Vielleicht klagt man doch mit Unrecht über die neue Zeit, daß sie Alles umzustoßen suche, ohne etwas Besseres dafür aufzustellen.

Wollt Ihr denn, wenn Ihr ein Zimmer malen laßt, den Erfolg nach dem Zeitpunkte beurtheilen, wo man die alte Farbe von den Wänden abkratzt, und die neue nur erst eingerührt wird? Wartet bis sie aufgetragen seyn wird und trocken ist. Taugt sie dann nichts, so habt Ihr Recht zu sagen: Besser, man hätte es beim Alten gelassen!


Mangel an guter Erziehung ist den Deutschen mit Recht vorzuwerfen. Dies ist ein großer Mangel; denn Erziehung ist dem Anzug zu vergleichen und Kleider machen Leute, wie das Sprichwort mit Recht sagt. Sie verändern zwar das Wesen des Menschen nicht, aber doch seine äußere Erscheinung, die wie ein halbes Selbst wirkt. Dasselbe thut die Erziehung. Sie verdeckt geschickt die Blößen, hebt das Vortheilhafte heraus und bekleidet das Ganze mit Anstand, indem sie uns durch Gewohnheit einem Zwange unterwirft, den die Gesellschaft als Opfer für ihre Wohlthaten fordert.

Eine Zeit lang gab man der Erziehung zu viel Freiheit; jetzt scheint man sie fast wieder zu sehr einzuschränken. In Oesterreich z.B. sind, wie man mir erzählt, die Universitäten, gleich den Schulen, in Klassen eingetheilt, und die Studenten in letztern erhalten auch noch zuweilen Hiebe.

Dagegen ist man auf der andern Seite wiederum so liberal gewesen, den Gebrauch einzuführen, daß, wenn ein Student daselbst Doctor wird, während seiner Disputation ein fortwährender infernalischer Lärm von Trompeten und Pauken stattfindet, der kaum ein Wort zu vernehmen gestattet. Hierdurch sehen sich Schwache großmüthig unterstützt, und etwanigen Spöttern wird zugleich dadurch auf die radicalste Weise das Handwerk gelegt. Im frommen Berlin verfährt man nach dem biblischen Spruche: die Letzten sollen die Ersten seyn, weßhalb auch an der dasigen Universität ein Pedell 800 Rthlr., und ein Professor nur 400 Gehalt erhält. Bei den sächsischen Universitäten sind auch wesentliche Veränderungen eingetreten. Niemand kann mehr, wie einst Dr. Barth, seinen Pudel Doctor werden lassen[23], und diejenigen, welche nur Magistri waren (man nannte sie auch Professoren der unentdeckten Wissenschaften) haben das Privilegium verloren, mit Zwirn und Hosenträgern, Fleckkugeln und....... handeln zu dürfen, welches manche früher mit großem Erfolge betrieben. Dafür sind sie jetzt zu dem Titel Doctores philosophiae avancirt, wahrscheinlich jedoch ohne dadurch philosophischer geworden zu seyn.

Eine der timidesten Erziehungen, die mir vorgekommen, war die des jungen Grafen D. in Berlin. Unter andern unzähligen Beschränkungen hatte man ihm auch nie erlaubt, anders als bei schönem Wetter mit seinem Hofmeister auszugehen. Dies erweckte in dem jungen Gemüthe die sonderbare Leidenschaft, sich, es koste was wolle, einmal beregnen zu lassen. Vergebens! man ließ ihn nie aus den Augen. Endlich wird einmal während eines Platzregens der Hofmeister plötzlich abgerufen, schließt aber doch wohlweißlich die Thüre hinter sich zu. Kaum ist er fort, so eilt der hoffnungsvolle Majoratsherr ans Fenster, reißt es auf, rückt einen Stuhl heran, biegt sich weit heraus und fühlt nun ganz entzückt das kalte Tropfbad. Da hört er den Fußtritt des schon wieder zurückkehrenden Hofmeisters. Er will vom Stuhl herabspringen, glitscht aus, fällt zum Fenster hinaus und — bricht den Hals.