Am letzten Tage des vergangenen Jahres erhing sich ein Gutsbesitzer in meiner Nachbarschaft grade um ¾ auf Mitternacht.
Dieser Mann muß eine verzweifelte Furcht vor dem Jahre 1833 gehabt haben!
Sollte es noch schlimmer werden können?
Eine wahre Anekdote.
Der junge P....., damals ein hülfloser und verlassener Studiosus, ward durch einen sehr geringen Mann dem Herrn K....r, einem wohlhabenden Amtmann in der Gegend von Leipzig, zur Erziehung seiner Kinder empfohlen, und nach einigem Zögern glücklich angenommen. Er erwarb sich indeß bald, nicht nur die vollkommenste Zufriedenheit seines Principals, sondern auch durch verschiedene ausgezeichnete Gastpredigten in den nahen Kirchspielen, so wie durch sein sanftes und gewinnendes Betragen überhaupt, die allgemeine Liebe der ganzen Umgegend.
So vergingen drei Jahre, als bei Gelegenheit eines großen Festmahls Herr v. N....., ein angesehener Gutsbesitzer, den jungen Candidaten über Tisch folgendermaßen anredete: „Herr P....., wir Alle lieben und schätzen Sie. Wir Alle sind oft durch Ihre gehaltvollen Predigten erbaut worden, und erfreuen uns täglich an Ihrem musterhaften Lebenswandel. Ich selbst schmeichelte mir, von Ihnen als ein Freund angesehen zu werden, und wundre mich daher, daß Sie so wenig Zutrauen zu mir zeigen.“
Herr P..... wollte etwas erwiedern, aber Herr v. N..... fiel ihm ins Wort: „Vertheidigen Sie sich nicht! Schon seit sechs Monaten wissen Sie, daß eine der besten Predigerstellen in hiesiger Gegend, die ich zu vergeben habe, vacant ist — und doch sind Sie der einzige unserer Candidaten, der noch mit keinem Worte sich darum beworben hat.“ „Ich sehe wohl“ setzte er lächelnd hinzu, „daß Ihr Fehler zu große Bescheidenheit ist, und thue daher gern den ersten Schritt, indem ich Ihnen hiermit die erledigte Stelle zu S.... mit Freuden selbst anbiete. Fürchten Sie nicht etwa, Ihrem Principal durch die Annahme zu nahe zu treten. Er ist mit mir einverstanden und freut sich gleich uns Allen, daß sich endlich eine Gelegenheit gefunden hat, Ihre Verdienste würdig zu belohnen.“
P..... ward blaß und roth, und schien in sichtbarer Verlegenheit. Nach einer kleinen Pause stotterte er einige nicht recht verständliche Worte, und bat endlich, wenn die Tafel vorüber sey, sich weiter expliciren zu dürfen. Alle waren über dieses Benehmen verwundert, ja Herr v. N..... in seiner getäuschten Erwartung etwas pikirt. Indessen ließ man vor der Hand die Sache fallen, doch blieb einige Verstimmung in der Gesellschaft zurück.
Nach dem Essen aber nahm Herr K....r seinen Hauslehrer von Neuem ins Gebet und machte ihm ernstliche Vorwürfe, eine angenehme Ueberraschung, die man ihm zugedacht, so hölzern und mit so wenig Empressement aufgenommen zu haben. — „Mein Gott!“ erwiderte P.... „Sie wissen nicht, in welcher seltsamen Verlegenheit ich mich befinde.“