Mit Mühe schlug ich die Augen auf und glaubte schaudernd noch zu träumen — denn eine alte fahle Frau in aschgrau alterthümlichem Gewande, einen großen Bund Schlüssel an der Seite hängend, und einen einzelnen, noch größeren Schlüssel in der Hand haltend, stand, mich wehmüthig anblickend, an meinem Bette.
In dumpfer Betäubung starrte ich hin und sah sie eine, eben im Verlöschen begriffene Lampe mit der andern Hand langsam nach mir empor heben, deren aufflackernder Docht zuweilen, wie mit schwachen Blitzen, das erdfahle Gesicht hell erleuchtete, während die vermoderten Züge gleich darauf wieder in noch grausenhaftere Dämmerung zu verschwimmen schienen.
Ich war wie gelähmt — ob vor Schreck, oder durch übernatürlichen Einfluß, noch jetzt wäre es mir unmöglich dies zu entscheiden — doch ermannte ich mich nach einigen Secunden und wollte mich eben gewaltsam aufreißen, um das räthselhafte Wesen vor mir zu ergreifen, als das Gespenst mit halbtrauriger, halb eifriger Miene den großen Schlüssel bedeutungsvoll mir darreichte, und als ich unwillkürlich zurückschauderte, ihn drohend und wie im höchsten Unwillen plötzlich an meinen nackten Hals drückte. Die Berührung des kalten Stahls durchzuckte mich wie ein Dolchstich, und für einige Augenblicke muß mir alles Bewußtseyn geschwunden seyn, denn als ich wieder aufblickte, war Gestalt und Lampe verschwunden. Das alte Dunkel füllte wieder meine, vergeblich sich hineinbohrenden Augen. Scheu wandte ich endlich den Kopf gegen die Mauer, da schien es von Neuem, als entferne sich allmählig durch sie hin ein blasses Licht. Nein! das ist zu toll! rief ich, mich nach und nach fassend und zum lauten Lachen zwingend; kann man so albern träumen! Also hat dich doch auch einmal der Alp gedrückt, fuhr ich, noch immer schaudernd, fort, denn — soll ein vernünftiger Mensch solchen Unsinn anders erklären? — Ich tappte nach dem Waschtische, trank ein großes Glas Wasser, ging, mit den Händen sorgsam um mich fühlend, ein paarmal in der kalten Stube auf und ab, und als ich hierauf, vom Frost, und vielleicht auch noch von der ausgestandenen Angst geschüttelt, wieder nach dem warmen Bett verlangte, wickelte ich mich in meine Decken und schlief endlich nach niedergekämpfter Geisterfurcht, ferner nicht mehr angefochten, glücklich wieder ein. Als ich erwachte, war es heller Morgen. Mit dem Tageslicht verschwand die unheimliche Spannung der Nacht gänzlich; ich bestärkte mich leicht in der Ueberzeugung, nur lebhafter als gewöhnlich geträumt zu haben, fand es aber doch sonderbar, als ich gleich beim Erwachen noch immer einen, auch später wiederkehrenden stechenden Schmerz am Halse zu fühlen glaubte, ja diesen selbst leicht geschwollen fand — doch achtete ich später nicht weiter darauf.
Meine Toilette (genau nach Göthe’s Vorschriften für den Mann von 40 Jahren eingerichtet), war kaum zur Hälfte fertig, als Cathinka mit dem Kaffee erschien. „Aber sage mir“ rief ich ihr schon von weitem entgegen: „was für allerliebste weibliche Besuche menagirst Du den Gästen hier in Deinem alten gothischen Neste?“
„Herr du meine Güte!“ stammelte sie erblassend, und ließ fast die dampfende Kanne auf den Boden fallen; „gewiß die Rentmeister Rasiussin!“
„Was Teufel willst Du mit der Rentmeister Rasiussin? —“
„Ach mein gnädigster, liebster Herr! die Freude über Sie hat mich die Stube ganz ausser Acht geben lassen, in die ich Sie gebettet. Ja es ist nur zu wahr: es ist dort nicht geheuer! Doch seit Jahr und Tag hatte sich der Spuk nicht mehr sehen lassen und muß nun grade Sie erschrecken!“ —
„Nun, nun!“ erwiederte ich, etwas an meiner Eitelkeit gekränkt, „der Geist hat sich vielleicht den wenigst Schreckhaften ausgesucht; — aber was ist denn mit diesem silbernen Spuk?“ —
„Ach Gott! freveln Sie nur nicht und hören Sie mich aufmerksam an. Wer weiß! vielleicht sollen Sie der seyn, der den Schatz findet: die Krone und das Kreuz und Alles zusammen!“ —