Der Herr Baron verschluckte die Pille und erschien in etwas abgetragener, aber sonst eleganter Kleidung zum diné, jedoch in sichtbar gereizter Laune, wie zu erwarten stand. Wir hatten unterdessen schon erfahren, daß die altvätrische Kutsche sammt dem leeren Koffer auf der nächsten Station, wo der Baron mit der ordinairen Post angekommen, nur um Effect zu machen, gemiethet worden war, und die etwas aristokratische Gesellschaft empfing ihn daher nicht zum besten. Ich hingegen, zufrieden ihn aus dem Hause entfernt zu haben, kannte meine Pflichten als Wirth zu gut, um ihn jetzt nicht mit gleicher Artigkeit, wie alle meine übrigen Gäste zu behandeln. Er spielte indeß die Rolle des Pikirten und Gekränkten fort, und nahm während Tisch jede Gelegenheit wahr, dies zu zeigen. Im Grunde konnte ich es ihm, mich an seine Stelle setzend, gar nicht verdenken, obgleich ich mir selbst schuldig gewesen war, so zu handeln, wie ich es gethan, und überhörte daher gutmüthig, was zu überhören war. Endlich aber ward es mir doch zu arg. Ich hatte viele englische Sitten in meinem Hause eingeführt, obgleich ich selbst noch nie in England gewesen war, und als über solche im Allgemeinen gesprochen wurde, bemerkte Herr v. Müller höhnisch: es sey eine Lächerlichkeit, die ihm oft auf dem Continente vorgekommen sey, daß dortige Anglomanen Gebräuche einführten, die nur ihre Unwissenheit für englische Mode hielte, während Leute, die selbst England gesehen hätten, sich über dergleichen herzlich lustig machen müßten. — Dies verdroß mich und ich erwiderte schnell: es käme noch immer darauf an, wer unter den beiden Theilen recht habe, da Viele England besuchten, die nicht geeignet wären, dort in die gute Gesellschaft aufgenommen zu werden, und daher ihre Erfahrung nur aus Kneipen und der Cameradschaft mit Glücksjägern, als ihnen allein bekannte Norm für englische Sitten, geschöpft hätten.

Die schon übel disponirte Gesellschaft lachte beifällig. Herr v. Müller schwieg, verließ uns aber gleich nach aufgehobener Tafel à la française, was uns Allen sehr angenehm war.

Am andern Tage ritt ich mit Frau von Bothmer, der Gemahlin des hannöverischen Gesandten in Dresden, spazieren, und ein demüthigender Zufall für Herrn v. Müller, fügte es so, daß wir ihm, der vor einigen Stunden erst abgereist war, in einem Fuhrmannswagen, auf Stroh sitzend, begegneten. Er zog zwar schnell die Mütze übers Gesicht, mußte aber die Ueberzeugung mitnehmen, daß wir ihn erkannt, obgleich wir Zartgefühl genug besaßen, ihm dies, einen augenblicklichen Ausruf des Erstaunens der Frau v. Bothmer abgerechnet, nicht bemerkbar zu machen.

Acht Tage darauf bekam ich aus einer nicht sehr entfernten Stadt eine Ausforderung vom Herrn v. Müller. Obgleich mir nun sehr klar vor Augen lag, zu welcher Klasse Menschen er gehörte, glaubte ich mich doch noch nicht berechtigt, ihm die verlangte Genugthuung zu versagen, um so mehr, da es mir in der damaligen Zeit auf ein Duell mehr oder weniger eben nicht sehr ankam. Ich gab dem Baron also Rendez-vous an der preußischen Grenze, wo ich ein Gut besaß, und reiste sogleich mit zwei noch lebenden Freunden als Zeugen dahin ab. Wer aber nicht kam, war der Herausforderer, statt seiner erschien ein Brief, worin er erklärte, daß ihn sein Secundant im Stich gelassen, und er gegründetes Bedenken getragen, sich allein in meine Hände zu liefern.

Diese alberne Wendung war wahrscheinlich nur der Erfolg seiner Ueberzeugung, daß das Project auf meine Casse, welches ihn zu mir geführt, gänzlich gescheitert sey, und er es daher nicht mehr der Mühe werth hielt, sich noch einem Pistolenschuß auszusetzen — denn mit der Hoffnung, etwas zu verdienen, würde er ihn nicht gescheut haben.

Wieder waren mehrere Jahre verflossen, als ich 1814 in der alliirten Armee als General-Adjutant des Großherzogs von W. dienend, nach Napoleons Abdankung mich in Paris befand. Ich ging eben über den Vendome-Platz, als ein Mann mir mit eiligen Schritten folgte und mir hastig zurief: „Ich komme jetzt, mein Herr Graf, mir die noch schuldige Genugthuung von Ihnen auszubitten.“ Es war Herr v. Müller. Ich erwiederte ihm ganz ruhig, er habe die einzige Gelegenheit dazu auf eine ehrlose Art versäumt, und möge sich jetzt eilig und auf der Stelle fortbegeben, oder ich würde ihn als einen Vagabunden, der er wäre, arretiren lassen.

Dies wirkte, und er ging, allerlei Drohungen murmelnd, seines Weges. Ich hielt es indessen doch für rathsam, mir einen so zudringlichen und ganz gemeinen Abentheurer nun für immer vom Halse zu schaffen, ging daher zu dem Feldmarschall Blücher, da mein Chef abwesend war, benachrichtigte ihn von dem ganzen Verlauf der Sache und bat um Verhaltungsbefehle. Der Fürst theilte meine Ansicht, und trug unserm berühmten Landsmanne, dem Grafen Nostitz auf, die Sache zu beseitigen. Am nächsten Morgen schon erhielt ich den Besuch des französischen Polizei-Directors, der mir ankündigte, daß man das ohnehin des Spionirens verdächtige Subject eingesteckt habe. — Zwei Monate später begegnete ich indeß wider Erwarten demselben Individuo abermals, und zwar in London auf der Treppe eines Gasthofes. Diesmal that er aber, als ob er mich nicht kenne, und ich deßgleichen. Bald nachher hörte ich, noch in England, von seinem, in diesem Fall ernster gewordenen, Duell mit dem schwedischen Grafen L.... und seiner definitiven Einsperrung in Dänemark, wo er, glaub’ ich, geendet, oder auch vielleicht noch lebt.

Es war, wie bei vielen dergleichen Leuten, Schade um ihn, denn die Natur hatte ihn wohl begabt. Aber Umstände machen den Menschen. Mancher Räuberhauptmann wäre auf dem Throne ein Alexander geworden, mancher verachtete Glücksjäger auch ein Mann von hohem Ansehn, wenn sich eben das liebe Glück nur zeitiger hätte wollen erjagen lassen!

Die Luftfahrt.