Er erwiderte mit Welterfahrung, daß ich dies ja nicht thun möchte, Zeit brächte Rosen, und ich würde eine solche übereilte Handlung später gewiß bereuen.
Bald nachher reiste ich ab und das Jahr darauf sah ich Herrn v. Müller (damals noch nicht Baron) in Straßburg wieder, wo er bei des Kaiser Napoleons Durchreise diesem, mit einer Schweizerischen Miliz-Uniform bekleidet, die kein Ehrenlegionskreuz schmückte, eine Petition überreichte, auf welche Napoleon jedoch keine Rücksicht nahm. Er befand sich angeblich dadurch in große Verlegenheit gesetzt, und gern würde ich ihm geholfen haben, wenn ich mich nicht selbst, wie er auch wohl sah, zu jener Zeit gleichfalls in sehr knappen Geldverhältnissen befunden hätte.
Viele Jahre waren seitdem verflossen und, wie man denken kann, eine so flüchtige Erscheinung, wie die des Herrn v. Müller, mir gänzlich aus dem Gedächtniß geschwunden.
Mein Vater war unterdeß gestorben und ich in den Besitz meines Vermögens getreten. Es war die Jagdzeit eben angegangen und mein Schloß mit mehreren angesehenen Fremden gefüllt, als ich folgendes lakonische Billet erhielt.
Theuerster Freund!
Wie freue ich mich, daß mein guter Rath so schöne Früchte getragen hat! Ich komme auf einige Wochen diese Früchte mit Ihnen gemeinschaftlich zu genießen, wo wir uns der alten ungünstigern Zeiten fröhlich erinnern wollen.
Ganz der Ihrige
Baron v. Müller.
Vergebens zerbrach ich mir den Kopf über den Schreiber dieses Billets, ein theurer Freund, ein Baron v. Müller, der mir einen guten Rath ertheilt! Ich begriff durchaus nicht wer dies seyn könnte. Lächelnd zeigte ich der Gesellschaft an, daß unser kleiner Kreis in Kurzem durch einen räthselhaften Fremden vermehrt werden würde, der, obgleich er mein theuerster Freund sey, mir doch bis jetzt durchaus unbekannt bliebe, und las hierauf den empfangenen Brief vor. Einige hielten das Ganze für einen Scherz, Erfahrnere kamen der Wahrheit näher.
Am andern Tage, als wir beim Frühstück saßen, meldete man mir die Ankunft eines Fremden, der so eben über die Zugbrücke fahre. Neugierig ging ich ihm sogleich entgegen, und sah eine höchst seltsame altväterische Kutsche mit einem großen Koffer, aber ohne alles andere Gepäck noch Bedienten, und mit vier Postpferden bespannt, auf den Schloßhof fahren. Ich ging an den Schlag. Ein langer, mir ganz unbekannter Mann saß darin, der mich auch nicht erkannte und daher frug, ob der Graf..... zu Hause wäre? Er sey der Baron Müller. Jetzt erst dämmerte in mir die Erinnerung des schweizerischen Bekannten auf, der ganze Aufzug, wie die Person selbst machte aber einen so zweideutigen Eindruck auf mich, daß ich mich ihm zwar nannte, zugleich aber sehr kühl mein Bedauern zu erkennen gab, ihn hier nicht logiren zu können, da mein Haus ganz voll sey, und schließlich bat, im Gasthofe abzusteigen, mir aber das Vergnügen seiner Gesellschaft heut Abend um 7 Uhr bei Tisch zu gönnen, worauf ich mich schnell empfahl und nur einen Diener zurückließ, mit dem Befehl, den Postillon nach dem Gasthof zu geleiten.