Das Boot wird mit langen Bambusstangen durch den schokoladenfarbenen Suchouer Kriek gestochen. Es ist ein schmuckes Hausboot. Sein Inneres ist peinlich sauber, deutsch anheimelnd. Fast könnte man glauben, man sässe in einem schlicht geschmackvollen Junggesellenzimmer. Heimatbilder zieren die niederen Wände, von empfindender Künstlerhand aufgehängt. Am Bug, der sich allmählich in die Strömung des Huangpu hineintastet, stehen Liegestühle bereit, darin man wohlig seine Glieder reckt.

Noch liegt die Dämmerung hinter dem hellen Tageshimmel versteckt. Dem Auge nicht sichtbar kämpft sie um Durchbruch.

Zur Rechten atmet die „Lunge Schanghais“, der Stadtpark. Wie neu und eigenartig wirkt das Treiben, vom Fluss gesehen. Auf sattgrünem Hintergrund heben sich farbenfrohe Flecken ab, so willkürlich, als ob ein Maler, erbost über das Misslingen eines Werkes, alle Farbentuben auf der Leinwand ausgequetscht hätte. Obwohl man keine der auf- und abwandernden Gestalten erkennen kann und das Gesamtbild in einem wirren Farbenmeer gerinnt, braucht man nur für zwei Sekunden die Augen zu schliessen und die Phantasie rekonstruiert naturgetreu das Bild. Denn Jahr aus, Jahr ein ist man ja selbst ein wanderndes Pünktchen im Farbenmeer; die Gewöhnung hat Einen gar vertraut mit den spazierengehenden Menschen gemacht; Manche hat man bis in die winzigen Gesichtsrillen studiert. Und doch geht man täglich an sich vorbei. Unbekannt und doch bekannt. Ab und zu zuckt unwillkürlich die Hand zum Gruss. Doch auf halber Höhe erstarrt sie, weil der Verstand sagt: „Mensch, du bist ja gar nicht vorgestellt.“ Trotzdem beherrscht ein instinktives Gefühl der Zusammengehörigkeit die Masse der Spaziergänger; sie fühlt sich als europäisches Einsprengsel mitten in dem brandenden chinesischen Völkerkessel, und sie weiss, dass es, wenn sie sich zersplittert und von dem Sauerteig chinesischer Assimilierungskraft verschlungen wird, keine Rettung gibt. Das wäre nicht zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte. Und was noch das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt, das ist die Musik, die aus dem Tempel ertönt und von deren schmeichelnden Weisen gewiegt, die Menge auf- und abwandert. Sie ersetzt Manchen während der heissen Sommermonate die Sehnsucht nach frischer Luft, an der Schanghai so arm ist, und die Berge, die ihm so ganz fehlen. Sie reizt seine Phantasie an, entrückt ihn vom dem Sumpfboden, auf dem Schanghai steht, entführt ihn in Gärten voll duftender Blumen und lässt ihn alle Erdenschwere abstreifen. Dafür soll Euch immerdar gedankt sein, ihr Musiker. Heute blast ihr zwar gegen den Wind, und der ist so ungnädig, dass er nur stossweise die Tonwellen zu unserm Boot herüber wirft. So hören wir nur in abgehacktem Rhythmus die Weise aus dem ewig jungen Grafen von Luxemburg.

Jetzt siegt allmählich die Dämmerung. Mit ockergelben Wangen lugt sie hinter den Zinnen der arbeitsreichen Stadt hervor. Im Norden würde man sich vor einer solchen Farbe in einen wettersichern Winkel verkriechen. Denn dort kündet sie den gefürchteten Staubsturm an. Hier leuchtet sie nur zur Augenweide des Sentimentalen. Und je aufmerksamer man hinschaut, desto mehr bemerkt man, wie sich die Wangen rötlich tönen, erst orangefarben werden, dann rot und dunkelrot. Und die Wangen erhalten eine geheimnisvolle Leuchtkraft, die aus sich selbst heraus wächst. Drüben, am Putunger Ufer erglühen die Glasfenster der stampfenden Fabrik wie Feuer. In die Abendröte getaucht stöhnt das kleine Hangchouer Dampfboot flussauf; es schleppt hinter sich fünf maschinenlose Passagierboote. Wie flinke Geier stürzen sich von allen Seiten kleine Sampans auf den Schleppzug, die Bootshaken werden in die Bordwand eingekrallt, und die Sampanführer machen vergnügte Gesichter, dass sie ohne Anstrengung ein Stück stromauf geschleppt werden. Fünf Meter hinter dem letzten Schleppboot prescht noch ein Sampan gegen den Strom; auch er möchte ein Stückchen mühelose Fahrt machen. Eine stattliche Frauengestalt mit umschlungenem Kopftuch steht am Ruder, das sie mit Leibeskräften vorwärts schraubt. Das Glück ist ihr hold; sie kann ihr Fahrzeug festmachen. Erschöpft lässt sich die Frau auf der Bootsbank nieder und stösst das erleichternde „Ajo“ aus. Bald hätte sie den Anschluss verpasst.

Langsam fährt unser Boot stromauf. Das Hangchouer Schiff mit seinem stattlichen Anhängsel ist schon ausser Sicht. Am englischen Stationär vorbei, passieren wir zwei weissgelbe russische Torpedoboote mit hochgebautem Vordersteven, ein graublaues deutsche Kriegsschiff, einen typischen Amerikaner und einen Holländer, der mit seinen zwei schwarzen Zylinderhüten auf gelben Schornsteinen so behäbig in der braunen Schokoladensauce des Huangpu liegt, wie der selige Droogstoppel zwischen seinen „Bruntjes“.

Das Abendrot ist gewichen. Schanghai ist in ein leichtes Grau gehüllt. Scharf und kantig, wie aus dunkler Pappe geschnitten, hebt es sich vom Huangpuufer ab und klebt gegen den Himmel. Kleine Pinassen wachsen sich im Zwielicht zu grossen Dampfern aus und durchschwirren auf letzter Fahrt den Strom. Verspätete Sampans durchkreuzen den Fluss. Eigentümlich wirkt die Gestalt des Mannes am Ruder. Die Beleuchtung erniedrigt den Starken zu einem übergrossen spindeldürren Wesen, das wie eine vom Wind bewegte Vogelscheuche aussieht. Das Putunger Ufer liegt in Dunkel gehüllt. Die riesigen Lagerschuppen muten wie eine Hügellandschaft an, an der unser Boot entlang gleitet. Kein Fünkchen Licht erhellt das Dunkel. Allmählich kommen wir in den Bereich der chinesischen Stadt. Das Auge vermag das gegenüberliegende Ufer nicht zu erreichen; denn der Blick ist von einem Wald von Masten gehemmt. Hunderte von hochgebauten, seegehenden Dschunken liegen vor Anker. Tiefe Stille herrscht auf ihren Decks; kein Wellenschlag setzt die plumpen Schiffsrümpfe in Bewegung, deren Masten kerzengrade gegen den Himmel starren. Bis nach Singapore und nördlich bis in die Mandschurei und Korea fahren die Dschunken. Sind gefahren; denn seit Monaten liegen sie hier und warten auf bessere Zeiten. Wie selten lichtet einmal ein Boot den Anker und fährt flussab. Und wie lange wird es noch dauern, da man dem chinesischen Schuljungen auf Bildern zeigt, auf welch unbeholfenen Fahrzeugen die Eltern oder Grosseltern ihre Güter befördern mussten. Jung China trägt sich mit Plänen; mit grossen Plänen. In einigen Jahrzehnten wird China einen Schiffspark haben, der ähnlich wie in Japan mit hohen staatlichen Unterstützungsgeldern aufgepäppelt, auf dem Gebiet der chinesischen Küstenschiffahrt und vielleicht auch der Weltschiffahrt gewaltige Verschiebungen bringt. Schade, dass die Dschunke „Ningpo“, die ein findiger Amerikaner den Schaulustigen auf der Ausstellung in San Franzisko „in Freiheit dressiert“ vorzuführen beabsichtigte, nicht über den „Stillen Teich“ kann. Das wäre doch ein Hauptvergnügen für Chinas kommende Geschlechter, eine Reise nach „Frisko“ zu machen, um einmal in Amerika zu sehen, wie früher eine chinesische Dschunke ausgesehen hat! Andererseits wird aber auch die Zeit nicht mehr fern sein, wo man sich als in China lebender Westländer in Erinnerung zurückzurufen haben wird, wie eigentlich ein ausländischer Yangtsedampfer ausgesehen hat. An diese Frage wurden wir erinnert, als unser Boot an der dunklen Masse eines ausländischen Dampfers vorbeifuhr, der schon einige Zeit an derselben Stelle vor Anker liegt, und sich noch immer nicht entschliessen kann, seine regelmässigen Fahrten zwischen Schanghai und Hankou wieder aufzunehmen. Der Wettbewerb auf dem Yangtse ist hart. Und er wird noch bedeutend verschärft, wenn chinesische Dampfergesellschaften ins Geschäft kommen. Das wird ein heisser Kampf werden, der schliesslich zum Sieg der Chinesen führen muss. Deshalb tut man gut, sich jeden ausländischen Yangtsedampfer genau zu betrachten, damit man später seinen Enkeln erzählen kann, wie ein solches Schiff ausgesehen hat. Dann wird man auch nicht umhin können, die Glanzzeiten des Europäertums in China kurz zu streifen.

Noch eine halbe Stunde ging die Fahrt flussauf. Dann klirrt die Ankerkette auf den Schlammgrund des Huangpu. Ein beschauliches Plätzchen hatte der Bootsmann ausgesucht. Einsam schaukelt das Boot auf dem Fluss. Ringsum liegt Alles im Ungewissen. Hundegebell und der Klang von Menschenstimmen dringen hinter einer schwarzen Wand hervor, die ebenso gut eine Baumgruppe wie eine Tempelanlage darstellen kann. Halbrechts, ein Stückchen flussab, glimmen viele flackernde Lichter im Dunkel, aus dem Fiedelklänge und Gelächter ertönen. Die Bevölkerung feiert dort ein Fest. Ab und zu löst sich eine plump beleuchtende Masse vom Ufer ab und steuert der Mitte des Stromes zu; es ist ein Boot, an dessen Bug ein korbähnliches Drahtgeflecht angebracht ist, in dem mit Silberpapier nachgeahmte Geldstücke in nie erlöschender Flamme verbrannt werden, um die Seelen der im Fluss Ertrunkenen zu versöhnen. Im Deckstuhl liegend, starrt man nach dem Himmel. Der ist in nimmer ruhender Bewegung; es scheint, als ob flüssiges Gold und Silber über tiefblauen Stahl riesele. Die Sternbilder der Lyra und des Aquila, in denen der Chinese ein webendes Mädchen und einen Hirten verkörpert, sind wieder getrennt. Nur einmal im Jahr, am siebten Tag des siebten Monats, wenn die Weberin in den Bereich des Hirten kommt, dürfen sie sich zärtlich umarmen; die übrige Zeit muss die Weberin getrennt von ihrem Gatten leben. Viele chinesische Frauen und Jungfrauen richten an dem jährlichen Vermählungstag der beiden sich liebenden Sternbilder die Augen sehnsüchtig gen Himmel und erbitten das Glück, das ihnen das Geschick bisher verwehrt hat.

Die Fahrt geht wieder flussab. Der schmutzige Huangpu hat etwas von dem Silbergeschimmer angenommen, das vom Himmel strahlt. Der freche Geselle rauscht sogar so verführerisch wie der Rhein. Weit hinten leuchtet der Lichtkreis über Schanghai. Riesige Lichterketten, mitunter so regelmässig wie ein glitzerndes Perlengehänge, zeigen dem Boot den Weg. Aus der Ferne tönt das Stampfen und Atmen der Grossstadt, dieses aus chinesisch westländischer Kulturnotzucht hervorgegangene Kind, in dessen Zukunft man nicht blicken kann, wie es ebenso auch vergebens ist, zu ahnen, was hinter dem Lichtermeer liegt, wenn man als Fremder die Stadt noch nie betreten hat. Man sieht nichts; man vernimmt nur den Rhythmus der Stadt. Und der prägt sich im Surren der Maschinen in den Gewerkhäusern aus, die zu beiden Seiten des Flusses liegen. Noch ist das Arbeitervolk willig und zufrieden. Blühende Mädchen arbeiten für kargen Lohn in den Nachtstunden; russige Männer bedienen die Maschinen, die auf ihren Wunsch laufen, aber auch stillstehen können. Ja, stillstehen! Noch ist heute Streik vielfach ein ihnen unbekanntes Wort. Es findet aber schon im chinesischen Wörterbuch Eingang. In Versammlungen wird dunkel von einer sozialen Frage geredet, von gleichem Recht für den Arbeiter, von politischem Zusammenschluss. Wenn sich aber die Zeit erfüllet, dann wird Schanghai eine Hochburg chinesischer sozialistischer Gedanken sein, Schanghai, das so viele industrielle Betriebe aufweist, wie kaum das übrige China zusammen hat. Und es wird die Zeit kommen, wo man in Schanghai ruft: „Sun Yi hsien, die Arbeiterkolonnen grüssen Dich!“