Voller Entzücken stand ich einmal jähling auf, um noch besser herabzuschauen. Da bemerkte Herr Reichhard kaltblütig, ich möchte das nicht thun, denn bei der Eile, mit der Alles gegangen, sey der Boden der Gondel nur angeleimt, und könne leicht abgehen, wenn nicht behutsam mit ihm verfahren würde.
Man kann sich denken, daß ich unter solchen Umständen mich fortan so ruhig als möglich verhielt. Die erwähnte Eile schien auch bei der Füllung obgewaltet zu haben, so wie bei der Ballast-Provision, denn wir fingen bereits an zu sinken, und mußten mehreremale von dem sparsam werdenden Ballast auswerfen, um wieder zu steigen.
So hatten wir fast unvermerkt uns in das Wolkenmeer getaucht, das uns nun ringsum, wie dichte Schleier umgab, durch welche die Sonne nur wie der Mond schien, eine Ossian’sche Beleuchtung von seltsamer Wirkung, die eine geraume Zeit anhielt. Endlich zertheilten sich die Wolken und schifften nur noch einzeln am wieder klaren, azurnen Himmel umher. Als sollte nun unsrer glücklichen Fahrt auch keins, selbst der seltensten, Ereignisse fehlen, so erblickten wir jetzt erstaunt auf einem der größten Wolkengebürge eine Art fata morgana, das treue Abbild unserer Personen und unsres Balles, aber in den colossalsten Dimensionen und von bunten Regenbogenfarben umgeben. Wohl eine halbe Stunde schwebte uns das gespenstige Spiegelbild fortwährend zur Seite, jeder dünne Bindfaden des uns umgebenden Netzes zum Schiffstaue angeschwollen, wir selbst aber gleich zwei unermeßlichen Riesen auf dem Wolkenwagen thronend.
Gegen Abend ward es wieder trübe in der Höhe. Unser Ballast war verbraucht und wir fielen mit beunruhigender Schnelle, was Herr Reichhard an seinem Barometer wahrnahm, denn der Empfindung ward nichts davon kund.
Ein dichter Nebel umgab uns eine Weile, und als wir nach wenig Minuten durch ihn herabgesunken waren, lag plötzlich von neuem die Erde im hellsten Sonnenschein unter uns, und die Thürme von Potsdam, die wir schon deutlich unterscheiden konnten, begrüßten uns mit ihrem freudigen Carillon.
Unsere Lage war jedoch diesem festlichen Empfang gar nicht angemessen. Schon hatten wir beiderseits, um uns leichter zu machen, unsere Mantel herausgeworfen, so wie einen gebratnen Fasan und zwei Bouteillen Champagner, die wir zum Abendessen mitgenommen, und wir lachten im Voraus bei der Voraussetzung, welches Erstaunen diese Meteore bei den Landbewohnern erregen würden, wenn etwa einem oder dem andern auf dem Felde Schlafenden der gebratne Fasan ins Maul, oder der Wein vor die Füße fiele, oder gar auf den Kopf, wo der Champagner, statt heiteren Rausches, als vernichtender Donnerkeil wirken könnte.
Wir selbst aber waren, gleich jenen Gegenständen, im vollkommensten Fallen begriffen, und sahen dabei nichts weiter unter uns als Wasser (die vielen Arme und Seen der Havel) nur hie und da mit Wald untermischt, auf den wir uns möglichst zu dirigiren suchten. Der Wald erschien mir aus der Höhe nur wie ein niedriges Dickigt, dem wir uns jetzt mit größter Schnelle näherten. Es dauerte auch nicht lange, so hingen wir wirklich in den Aesten eines dieser — Sträucher. Ich machte schon Anstalt zum Aussteigen, als mir Herr Reichhard zurief: Ums Himmels willen! rühren Sie sich nicht, wir sitzen fest auf einer großen Fichte! So sehr hatte ich in Kurzem den gewöhnlichen Maßstab verloren, daß ich mehrere Secunden bedurfte, ehe ich mich überzeugen konnte, daß seine Behauptung ganz wahr sey.
Wir hingen indeß ganz gemächlich in den Aesten des geräumigen Baumes, wußten aber durchaus nicht, wie wir herunter kommen sollten. Lange riefen wir vergebens um Hülfe, endlich kam in der schon eingetretenen Dämmerung ein Offizier auf der nahen Landstraße hergeritten. Er hielt unser Rufen zuerst für irgend einen ihm angethanen Schabernak und fluchte gewaltig. Endlich entdeckte er uns, hielt höchst verwundert sein Pferd an, kam näher, und schien immer noch seinen Augen nicht trauen zu wollen, noch zu begreifen, wie dies seltsame Nest auf die alte Fichte gerathen sey. Wir mußten ziemlich lange von unsrer Höhe peroriren, ehe er sich entschloß nach der Stadt zurück zu reiten, um Menschen, Leitern und einen Wagen zu holen. Zuletzt ging Alles gut von statten, aber in dunkler Nacht erst fuhren wir in Potsdam ein, den wenig beschädigten, nun leeren Ballon in unsern Wagen gepackt, und die treue Gondel zu unsern Füßen. Im Gasthofe zum Einsiedler, der damals nicht der beste war, hatten wir leider reichliche Ursach, den Verlust unsres mitgenommenen soupé’s bitter zu beklagen, da wir keine andre Würze des neuen, als den Hunger auftreiben konnten.
Acht Tage nachher brachte mir ein Bauer meinen Mantel wieder, den ich noch besitze, und fünfzehn Jahre darauf, als ich mit einem preußischen Postmeister in ein ziemlich lebhaftes pour parler gerieth, weil er mich über die Gebühr auf Pferde warten ließ, sah mich dieser plötzlich mit der freundlichsten Miene von der Welt an und rief: „Mein Gott, Sie sind ja der Herr, den ich aus dem Luftballon gerettet habe — jetzt erkenn’ ich Sie an Sprache und Gesicht. Da mußten Sie noch länger auf Pferde warten“ setzte er lächelnd hinzu, „also beruhigen Sie sich jetzt nur.“ Was eine solche Erinnerung nicht thut! Der Mann, der früher auch den Befreiungskrieg mitgefochten, kam mir nach der gemachten Eröffnung nun höchst liebenswürdig vor, und von Erzählung zu Erzählung übergehend, warteten zuletzt die Pferde, jetzt durch meine Schuld, so lange, daß das ungeduldige Blasen des Postillons mich mehreremale mahnen mußte, ehe ich, dem biedern Veteranen die Hand drückend, wahrscheinlich den letzten Abschied von ihm nahm.
Ich glaube, lieber Leser, es ist aber Zeit, auch von Dir Abschied zunehmen, doch nur, bis wir im zweiten Bändchen uns wieder finden.