Da die Ruhe im Hause nun wieder hergestellt war, benutzte ich diese glückliche Conjunctur zu einer Ausflucht, nämlich um einen Besuch bei Brüdern und Schwestern en gros zu machen.
Wen erfreut und besticht nicht schon der äußere Anblick jener freundlichen, reinlichen und anspruchslosen Oertchen, welche von Herrnhutern bewohnt sind? Ich spreche jetzt ganz ernsthaft. Gewiß ist es ein sehr rühmliches Zeichen für sie, (man denke nun über ihren religiösen Cultus wie man wolle) daß Processe unter ihnen unbekannt und Verbrecher höchst selten sind; daß sie brüderlich zusammenhalten und daß sie von jedem Gutsbesitzer als Unterthanen sehr gewünscht und allen andern vorgezogen werden. Sie geben überall ruhig und ohne Anstand, was des Kaisers ist, und Gott, was sie ihm schuldig zu seyn glauben. Man wirft ihnen Heuchelei, Duckmäuserei u.s.w. vor. Was geht mich aber das an, wenn Jemand dabei nur alle seine Bürgerpflichten gegen mich erfüllt, und mit seiner Frömmelei weder in die Weltbegebenheiten einzugreifen noch irgend Jemand zu schaden sucht, sondern sie nur als ein Privatvergnügen treibt. Ich achte daher die Herrnhuter gar sehr, aber Komisches haben sie an sich, das ist nicht zu leugnen, und ich habe vorher erklärt, daß ich, (wirklich nach zu vielem Weinen) jetzt aus Lachen und Scherzen mein Handwerk gemacht habe, es indeß auch Keinem verdenke, der es mir reichlich wiedergiebt, wenn es nur eben so harmlos geschieht.
Die Brüder und das Knaben-Institut fand ich über die Erlaubniß cynisch. Man wurde überall, bis in den Eßsaal sogar, auf eine der Nase fast unerträgliche Weise daran erinnert, was das endliche Loos des besten Dinés auf Erden zuletzt seyn muß; die Farbe der Kleider war an den Kindern vor Schmutz kaum zu erkennen, und die Häupter der Knaben schienen überdies missionarische Insekten aus allen Zonen zu beherbergen. Das hat sich, hier, in K. W. wenigstens, gegen sonst sehr verschlimmert und verdient Rüge. Uebrigens rührte es mich ungemein, alles Andre noch so ganz beim Alten zu finden, denn hier in diesen heiligen Hallen kennt man, wie in China, die Neuerungswuth noch nicht. Jede kleine Nüance, jede Sitte, jede Eintheilung der Stunden war noch genau wie ehemals dieselbe, und auf der nahen Wiese sah ich auch wieder Ketta, das Lieblingsspiel meiner Kinderjahre spielen, und die frohe Jugend lustig, wie eine Heerde Schäfchen springend, zurückkehren; hinter ihnen der Lehrer mit zwei seiner liebsten Knaben, einen an jeder Hand führend. Auch das kleine Gärtchen, wo Jeder sein Beet hat, besuchte ich, und erinnerte mich, wie dort meine Gartenpassion zuerst erwachte, und ich stets darauf sann: meinem Beete eine neue Form und ein andres Ansehn zu geben. Einmal hatte ich das Unglück, in der Hast einen meiner Mitschüler, der sich eben bückte, mit der Hacke so schwer in den Kopf zu hauen, daß sein Blut auf meine Blumen strömte und mir die Gärtnerei lange verleidete. Der Arme war ein lieblicher Knabe, ein Graf H...., der, als er zum vielversprechenden Jüngling gereift war, sich aus unglücklicher Liebe — erschoß. So schien sein rothströmendes Haupt, das mir noch immer vorschwebt, eine blutige Vorbedeutung! —
Ich wurde, nach dem bisher Gesehenen, angenehm überrascht, im Schwesternhause und der Mädchen-Anstalt, besonders im ersten, die musterhafteste Reinlichkeit und Nettigkeit, dabei aber auch ächt weiblich geheizte Zimmer, trotz der schon warmen Jahreszeit, zu finden. Die alte Vorsteherin sah ganz einer Aebtissin ähnlich und hatte, gegen die hiesige Sitte, etwas sehr Bestimmtes und Würdiges, so zu sagen, klösterlich Weltliches in ihrem Wesen. Auch ermangelte sie nicht, das Haus möglichst gelten zu machen, zeigte mir mehrere Säcke voller Lebensmittel und Sachen, die sie an eben abgebrannte Nichtherrnhuter schicken ließ, und machte mich darauf aufmerksam, wie alle Arten von Handwerken und Geschäften im Hause selbst betrieben, und nur allein Schuhe von außerhalb desselben bezogen würden. „Ja Alles“ — wie sie sich in ihrer sechzigjährigen Unschuld komisch genug ausdrückte, „Alles, was wir brauchen, besorgen wir uns selbst, nur den Untertheil müssen wir den Brüdern überlassen.“
Die Schwestern sind nach ihrem Alter in verschiedene Stuben vertheilt, und da wir auch von unten, ich meine: von den Aeltesten, anfingen, so war für steigendes Interesse gesorgt. In dem Zimmer der Fünfzehn- und Sechzehnjährigen fand ich einige allerliebste schmachtende Gesichter. Alle standen sogleich von ihrer Arbeit auf, so wie wir hereintraten, und nun frug die Vorsteherin, um ein wenig damit zu prunken: wie weit her die Mädchen wären, die erste:
„Friederike, wo bist Du her?“
Knix: „Aus Otahaiti.“
„Und Du, Jettchen?“
Knix: „Aus Labrador.“
„Und Du, braune Amalie?“