Ansicht eines Silbergeschäfts mit reichem Schnitzwerk in der Nanking Road.
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Ein Unbekannter, der einen flüchtigen Tag in Schanghai verbrachte, schrieb am 2ten April 1908 in sein von der „Neuen Rundschau“ veröffentlichtes Reisetagebuch: „Ueber den Menschen liegt die Stumpfheit der Kulturferne. Nur materielle Kultur ist da, und man fühlt recht, wie wenig sie bedeutet. Für den Chinesen ist sie eine ungünstige Folie. Er scheint, an ihr gemessen, plump und unzugänglich. Andererseits wirkt er in diesem seelenlosen Milieu selber noch nüchterner und trockener.“ Der Mann, der das schrieb, hat beim Betreten der Weltstadt Schanghai nicht nach Art der flüchtigen Weltenbummler das Protzig-Aeusserliche, durch westländische Zivilisationsmittel Geschaffene auf sich einwirken lassen, sondern hat mit einem offenbaren Sinn für das Psychologische ausgestattet, nach der Seele der Weltstadt gesucht, wie er sie wohl in jeder grossen Stadt des europäischen Festlands zu entdecken gewohnt war. In Schanghai hat er die Seele nicht gefunden, und er musste die Feststellung machen, dass es seelenlos, das heisst kulturlos, ist. Ihrer ganzen Entwicklung nach musste auch Schanghai zur steten Kulturlosigkeit verdammt werden, und alle Versuche, ihm eine Seele einzuhauchen, müssen scheitern, weil noch der Meister fehlt, dem das gelingen könnte. Schanghai ist das nackte Produkt eines krassen Materialismus, dem alle Ansätze zu einer veredelnden Weiterbildung fehlen. Handel- und Schachergeist hat die Weltstadt erbaut, von Handel- und Schachergeist wird sie beherrscht. Aufgezwungene Verträge, unter drohenden englischen Kanonenschlünden unterschrieben, schufen den Grund und Boden, auf dem sie steht. Ganze Strassen gehören satten Kapitalisten, deren Söhne von den Erträgen leben, die die fetten Häusermieten abwerfen. Es waren nicht die edelsten Vertreter des Westens und des Chinesentums, in deren Schweiss die Weltstadt entstanden ist. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war China das Land des europäischen Abenteurers, der besonders durch den Taipingaufstand angelockt, Schanghai zum Stützpunkt seiner Unternehmungen machte; die politische Konquistadorenpolitik zerschellte an dem passiven Widerstand des Chinesentums. Desto nachdrücklicher war die wirtschaftliche Konquistadorenpolitik. Englische Lebensinteressen erforderten es, dem indischen Opium ein Absatzgebiet zu schaffen. Durch den Rachen Schanghais wurde das berauschende Gift ins Land geschüttet, das seinerseits hergab, was der Acker trug. Der mit den Landesverhältnissen unkundige Kaufmann brauchte einen Vermittler, den Compradore, der, sich durch den Zwischenhandel rasch bereichernd, zu einer neuen Gesellschaftsklasse auswuchs, die allmählich zur herrschenden Klasse geworden ist. Sie ist ebenso wie die Weltstadt Schanghai durch und durch materialistisch. Schanghai speicherte immer Reichtum in seinen Mauern auf und brachte andere Handelsstädte an der Küste unter seine wirtschaftliche Vasallenschaft. Schon regte sich unter der Jugend das Bedürfnis nach westländischer Bildung. So entstanden Schulen, in denen der Junge lernte, wie man rasch Geld verdienen konnte. Der Kontordiener der Tags über mechanisch mit der Presse Briefe kopierte, liess sich Abends in die Geheimnisse der englischen Sprache einweihen, mit der sich so leicht Geschäfte machen liessen. Vielleicht bin ich in einigen Jahren ein gebietender Handelsherr, dachte er. Vielen war das Glück hold. Zwei brachten es sogar zum Minister. Es waren auch nicht die besten Vertreter des Chinesentums, die sich in den Gründerjahren in Schanghai zusammenfanden. Flüchtlinge aus dem Taipingaufstand, Verbrecher, bankrotte Kaufleute, alle möglichen verkrachten Existenzen, sammelten sich im Bereich der schützenden Niederlassungsgrenze. So wuchs Schanghai allmählich heran; ein Schreckbild und warnendes Beispiel für jeden wahren Chinesen.
Und was ist Schanghai heute? Aeusserlich ist es ins Weite gewachsen und nennt alle Mittel westländischer Zivilisation sein eigen, einschliesslich des Luftfahrzeuges, das schon über die Dächer surrte. Doch die Menschen sind dieselben geblieben. Für Jeden, der durch den Tod abberufen wurde oder mit prallem Geldbeutel in die Heimat zurückkehrt, springen drei neue ein, die in derselben Weise des Glück erjagen wollen. Beinahe genau in denselben Bahnen, wie vor fünfzig Jahren, bewegt sich das Verhältnis zwischen Westländer und Chinesen. Die, die durch gemeinsame Interessen, das heisst das Geldverdienen, miteinander verknüpft sind, leben im besten Einvernehmen; es ist ein künstlich gezwungenes Einvernehmen, das jede Partei erhalten zu sehen wünscht, weil es zum beiderseitigen Vorteil gereicht. Von irgend einem tiefern, gegenseitigen Verständnis, einem sich anbahnenden „Sich verstehen wollen“ ist keine Spur vorhanden. Unüberbrückbar ist die Kluft zwischen dem Westländertum und der breiten Bevölkerungsmasse. Pharisäischer Rassenhochmut des Westländers und verhaltener Hass der Masse gegen den erobernden Eindringling sind Extreme, die sich nie berühren, sondern die nur noch weiter auseinanderklaffen können. Vor fünfzig Jahren, als sich der Westländer wirklich auf die Macht seiner Kanonen stützen konnte und als noch die chinesische Masse ihre ganze Ohnmacht fühlte, da war die herrschende Stellung des Westländers bedroht. Fünfzig Jahre bedeuten aber für Chinesen, deren Zahlengedächtnis, wenn sie die Geschichte ihres Landes studieren wollen, die Stufenleiter abwärts bis dreitausend vor Christus zurückgehen muss, nur eine Tag- und Nachtspanne. Und wie leicht kann er sich Dessen erinnern, was erst gestern geschehen war. Noch leben achtzigjährige Greise in Schanghai, die ihren Enkeln erzählen können, wie damals die Westländer die gesegneten Fluren zertrampelt haben und wie sie jedem, der sich nicht scheu duckte, die starke Faust des Eroberers fühlen liessen. In Büchern und Schriften sind die Sünden der Westländer aufgezeichnet, und nie wird ihnen dereinst grossmütig Absolution gegeben werden. Nein, die Nachkommen müssen fühlen, was ihre Vorfahren im Unverstand getan haben. Hat Schanghai nicht oft genug elementare Ausbrüche der Volkswut erlebt? Haben die Jahre 1905, 1908 und 1910 nicht Explosionen eines Volksempfindens gebracht, das den Westländern übel will? Die Revolution hat dieses Empfinden geschärft. Genau in dem Masse wie sich in den Kreisen der Jungchinesen ein bis zur äussersten Empfindlichkeit gesteigertes Nationalgefühl herausgebildet hat, das gegen jeden vermeintlichen Uebergriff der Westländer in chinesische Hoheitsrechte geschlossen Front macht, ist auch das Massenempfinden auf diese Abwehr eingestellt. Und dieses Empfinden ist aus den Verhältnissen der chinesischen Weltstadt geboren worden; es ist, wie die Stadt selbst, das Erzeugnis einer kalten, materialistischen Kultur, die zwar Westländer und Chinesen im wirtschaftlichen Wettbewerb nebeneinander arbeiten lässt, die aber fast jede, vom Wunsch einer gegenseitigen geistig-kulturellen Annäherung getragene Absicht bisher vereitelt hat. Das ist eben der Fluch der Kulturlosigkeit, der auf Schanghai lastet. In der fortwährenden Anhäufung materieller Werte ist die Prägung geistiger Werte unterlassen worden. Schanghai ist der missglückteste Versuch einer westländisch-chinesischen Annäherung.
Die Geschichte lehrt, dass Weltstädte infolge der Fäden, die sie mit aller möglichen Herren Länder verknüpften, vielfach als Präger neuer Kulturen auftraten. Man braucht hierbei nur an die Riesenstädte Niniveh, Babylon, Theben, Memphis zu denken, die mittelbar die Mittelmeerkultur geschaffen hatte. Ist dem kulturlosen Schanghai eine ähnliche Rolle in Zukunft für das gewaltige chinesische Festland vorbehalten? Canton, das vor der Revolution als Ausgangspunkt einer neuen chinesischen „Kultur“ in Frage kommen konnte, musste die Führung schon an Schanghai abtreten, das nach allen Teilen des Reiches enge Verbindungen unterhaltend, der günstigste Platz für ein solches Unternehmen ist. Seine Presse trägt die Schanghaier Anschauungen weit in das Land hinein und lockert den Boden im Volk. In dem Augenblick, wo ganz China dem westländischen Unternehmungsgeist geöffnet ist, gibt es kein Halten mehr. Was dann geschehen wird, ist ein Zukunftsbild, und doch glaubt man es schon im Spiegel zu erschauen, wenn man auf Schanghai blickt. Schanghai ist das Spiegelbild des künftigen China. Neue Grosstädte werden wie berückende Sumpfblumen über Nacht entstehen und sich durch dieselbe Kulturlosigkeit auszeichnen wie ihr Vorbild; kleinere Städte und Dörfer werden sich anschliessen. Alles Schöne und Edle, was die chinesische Kultur zu geben hat, wird hinweggefegt, und das Gemeine und Hässliche, was der westländischen Kultur anhaftet, wird siegreich vordringen, während ihre edlen Bestandteile erdrückt werden. Chinesischer und westländischer Materialismus werden sich wieder die Hand zum fröhlichen Bunde reichen. Das wird ein Arbeiten ohne Feiern. Denn wie berückend muss doch das Gefühl sein, nicht einer einzelnen Stadt, sondern allmählich einem tausendjährigen Kulturreich den Stempel der Kulturlosigkeit aufzudrücken.