Viele Ursachen haben zu diesem fast beispiellos schnellen Herabsinken beigetragen, welche zum Theil die Zeit unabänderlich mit sich führte. Manche dagegen sind selbst verschuldet. — Zu den Letzteren gehört vielleicht ein verhältnißmäßiges Zurückbleiben der Mehrheit dieser Klasse in Kunst und Wissenschaft, ja, es thut mir leid es zu sagen, ein sich wesentlich unästhetisch zeigender Sinn der vaterländischen Landbesitzer, und noch mehr vielleicht als dies, der Mangel an Begnügung, an eigner Achtung für ihren Beruf.

Wenn der Geistliche zufrieden ist Geistlicher zu seyn; der Soldat (ich spreche hier nicht von der Landwehr, die ihrer Natur nach freilich Vielerlei seyn muß) nur Soldat, der Jurist nicht zugleich Kaufmann und der Kaufmann nicht Jurist seyn will, so scheint der Gutsbesitzer allein, sobald seine Bildung über die gewöhnliche Stufe nur in etwas hinausreicht, auch noch nebenbei Staatsdiener, oder Soldat, oder Hofmann, oder speculativer Kaufmann, oder wohl gar alles zusammen seyn zu wollen. Hat er aber diesen unpassenden Ehrgeiz auch nicht, so glaubt er doch wenigstens, sich mehr als Andere von seinem Beruf frei machen zu dürfen, um: sein Leben zu genießen, wie man es zu nennen pflegt, und sucht diesen schwer zu erjagenden Genuß — wenn er eben als Zweck gesucht wird, einen großen Theil des Jahres hindurch bald in der Residenz, bald auf Reisen u.s.w. in der Regel aber stets wo anders als zu Hause. Nur die Noth, der Mangel hält ihn an dem Orte anhaltend zurück, wo er eben diesen wahren Lebensgenuß finden und die ihm zu Vergnügungen übrig bleibenden Mittel dazu anwenden sollte: sein Besitzthum nicht nur zu einem einträglichen, sondern auch würdigern und angenehmern Aufenthalt umzuschaffen, als es in der Regel bei uns der Fall ist; ein Bestreben, welches jedenfalls weit einfacher wäre und ihm weit näher läge, als seinen Ueberfluß anderwärts, ohne irgend ein bleibendes Resultat, unnütz zu verwenden.

In neuester Zeit haben sich zwar diese getadelten Ansichten schon in etwas geändert — die nothwendigen Folgen der frühern Verfahrungsweise sind aber auch leider bereits nur zu vielfach eingetreten, nämlich Deteriorirung der meisten Rittergüter in Bezug auf ihren Werth, und noch weit mehr Vernachläßigung derselben hinsichtlich ihres äußern Glanzes, Verschuldung des größten Theils derselben durch das ganze Land, und daraus immer mehr überhand nehmender Mißcredit ihrer Besitzer. Und doch möchte bei richtigerer Beurtheilung des inne habenden Standpunktes, und bei größerer Liebe zu demselben, vielleicht kein Wirkungskreis belohnender, ehrenvoller, verdienstlicher um den Staat selbst, und zugleich reicher an vielfachem Genuß gewesen seyn! Ja, ohngeachtet der so sehr bejammerten bösen Zeiten, ohngeachtet der langen Litanei von Klagen, als z.B. über zu schwere, unverhältnißmäßig vertheilte Abgaben, über eine besonders stiefmütterliche Behandlung der Grundbesitzer von Seiten des Gouvernements, das, wie die Unzufriedenen behaupten, alle Staatslasten in letzter Instanz auf den Landbewohner fast allein zusammenhäufe und den Capitalisten ziemlich leer ausgehen lasse; über die Verwirrung und Unzahl der Gesetze, namentlich über die Mängel des bestehenden Hypothekenrechts, welches durch Langsamkeit und Peinlichkeit des Verfahrens allen Credit zerstöre, und an dessen, wie der übrigen Gesetze Revision, man zwar stets arbeite, aber nie ein Resultat zum Vorschein bringe;[22] über eine zu langsame, zu theure und zu schreibselige Justizverwaltung, die ohngeachtet aller Milde und Liberalität der Gesinnung für die Schuldigen, dennoch für den unschuldigen Bürger drückend werde, indem sie, statt, wie es ihr Beruf sey, Streit mit Schnelle zu schlichten oder ihn zu verhindern, im Gegentheil durch ihre Organisation Prozesse, wie Pilze ein befruchtender Sommerregen, unzählbar aus dem ergiebigen Boden hevorlocke und pflege; über zu vieles Einmischen der Behörden in alle Privatverhältnisse, wie zu vieles Bevormunden und Regieren überhaupt, dem Krebsschaden der neuern Zeit; vor allem aber über die stets zunehmende Zahl, und den, unter einem so gütigen und wohlwollenden Herrscher doppelt unerträglichen, Despotismus der ganzen Beamtenhierarchie, welche schon aus Instinkt vorzüglich den Grundbesitzer als ihren natürlichen Feind betrachte, und ihn daher immer mehr und mehr wehrlos zu machen suche, ein Uebel, das man zwar einsähe, ja zugäbe, aber mit zu viel Apathie dennoch immer mehr um sich greifen lasse u.s.w., — ohngeachtet dieser, ohne Zweifel sehr übertriebenen, Klagen, ja selbst ohngeachtet der zerstörenden Art wie die Ablösungsgesetze ausgeführt werden, sage ich, würden dergleichen Mängel und Mißbräuche, wenn sie auch ganz so existirten, wie man sie schildert, meiner Meinung nach, dennoch immer nur theilweise Verarmungen, nur zeitliche Entbehrungen und Mißverhältnisse, aber nie so dauernde Noth, so vielfachen gänzlichen Ruin, so allgemeine Herabsetzung des Bodenwerthes auf dem Lande hervorgebracht haben, wie wir es jetzt leider fast durchgängig, als die eigene Schuld früherer Sünden, erleben müssen.

Der Art ist es denn, ich wiederhole es, auf ganz folgerechte Weise dahin gekommen, daß in unsrem Vaterlande, welches eine so hohe Stufe der Cultur für sich in Anspruch nimmt, der Landadel, oder Stand der Gutsbesitzer überhaupt, weil er stets noch etwas andres seyn wollte, als wozu er berufen war, nicht nur fortwährend immer mehr verarmt, sondern auch in demselben Grade in der öffentlichen Meinung sinkt, als andre Stände in derselben steigen. Seine Mitglieder nach ihrem eignen Maßstabe gemessen, pflegen nun wirklich nur dann noch im Publico, wie bei der Behörde, Ansehn zu genießen, wenn sie zugleich mehr oder weniger als bloße Gutsbesitzer sind, besonders, versteht sich, wenn sie als Räthe irgend einer Klasse mit Staatsangelegenheiten zu experimentiren befugt wurden, obgleich leider in den meisten Fällen dieser Art wohl der Staat eben so wenig, als ihre Güter großen Nutzen davon verspüren mögen.

Man werfe mir hier nicht ein, daß in constitutionellen Reichen die großen Grundbesitzer, die Aristokratie, ebenfalls einen bedeutenden Antheil an den Staatsgeschäften nehme. Fürs Erste haben wir gar keine Aristokratie im wahren Sinne des Worts (meiner Ueberzeugung nach auch ganz entbehrlich in einem absolut regierten Staat, wo nur die Aristokratie des Dienstes gilt, aber gewiß ein unumgänglich nothwendiges Institut zur Bildung einer stabilen und kräftigen constitutionellen Monarchie, sowohl zur Sicherung des Throns als der Rechte des Volks), sondern nur titulairen Adel ohne Beruf und Bedeutung, an ihrer statt, ein höchst trauriges Aequivalent! Zweitens aber ist der Antheil an Staatsgeschäften bei einer ächten Aristokratie so verschiedner Natur, und dem eignen Besitze so angemessen, ja mit ihm verwachsen, daß die öffentlichen Funktionen jener Gutsherren, statt ihrem Interesse je hinderlich zu seyn, dasselbe überall in gleichem Verhältniß mit dem Vortheil des Ganzen nur befördern müssen, vorausgesetzt freilich, daß die Individuen selbst von richtigen Staatsansichten in ihrer Handlungsweise ausgehen, was aber eben die Bedingungen einer vernunft- und zeitgemäßen Aristokratie im Voraus verbürgen würden. Doch wie selten sieht man in Ländern, wo schon ähnliche Verhältnisse, wenn gleich unvollkommen, bestehen, z.B. in England, den Chef der Familie, den Grundbesitzer, in den speciellen Dienst des Gouvernements treten — nur außerordentliche Talente oder außerordentlicher Ehrgeiz, oder gänzlich zerrüttete Umstände vermögen ihn in der Regel dazu, und der Fall gehört immer zu den Ausnahmen. Desto eifriger suchen dagegen die jüngern Söhne, ohne Landbesitz und aristokratische Befugnisse, sich dem Staatsdienste zu widmen, und sind gewöhnlich sehr froh, ihre Laufbahn damit zu beschließen, daß sie sich den Wirkungskreis und die Vortheile erworben haben und in Ruhe das verwalten und genießen dürfen, was den älteren Brüdern die Geburt schon gab, und dessen würdige Führung diese daher vom Anfang an als ihren wahren Beruf ansehen.

Solche glückliche Verhältnisse, welche langsam erblüht, jenseits des Kanals eine für lange Zeit so bewundernswürdig gebliebene Staatsmaschine hervorgebracht, und selbst bei monströsen Mängeln und Mißbräuchen, dennoch ein wohlthätiges, öffentliches Leben und eine größere nationelle und persönliche Freiheit gegründet haben, als irgendwo im übrigen Europa zu finden ist, sind uns jedoch fremd, und müssen uns aus vielen Gründen höchst wahrscheinlich auch noch lange fremd bleiben. Erscheinen sie indeß einst, so werden sie, dem Fortschreiten der Zeit gemäß, sich nicht nur anders, sondern ohne Zweifel auch noch weit zweckmäßiger, besser und selbst wahrhaft freier bei uns gestalten — eine Hoffnung auf die Zukunft, die nichts Unrechtmäßiges enthalten kann. Da sie aber jetzt einmal nicht da sind, und in der That auch mit dem besten Willen von oben und unten, noch gar nicht da seyn können, uns aber dafür so Manches entschädigt und gewiß keine absolute Monarchie de jure, nur halb so viel Freiheit de facto gewährt, als die unsrige, so ist uns vaterländischen Landbesitzern um so mehr zu empfehlen, vom Hundertsten und Tausendsten ein für allemal zu abstrahiren, nach Göthes Rath, Politik und Staat für sich selbst sorgen zu lassen, und uns nur der eignen, entweder schon angebornen, oder früh gewählten Bestimmung ganz und allein zu widmen. Die, welche es versuchen, werden dabei negativ sich viele unnütze pia desideria und manchen Verdruß ersparen; positiv aber auch noch an sehr mannigfachem, nützlichem Wissen, an baarem Vortheil, an Ansehn, und wie ich glaube, auch an Genuß und Vergnügen, nur gewinnen können. Nur müssen sie nicht wähnen, genug zu thun, wenn sie sich als Gutsbesitzer, bloß potenzirte Landbauern zu seyn bestreben. Damit zwar sollen sie allerdings anfangen, aber dann, ihrem höhern Wirkungskreise angemessen, auch weiter gehen, und alles Gute und Schöne des Lebens in ihren Bereich zu ziehen suchen, so weit sie nur können, doch immer mit Bezug auf einen bleibenden Vortheil für ihren Besitz. Ist also zuerst für die bestmöglichste Bewirthschaftung ihrer Güter gesorgt, so wird die ästhetische Ausschmückung derselben folgen müssen. Dieser kann sich dann jeder edlere Luxus, wie er dem Geschmacke des Besitzers am besten zusagt, anschließen, es seyen nun Sammlungen von Gegenständen der Kunst und der Wissenschaft, neue Zweige der Industrie, Musterwirthschaften, oder andere gemeinnützige Anstalten, kurz Alles, was in dem Bereiche der Mittel liegt, um das Familieneigenthum fortwährend nicht nur werthvoller, sondern auch würdiger in seiner Erscheinung für jede Zeit und in jedem Sinne zu machen.

So allein werden dann im Stillen die Elemente wieder gegründet werden, die jetzt ganz verloren zu gehen drohen, und durch welche eben eine dauerhafte Aristokratie hauptsächlich gebildet werden muß — nämlich ein ansehnlicher und ein als der Stolz des Landes geachteter Grundbesitz, wie er z.B. England schmückt, und jeden Ausländer, selbst wider Willen mit einem wahren Respekt vor dem Lande erfüllt, wo ein solcher Zustand des Grundbesitzes nicht nur einzeln erlangt, sondern bei den höhern Classen fast allgemein geworden ist.


Die Hoffnung verläßt uns zwar nie, aber sie blinkt meistens nur auf uns herab, wie jener Stern, den Tag für Tag, früh und Abend, der ermattete Wanderer wohl immer sieht, aber nimmer erreicht; der ihn bald als Lucifer, bald als Venus, bald als Morgenstern, bald als Abendstern anlächelt, und in dieser Viereinig- oder Vierbeinigkeit fort und fort verrätherisch bethört. — Und doch — wer könnte ohne diese Täuschung leben!