Sie, mein verehrter Gönner, hat die Freundschaft blind gemacht, so wie Herrn Börne der Verdacht meiner Vornehmheit.
Dieser große Champion der Liberalen hätte sich aber eben deshalb sagen können: Für einen Vornehmen ist der Verfasser der Briefe des Verstorbenen wahrhaftig noch freisinnig genug, und es seiner verwahrlosten Erziehung zu Gute zu halten, wenn er nicht so zu schreiben vermag, wie ich es anempfehle, nämlich so: „daß der Styl unter ihm bricht und er mitten im Kothe liegen bleibt.“[1]
Vielleicht hätte Herr Börne mich milder beurtheilt, wenn er mich gleich von vorn herein in der französischen Uebersetzung gelesen hätte — nur würde er immer Unrecht gehabt haben, von mir zu verlangen: „daß ich als Verstorbener den Sterblichen überirdische Dinge mittheilen solle.“ Das erlaubt einmal schon die Discretion des Geisterreichs nicht, eine Eigenschaft, über welche sich nur Schriftsteller dieser Welt hinweg setzen dürfen; zweitens würde man ja aber auch solche Sprache hier unten gar nicht aufnehmen können. Es würde damit gerade so gehen, wie mit Lord Byrons Geist, der, wie Herr Börne uns ebenfalls selbst erzählt, „sich erst in ihm (Herrn Börne) niederlassen wollte, die Wohnung aber bald zu gemein für längeren Aufenthalt fand.“
Weit übler bin ich seitdem mündlich abgefertigt worden, als ich neulich unsere Freundin, die liebenswürdige, Geist sprudelnde Orlanda besuchte. „Guter Verstorbener,“ rief sie mir schon von weitem zu, „ich habe Ihnen gestern in Gedanken einen langen Brief auf der Straße geschrieben, während ich den weiten Weg von S. heim ging. Wie ich aber zu Hause ankam und in Ihrem Buche las, da stimmte mich das wieder so herab, daß ich alle meine guten prophetischen Gedanken darüber augenblicklich verlor. Denn, wo ich allein über Sie nachdenke und Sie mir nicht selbst störend in den Weg treten, interessiren Sie mich sehr. Sie sind so einladend aride, daß ich mich gedrungen fühle, etwas aus diesem sterilen Boden hervorzurufen. Ordinaire Naturen ziehen überhaupt, selbst gegen meinen Willen, am meisten aus mir heraus — eben, weil sie’s bedürfen.“
„Mit höheren Geistern habe ich weniger Berührung, denn wir gehen neben einander wie zwei parallele Linien. Die ärmeren dagegen verlangt mein eigner Reichthum unwiderstehlich zu durchdringen.“
Ich wollte, ganz verblüfft, einige Worte schuldigen Dankes stammeln....
„Still doch!“ rief sie, „immer müssen Sie doch von sich selbst sprechen, es ist zum Todlachen! Dennoch kann Einen auf der andern Seite diese Gutmüthigkeit wahrhaft rühren. Es ist für mich Ihr hübschester Zug, obgleich es nur in der unglaublichen — nichts für ungut — Dummheit des armen kleinen Gehirns (hier fühlte sie mir gleichsam den Puls an der Stirne) seinen Grund hat. Wissen Sie wohl, Theuerster, wie Sie mir vorkommen? — Ganz wie der Vogel Strauß. Erstens verdaut Ihre Eitelkeit Stahl und Eisen trotz dem besten Straußenmagen und, wie dieser Vogel, sind auch Sie ganz überzeugt: kein Mensch durchschaue Sie, wenn Sie den Kopf nur unbefangen in den Strauch stecken. Ja selbst Ihr sogenannter gracieuser Styl gleicht auf ein Haar dem selbstgefälligen freundlichen Nicken und Brüsten Ihres Vogel-Ebenbildes, wenn es sich selbstgefällig überall umsieht, ob man es auch von allen Seiten gehörig beobachtet habe. Endlich besitzen Sie auch dieselbe Schnelligkeit wie der Strauß, denn Sie laufen sich alle Augenblicke selbst davon; ja oft denke ich: Sie haben sich gar schon aus allzugroßer Schnelligkeit in zwei Hälften getrennt, wovon der gute Mann zu Hause geblieben und der Thor in die Welt gelaufen ist.“