinere Geschütze standen; sobald wir auf den Wällen wären, wollte er den übrigen Teil des Forts mit den Geschützen beschiessen. Das war ein Gedanke, dem Niu und ich sofort zustimmten. Niu kroch nach dem linken Flügel zurück und gab den Leuten kund, dass sofort Befehl zum Angriff gegeben werde; das Ziel sei die Eingangspforte in der Nähe des Teiches. Kaum war Niu an seinem Flügel angelangt, so machte er mit seinen Untergebnen, etwa achtzig Mann, eine Schwenkung, sodass sein Zug halbrechts gegen den Huangpu lag. Im Fort wurde die Bewegung bemerkt, und so bekam sein Zug heftiges Feuer. Nun ging es im Sturmschritt vor. Hie und da stürzte Einer von uns. Wir kamen aber dem Fort immer näher. Deutlich konnten wir die feindlichen Schützen auf der Umfassungsmauer sehen. Wir feuerten, sprangen vor, suchten neue Deckung und feuerten weiter, das Auge immer auf den östlichen Teil der Forts gerichtet. Dreihundert Meter — zweihundertfünfzig — zweih —. Da plötzlich ertönte ein furchtbarer Schrei vom linken Flügel. Wir sahen nach links und bemerkten zugleich, wie aus den Toren der Forts sich feindliche Truppen ergossen und sich wie ein Heuschreckenschwarm über das Gelände verbreiteten. Unsere Leute hatten bald die sich nahende Uebermacht bemerkt und begannen zu flüchten. Es war kein Halten mehr; in wirrem Durcheinander strömte der Rest unserer Truppen dem roten Backsteinbau zu, wo unser Quartier lag. Viele rissen sich die Patronengürtel vom Leib und warfen die Waffen fort, um schneller laufen zu können. Wie flüchtendes Wild vor dem Jäger sauste Alles über die Felder. Geschosse aus Geschützen und Gewehren schlugen in unsere Reihen und manch wildem Lauf wurde ein frühes Ziel gesetzt. Etwa achtzig Mann erreichten das Quartier. Niu, der sich trotz seiner Wunde immer noch tapfer hielt, befahl, zwei Maschinengewehre an den Eingang zu stellen. Sie konnten jedoch nicht in Aktion treten, weil uns der Feind von der Nordseite her angriff. Unser Führer Tai Hsing und seine Unterführer liefen aufgeregt durch Gänge und Höfe und wussten keinen Rat. Auch wir Soldaten wussten nicht, was wir tun sollten; wir fühlten nur, dass unsere Widerstandskraft gebrochen war.
Ich wollte gerade in der Stube meine Sachen holen, da stürzten schon die Angreifer über Mauer und durch die Hinterpforte und zugleich schlug eine Granate in den hintern Teil des Gebäudes, das in Flammen aufging. Ich kletterte an einer Bambusstange die Südmauer hinauf, sprang auf der anderen Seite hinab und durchschwamm den Wassergraben. Ich blieb bis zum Oberkörper im Wasser und versteckte meinen Kopf zwischen Ufergebüsch. Aus dem Hof drang furchtbares Schreien und Schlagen, als ob mit dem Gewehrkolben auf Holz geschlagen würde. Nach einer Weile kroch ich aus meinem Versteck und wollte zwischen Reisfeldern das Weite suchen, als mich ein Schwarm der Angreifer entdeckte und mich zum Gefangenen machte. Ich wurde nach dem Hof unseres Quartiers gebracht, wo eine grosse Zahl meiner Kameraden von feindlichen Soldaten bewacht wurden. Auch Tai Hsing und seine Unterführer waren unter den Gefangenen. Unteroffizier Niu bemerkte ich nicht. Wir wurden unter scharfer Bewachung nach dem Fort gebracht, wo der Kommandant Kü Tscheng und seine Offiziere ein scharfes Verhör anstellten. Wir glaubten alle, dass wir erschossen werden sollten, zuerst wurde unser Führer Tai Hsing verhört. Kü Tscheng liess ihn vortreten und sprach zu ihm: „Du bist einmal einer meiner heissgeliebten Brüder gewesen, der für die gerechte Sache kämpfen wollte. Du bist aber ein Verräter geworden, der den Tod verdient.“ Kü Tscheng gab Befehl, den Gefangenen wegzuführen; Tai wurde am nächsten Morgen erschossen. Mit ihm noch einige Unterführer, mit Ausnahme Yings, der in die Dienste Kü Chengs trat. Von den Soldaten wurde keiner erschossen. Einige blieben im Fort, um bei Kü Tscheng Kriegsdienste zu tun. Die Uebrigen erhielten vier Dollar und durften gehen, wohin sie wollten.
Ich kehrte mit einigen Kameraden nach Schanghai zurück. Wir wollten Liu Fu piao suchen, der uns noch Entlassungsgeld zahlen sollte. Im Tai yang Tempel in Chapei fanden wir ihn. Dort kamen auch in den nächsten Tagen noch viele geflüchtete Kameraden, sodass wir im Ganzen zweihundert Mann waren. Viele von uns sahen mager aus und trugen zerrissene Zivilröcke. Liu Fu piao sorgte für unsern Unterhalt; er geizte aber mit den Ausgaben, so dass wir immer halbhungrig waren. Wir sagten ihm, er solle uns endlich ablöhnen. Einige von uns hatten eine Zusammenkunft in einem Hotel in der französischen Niederlassung und beratschlagten, was sie nach ihrer Entlassung tun sollten. Sie beschlossen, eine Eingabe an den Tutu von Kiangsu, Tschen Teh tschuan, zu machen, worin sie ihn bitten wollten, sie in seine Dienste zu nehmen. Was daraus geworden ist, weiss ich nicht. Endlich erhielten wir unsern letzten Sold. Am Nachmittag wurde ein Handkarren mit zwei Kisten ins Lager gefahren, die Silberstücke enthielten. Liu Fu piao liess uns dann durch seinen Zahlmeister je sieben Silberdollar bezahlen. Sie waren ganz neu und noch nicht gebraucht. Auf dem Geld stand: „Dollar der Ta Tsing Dynastie“ in chinesisch und mandschurisch. Merkwürdig: wir einstigen Revolutionäre wurden mit dem Geld des Kaisers aus dem Dienst entlassen. Jeder erhielt eine Bescheinigung, dass er unter Liu Fu piao bei den „Kan sze tui“ gedient hatte. Liu ging am nächsten Tage nach Su tschou.
Das ist meine Lebensgeschichte.
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Der Leser wird vielleicht enttäuscht sein, wenn er den Erinnerungen eines chinesischen Revolutionärs bis hierher gefolgt ist. Er hat sicher erwartet, dass darin von Verschwörungen, Bomben und Begeisterung berichtet werde, besonders weil Wang Fei ting der „gefürchteten“ zum „Tode bereiten Truppe“ (die Engländer sagen „dare to dies“) angehörte, von deren Tapferkeit und revolutionärer Begeisterung in der chinesischen und englisch-amerikanischen Presse nicht genug Rühmens gemacht werden konnte. Liu Fu piao wird sich über die ungewollte Pressreklame oft ins Fäustchen gelacht haben, denn sie hat sicher dazu beigetragen, dass er den Verkauf seiner Truppe an die Pekinger Regierung unter den günstigsten Bedingungen hat durchsetzen können. Geschichtlich ist die Feststellung interessant, dass die „Kan sze tui“ Truppen in dem Augenblick, wo sie von ihrem neuen Führer Tai Hsing in Nan tao im Empfang genommen wurden, schon ohne ihr Wissen an die Nordregierung verkauft waren. Die Verführten und Betörten sind natürlich die Söldner gewesen. Solange sie bezahlt werden und genug zu essen haben, kämpfen sie für jede Sache. Hunderte sind um des Geldes und des täglichen Reises willen auf dem Schlachtfeld geblieben; ihnen flicht die Nachwelt keine Kränze. Die Erinnerungen des Revolutionärs bergen eine ernste Lehre für die chinesische Regierung. Vor einigen Jahren zitterten die Behörden vor der „Studentengefahr“, da sie glaubten, dass in den Köpfen jugendlicher Heisssporne der Umsturz geboren werde; sie liessen aber dabei die „Soldatengefahr“ ausser Acht, die erst die Theorien politischer Wolkenkukuksheimer wirksam machen konnte, und die aus den Kreisen heraus entstehen musste, die infolge der sozialen Verhältnisse nach einer bessern Lebensversorgung drängten. Erst das Geld, dann die Gesinnung war das Schlagwort dieser Kreise; dass es mitunter zum Siege führen kann, hat die Wu-tschanger Revolution des Jahres 1911 gezeigt. Solange China Hunderttausende junge Menschen hat, die auf die Gefahr des Totschiessens hin jedem Demagogen folgen, der ihnen Geld und Reis zu bieten vermag, schwebt über jeder Regierung in Peking, sei sie republikanisch oder monarchisch, das Damoklesschwert einer Revolution.