September 1817.

Ich war kaum von einer schweren Krankheit halb genesen, als Herr Reichhard nach Berlin kam, und auch mir seinen Besuch machte, um sich Empfehlungen zu verschaffen.

Herr Reichhard ist ein gebildeter Mann, und seine Erzählungen erweckten eine große Lust in mir, auch einmal im Reiche der Adler mich um zusehen.

Wir wurden bald einig, er gab seinen Ballon her und ich trug die Kosten, beiläufig gesagt, eine nicht ganz unbedeutende Ausgabe, denn sie kam mich auf 600 Rthlr. zu stehen. Das mir bevorstehende Vergnügen war aber wahrlich nicht zu theuer dadurch bezahlt.

Der Tag, den wir wählten, war einer der schönsten, kaum ein Wölkchen am Himmel zu erblicken. Halb Berlin hatte sich auf Plätzen und Straßen versammelt, und mitten aus der bunten Menge erhoben wir uns, sobald ich die Gondel bestiegen, langsam gen Himmel. Diese Gondel war freilich nicht größer als eine Wiege, die Netze aber, die sie umgaben, verhinderten jeden Schwindel, wenigstens kann ich nicht sagen, daß mich, ohngeachtet meiner Schwäche nach eben überstandener lebensgefährlichen Krankheit, auch nur das mindeste unangenehme Gefühl angewandelt hätte.

Wir stiegen so allmählig auf, daß ich noch vollkommen Zeit hatte, mehreren Damen und Herren meiner Bekanntschaft freundliche Winke und Grüße aus der Höhe zuzusenden. Nichts Schöneres kann man sich denken, als den Anblick, wie nach und nach die Menschenmenge, die Straßen, die Häuser, endlich die höchsten Thürme immer kleiner und kleiner wurden, der frühere Lärm erst in ein leises Gemurmel, zuletzt in lautloses Schweigen überging, und endlich das Ganze der verlaßnen Erde gleich einem Pfyfferschen Relief sich unter uns ausbreitete, die prächtigen Linden nur noch einer grünen Furche, die Spree einem schwachen Faden glich, dagegen die Pappeln der Potsdamer Allee riesenmäßige, viele Meilen lange Schatten über die weite Fläche warfen.

So mochten wir mehrere tausend Fuß gestiegen und einige Stunden sanft fortgeweht worden seyn, als sich ein neues, noch weit grandioseres Schauspiel vor uns entfaltete. Rund umher am Horizont stiegen nämlich drohende Wolken schnell nach einander empor, und da man sie hier nicht, wie auf der Erde bloß an ihrer untern Fläche, sondern im Profil in ihrer ganzen Höhe sah, so glichen sie weit weniger gewöhnlichen Wolken als ungeheuren, schneeweißen Bergketten von den phantastischsten Formen, die sich alle über uns hinweg stürzen zu wollen schienen.

So rückten sie, ein Coloß den andern drängend, von allen Seiten uns umzingelnd, immer näher heran. Wir aber stiegen noch schneller, und waren schon hoch über ihnen, als sie endlich in der Tiefe zusammenstießen, und wie ein vom Sturm bewegtes, wogendes Meer, sich über und durch einander wälzten, und die Erde bald gänzlich unserm Blick entzogen. Nur zuweilen zeigte sich hie und da ein unergründlicher Schacht, vom Sonnenlichte grell erhellt, wie der Krater eines feuerspeienden Berges und schloß sich dann wieder durch neue Massen, die in ewigem Gähren, bald blendend weiß, bald dunkel schwarz, fort und fort hier sich hoch über einander thürmten, dort bodenlose Spalten und Abgründe bildeten.

Nie habe ich auf Bergen etwas ähnliches erlebt. Denn auf solchen Standpunkten wird man durch das große Volumen des Berges selbst zu sehr gehindert, und kann daher irgend Vergleichbares nur in der Entfernung oder einseitig gewahren, hier aber wird nichts von dem erhabnen Himmels-Schauspiel dem Auge entzogen.

Höchst seltsam ist auch das Gefühl totaler Einsamkeit in diesen, von allem Irdischen scheinbar abgezogenen, Regionen. Man könnte sich fast schon auf dem Wege hinüber glauben, als eine Seele, die zum Jenseits aufflöge. Die Natur ist hier ganz lautlos, selbst den Wind bemerkt man nicht, da man ihm keinen Widerstand leistet, und mit dem leisesten Hauche fortgeweht wird. Nur um sich selbst drehte zuweilen die kleine Wiege mit ihrem colossalen Ball sich, gleich einem Vogel Rock der sich im blauen Aether schaukelt.