Wo in der Hölle Du, fort und fort,
Dich hinter den Ohren sollst kratzen.“
„Und damit kam der Geräderte auf ihn zu, als daure ihm des rothen Nickels Abwesenheit zu lange, und als wolle er einstweilen mit Schuldmann zum Cameraden fürlieb nehmen. Aber dem waren nach und nach die paar noch übrigen Haare zu Berge gestiegen, als wären es Borsten. Statt des vorigen Liedes Fistelklang wand sich nur tiefes Grunzen noch aus seiner Brust, und in der höchsten Todesangst strengte er jetzt alle seine Kräfte auf einmal an, und gab Fersengeld, was die alten Beine nur vermochten. Das Entsetzen lieh ihm Flügel — nur einmal noch, grade mit dem letzten Schlage der Glocke, warf er einen scheuen Blick der Todesangst hinter sich zurück und sah, wie der ganze Spuk unter fürchterlichem Geheul langsam in die Erde versank.“
„Solltet Ihr’s aber wohl glauben, lieber Herr, daß unser Schuldiger, denn so nannten wir ihn oft der Kürze wegen; nun, daß unser Schuldiger, sag’ ich, wirklich grade 100 Jahr alt wurde, noch einmal eine junge Frau heirathete, weil ihm die Geister doch versichert, er habe nichts für seinen Kopf zu fürchten, und nachdem er zweimal Jubiläum gefeiert, zwar ganz kindisch, und nur dann noch thätig blieb, wo eine kleine Bosheit auszuüben war, aber eben deßhalb immer in gleichem Ansehn, als wirklicher Ratzenfänger, in Amt und Würden selig verstarb. Sonst aber sind die Prophezeihungen des bösen Geistergesindels gewiß nicht in Erfüllung gegangen. Wir wissen zwar nicht, ob sein armer Kopf wirklich unbeschädigt geblieben, aber in die Hölle ist er nicht gekommen. Wie uns der Priester versichert hat, ward er begnadigt und hämmert nur als Grobschmidt 500 Jahre im Fegefeuer, was doch nichts dagegen ist, die ganze Ewigkeit hindurch geschmort zu werden.“ —
Ich erlaube mir, den geneigten Leser ohne Weiteres in die Gaststube zu K. W. zu versetzen, wo ich mir mit einer sehr achtungs- und liebenswürdigen Dame ein Rendezvous gegeben habe. Es ist jetzt Mode, wenn man eine junge, hübsche Frau entführen will, sie erst eine kurze Zeit in eine herrnhutische Anstalt zu schicken, damit sie sich gleichsam präpariren und zur vorhabenden Reise sammlen möge. Le péché en devient plus piquant. — Dies war aber mein Fall nicht. Die Dame meines Herzens ist zwar von sehr angenehmem Aeußern und, lebte sie in England, würde man sagen können, sie sey erst in das eigentliche Alter der Eroberungen getreten, welches dort bekanntlich mit dem vierzigsten Jahre beginnt. Sie und ich sind indeß schon seit langer Zeit die neusten Freunde, und sie erscheint mir überdies, schon durch Geist und Güte, alles Aeußere abgerechnet, hundert Jüngern vorzuziehen, ist aber noch außerdem durch etwas Kostbareres unschätzbar für mich — nämlich durch wahre Liebe, die sie für mich hegt; mit Einem Worte: es ist meine Julie. Doch so reich ihr Gemüth an Liebe ist, so hat es doch glücklicherweise auch seine liebenswürdigen Schwächen (denn nichts ist langweiliger auf der Welt, als Vollkommenheit), und diese benutzt, außer mir, besonders noch ein Wesen, welches ebenfalls in ihrer höchsten Gunst steht, ein enfant gâté, mit Namen Fancy, ein Geschöpf eben so whymsical, wie jene (Fancy heißt Laune), eben so gracieus, aber auch zuweilen eben so furchtbar, wenn es übler Laune ist. Dieser junge englische Gentleman, oder vielmehr Nobleman ist ein ächter Sprößling der edlen Marlborugh-Raçe von Blenheim, in dessen Schlosses Thorhalle ich selbst ihn kaufte — denn mit Spaniels ist der Sclavenhandel in England dermalen noch verstattet.
Nicht ahnete mir damals, welche Schlange ich im Busen erwärmte, als ich mit der Zärtlichkeit einer Wöchnerin den unbehülflichen Baby mir selbst zum siegreichen Rivale auferzog. Sorgsam ward er über das weite Meer transportirt, mit merkwürdigen Fabrikaten, mehrern Engländern (ein Pferd mit kurzem Schwanz wird bei uns ein Engländer genannt;), nationalisirten Affen und Papagaien, auch einigen menschlichen Insulanern — und alles dieses der geliebten Frau zugleich zu Füßen gelegt. Die Insulaner machten sich jedoch bald unnütz, so daß man sie zurücksenden mußte, die Pferde thaten ihre Pflicht und noch etwas mehr — ein sicheres Mittel, wenig ästimirt zu werden — Affen und Papagaien relegirte man in die Gewächshäuser, nur Fancy allein erlangte bald eine immer gesteigerte Intimität, ward erst, wie gesagt, verzognes Kind, dann Günstling, endlich Herr!
Derselbe ist nun unbeschränkter Autokrat im Hause; wohl dem, welchem er zuwedelt, doppelt wehe dem, den er in die Finger beißt: denn solcher wird nicht nur gebissen, sondern auch noch dafür gescholten werden. Geschieht mir aber dergleichen, so thue ich so, als sey es nur Spaß gewesen, und versichre, die blutigen Finger versteckend, und freundlich lächelnd: Fancy habe mich nur geleckt. — Merke Dir diese Regel, lieber Kammerherr, sie kann Dir goldne Früchte bringen, auch wenn Du ein Starost oder Knes wärest.