Mit Mühe brachte ich endlich von ihm heraus, daß der jetzt in zehnfacher Wassermasse strömende Fluß nirgends hier in der Nähe zu passiren sey, und ich mußte mich daher bequemen, seitwärts eine Straße einzuschlagen, auf der ich bald ein Landstädtchen erreichen sollte, wo man mir gutes Obdach versprach. Es verursachte dies zwar einen langen Umweg, wer aber so wie ich die Erde zu durchstreifen gewohnt ist, dem kömmt es darauf nicht an, er ist überall zu Hause und auf seinem Wagen am meisten; je unbekannter und ungewisser die Zukunft vor ihm, desto besser. Im Grunde freute ich mich daher mehr über das unvermuthete Hinderniß, als es mich störte, und meine leichten Thiere antreibend, erreichte ich das angesagte Nachtquartier auch glücklich noch mit einbrechender Dämmerung.
Eine freundliche, dicke Wirthin kam mir, den fremden lucrativen Zuspruch wahrscheinlich schon von weitem mit Kennerblick entdeckend, bis auf die Straße entgegen und half mir selbst rüstig aus dem Wagen, wobei sie schon im ersten Augenblick eine Suada entwickelte, die nicht wenig mit dem Lakonismus des Wenden am schwarzen Schöps abstach. Uebrigens schien hier Alles unter dem Zeichen des Widders zu stehen, denn, wie ich auf Befragen erfuhr, hieß der Ort Bocksberg, und der Gasthof, ein klösterlich dunkles Haus, zum goldnen Lamm. Das Ebenbild des letzteren, welches in Stein gehauen, vielleicht früher zu religiöser Andeutung dienend, jetzt aber dem Weltlichen verfallen, nun statt der Vergoldung hellgelb angestrichen worden war, schaute in seiner Verstümmelung ganz kummervoll vom hohen Giebel auf mich herab.
Ungeachtet dieses wenig versprechenden Aeußern, wies man mir indeß eine recht gute und hohe Stube an, mit einem großen Kamin, einem riesigen Himmelbett, alterthümlichen Meublen, alles bequemer und reinlicher, als man es gewöhnlich in den kleinen Städten unsres lieben Vaterlandes anzutreffen gewohnt ist, und als ich die an den Wänden hängenden verblaßten Bilder musterte, bemerkte ich darunter mit Verwunderung das gut gezeichnete und sehr ähnliche Portrait eines Verwandten unsres Hauses, der einst das glänzende, wenn gleich eben nicht empfehlenswerthe Vorbild meiner Kindheit gewesen war.
„Wie kömmt dieses Portrait hierher?“ frug ich die mir noch zur Seite stehende Wirthin.
„Halten zu Gnaden! das ist der Starost B...., mein alter Herr und Wohlthäter, dem ich, oder (verbesserte sie schnell) der Frau Gräfin 21 Jahre lang als Kammerjungfer gedient habe; aus welcher glücklichen Zeit mir denn dies Bild noch übrig geblieben ist.“
„Ach, ich verstehe!“ lächelte ich, sie genauer fixirend, und wirklich auf dem runden, obgleich nun auch schon runzligen, Gesicht der gedienten Kammerjungfer waren immer noch einige beaux restes aus alter Zeit sichtbar; ja, je mehr ich sie betrachtete, erschien sie mir immer weniger fremd, und endlich blieb mir kein Zweifel übrig, daß ich — wahrlich ich irrte mich nicht — eine sehr gute Bekannte aus meinem 14ten Jahre vor mir hatte. Mehr als zwei Decennien waren freilich seitdem verflossen — o Zeit! ich sah in der Alten Gesicht wie in einen Spiegel und fühlte rückwirkend deinen Stachel! — Die gegenseitige Erkennungsscene wurde dennoch freudig von mir beschleunigt; denn ich bin noch immer so gutmüthig, mir einzubilden, alte Bekannte müßten sich eben so sehr freuen, nach langer Trennung mich wiederzusehen, als ich sie — und diesmal wenigstens traf meine Voraussetzung ein.
Da die arme Cathinka keine vornehme Dame war, so hatte sie keine Ursache, mir, wie jene französische, dem unbequemen Mahner an längst vergangene vertrauliche Stunden, zuzurufen: „Eh, Monsieur, appellez vous cela connaître?“ — Im Gegentheil, die Verleugnung hätte diesmal mit allem Rechte nur von meiner Seite statt finden können, denn Cathinka hatte schon längst die Sonnenseite des Lebens überschritten, ich — noch nicht so ganz. Zum Lohne dafür überschüttete sie mich denn auch mit den ausgesuchtesten Schmeicheleien; ja selbst ein Hofmann hätte hier noch etwas lernen mögen. Als unter andern meine jugendliche Schönheit (es ist von damals die Rede, liebe Leserinnen) gepriesen wurde, und unter andern gesagt, daß auf jenem verhängnißvollen Maskenballe vor 24 Jahren (auf den ich ein andresmal zurückkommen werde) man kein reizenderes Paar gesehen, als die junge Gräfin von B.... und mich, und ich mit bittersüßer Miene erwiederte: „Ach Gott! die ist nun auch schon im alten Register, ja, ich fürchte fast, wir beide sind grade in denselben Jahren;“ versicherte Cathinka unbedenklich: „damals sey es allerdings so gewesen, aber seitdem habe die Gräfin mich ohne Zweifel weit überholt.“ „Nun dem Himmel sey Dank!“ rief ich lached, „wenn Du eine so glückliche Verschiedenheit für möglich hältst, kann Dein Glaube mehr als Berge versetzen.“
Unterdessen verlor ich, als ein Vielerfahrner, mein altes Princip nicht aus den Augen: qu’il faut faire flêche de tout bois, ein Sprüchwort, dessen Lebensweisheit unerschöpflich ist; und da hier Liebe nicht mehr an der Tagesordnung war, wendete ich meine Gedanken nach der Küche, mich wohl erinnernd, daß Cathinka, selbst als sie noch hübsch war, schon ein bedeutendes Talent in dieser Region entwickelte, welches ohne Zweifel jetzt zu noch höherer Reife gediehen seyn mußte. Ich benutzte daher alle vergangenen Reminiscenzen, nur um diese Kunst der Freundin von Neuem ins Feuer zu bringen. Man versprach, geschmeichelt und voller Freude, Wunder zu thun, und in der That, das soupé zeigte sich der Elevin eines berühmten Gutschmeckers und Bonvivants würdiger als der bescheidenen und christlichen Apparence des güldenen Lammes zu Bocksberg. Der nachsichtige Leser aber kennt schon durch Freund und Feind meine irdischen Dispositionen zu gut, um einen Augenblick zweifeln, daß ich auch von meiner Seite demselben alle mögliche Ehre erwies.
Sobald hierauf noch der Duft zwei ächter Havannah-Cigarren verraucht war, (denn auch dieses Laster habe ich an mir) suchte ich die Ruhe mit meiner lieben Staatszeitung in der Hand, wo ich denn auch kaum gelesen hatte, daß ein russischer Courier angekommen, der Theaterkassirer sein Jubiläum gefeiert, wobei die Gesellschaft Heil Dir im Siegerkranz gesungen, und der Hofschneidermeister Dürre mit dem allgemeinen Ehrenzeichen decorirt worden sey, als ich sanft und selig entschlief.
Schon mochte ich wohl ein paar Stunden lang in jenem seltsamen Traumlande geruht haben, das uns wahrscheinlich das Leben der Thiere auf ihrer untern Stufe abspiegelt, als ein sonderbares beängstigendes Gefühl mich langsam erweckte.