Ja wohl! kein irdisches Wesen könnte nur auf den Gedanken der Tugend kommen, wenn eine höhere Macht sie uns nicht offenbart hätte; denn auf der Erde ist wahrlich ihre Heimath nicht, und sie dort so wenig beliebt, daß eine vollkommne Tugend gewiß nur in der Einöde einen sichern Zufluchtsort vor Verfolgung und Verderben finden würde. Glücklicherweise kommt es aber nicht zu einem so trostlosen Schauspiel, da die Menschen, wie Machiavell behauptet, nie den Muth haben, weder durchaus gut, noch durchaus schlecht zu seyn.
Man mag noch so viel mit redlichstem Gemüthe forschen, noch so viel philosophische Systeme studiren, und für eins oder das andere Parthei fassen, immer wird man sich zuletzt gestehen müssen, daß das einzige und höchste Problem der Speculation „Gott“ unsrer Fassungskraft dennoch entschwindet. Ein Absolutes, Abstraktes, ohne Persönlichkeit ist eben so wenig der wahre, lebendige Gott, den unsere Frömmigkeit bedarf, als eine Persönlichkeit ohne vollständige Durchdringung des ganzen Universums und Einsseyn mit ihm unserer Vernunft genügen kann; aber eben die Vereinigung dieser beiden nothwendigen Eigenschaften Gottes: persönlich und Alles in Allem zugleich zu seyn, hat weder Spinoza, noch irgend einer seiner Nachfolger der populairen Fassungskraft (und über diese erhebt sich auch die meinige nicht) wahrhaft begreiflich machen können. Wir brauchen dies auch im Grunde ja nicht, denn fühlen thut Gott ein Jeder — wenn wir ihn aber, so zu sagen zugleich sehen und greifen wollen, so bleibt uns zuletzt doch nichts übrig, als uns von Gott ein Bild in höchster, denkbarer, menschlicher Vollkommenheit zu entwerfen und dieses anzubeten — was man denn sehr füglich die wahre Menschwerdung Gottes nennen könnte. Dies ist auch von jeher der Zweck aller positiven Religionen gröberer und feinerer Art gewesen, welche, seit es Menschen giebt, mit mehr oder weniger Erfolg und nach dem Stande ihrer Cultur und ihrer Zeit ein solches Bild aufzustellen versucht haben. Es folgt daraus ganz natürlich, daß diejenige Religion, welche das edelste Ideal erdacht, ein solches, das Gefühl, Vernunft und Verstand am meisten befriedigt, auch die beste und empfehlenswertheste seyn wird. In diesem Sinne nun muß jeder denkende und gebildete Mensch, so lange die Welt noch keine höhere Steigerung kennt, aus vollem Herzen ein Christ seyn, um so mehr, da in dieser Lehre das Werden und nie ruhende Fortbilden eben ein Wesentliches ist. Nur dürfen dann, meines Erachtens, keine Priesterschaften, wie sie bisher existirten, dies ewige Fortschreiten zu versteinern trachten, indem sie zugleich allein die privilegirte Leibwache und unwandelbare Aristokratie des himmlischen Reiches ausmachen wollen, die in Religionssachen wenigstens gewiß nichts taugt, weil dadurch jedesmal das gottmenschliche Ideal wieder zum Alltagsmenschlichen herabgezogen wird, und Leidenschaften, oft die gehässigsten, das Heiligste verdunkeln müssen.
Der ächte Protestantismus will nun auch etwas Besseres, ist aber leider noch wenig durchgedrungen.[21] Erst wenn der Geistliche nichts weiter als Vorbild der Tugend, liebender Lehrer und Erklärer der heiligsten Bedürfnisse des Menschen, wahrer Seelsorger für Alle, sie nennen sich nun Juden oder Christen, Türken oder Heiden, wird seyn wollen, ohne Anspruch auf ausschließliche und politische Aufrechthaltung seines Glaubens von Staats wegen, ohne eine, noch irdische Zwecke nebenbei beabsichtigende Tendenz, ohne handwerksmäßigen Zwang dogmatischer Schulmethode, und ohne den unwürdigen Modus seiner Bezahlung — erst dann, sage ich, wird die Kirche wahrhaft das höchste Institut zur Bildung und Veredlung des Menschengeschlechts werden. Dann wird Christus wiedergekommen seyn und das tausendjährige Reich beginnen, mit einer praktisch religiösen Zeit in höchster Klarheit, wo man nicht mehr darnach fragen wird, was man glaubt, sondern nur nach dem, was man thut; der grelle Gegensatz der heutigen, eben so unreligiösen, als vollständig verwirrten und egoistischen Zeit, die man vielleicht am besten als die juristische bezeichnen könnte, weil sie nur auf das leidige Mein und Dein, und den ewig daraus folgenden Zwiespalt in allen Beziehungen, welche die Menschen mit einander verbinden, gegründet zu seyn scheint.
Jemand sagt in einem beliebten Buche ganz richtig: „Eine Entartung der Kunst kann nie ausbleiben, wo man sie ganz der Religion entfremdet;“ setzt aber dann hinzu: „Musik ist die einzige Kunst, die noch ein integrirender Theil unsres Gottesdienstes ist, darum muß man sie brauchen als das einzige Mittel, um wieder eine innigere Verbindung aller Kunst überhaupt mit der Religion herbeizuführen.“
Dies ist ein seltsamer Schluß. — Die Kunst ist ja eben entartet, weil das ächte religiöse Gefühl, wie alle Poesie, in der jetzigen Epoche so schwach im Menschen geworden sind. Laßt diese erst wieder erstarken, so werden auch die Künste wieder blühen, aber nicht umgekehrt. Wenn es zu diesem Erstarken Musik bedarf, so wird vielleicht das wirksamste Conzert, ein dreißigjähriger Kanonendonner, das Jammergeschrei von hundert tausend Pestkranken, einige Erdbeben und eine partielle Sündfluth seyn.
Viele finden es sonderbar, daß die Bewohner der vereinigten Staaten, trotz ihres scheinbaren Mangels an Phantasie, und ganz im Gegensatz zu ihrer großen, politischen Aufklärung dennoch, in der Mehrheit, einem eben so lächerlichen, als fanatischen religiösen Sectengeiste ergeben sind. Doch scheint mir dies nur naturgemäß. Junge Nationen (und jung ist der Amerikaner, wenn gleich ein junger Riese, der schon in der Wiege Schlangen zerdrückte,) sind immer mehr religiös, alte skeptischer gestimmt, wie auch das Kind blindlings glaubt und das Alter, vielleicht eben so blindlings, zweifelt. Junger Thatkraft ist der Glaube — die Grundlage der Religiosität — angemessen, später erscheint erst, mit abnehmender Thatkraft und mehr Erfahrung, die Periode des Reflectirens über früheres Handeln — die Grundlage der Philosophie. Einst werden sich vielleicht beide Ansichten so durchdringen, daß sie ein ganz Neues bilden.
Wer indeß unter dem Bestehenden zu wählen hätte, möchte wohl am liebsten wieder glauben, wenn er nur könnte. Denn es als eine Pflicht von dem zu verlangen, der über diese Lebensansicht einmal hinaus ist, wäre buchstäblich nichts Andres, als Jemand zwingen zu wollen, daß er wieder jung werde. Das ist unmöglich. Kindlich kann eine Nation von neuem nicht mehr werden, wohl aber Einzelne kindisch, wie z.B. die heutigen Frömmler.