„Gute Cathinka! welche Thorheiten! Einen alten Schatz fand ich zwar schon hier an Dir wieder; aber bei solchen Schätzen, die aus Geld und Geldeswerth bestehen, hatte ich mein Lebelang kein Glück. Eher, fürchte ich, bin ich dazu geeignet, welche zu verlieren, als zu gewinnen. Doch setze Dich her, trinke Deinen Kaffee mit mir und erzähle.“
Dieß ließ sich Cathinka nicht zweimal sagen. Schnell hatte sie mir gegenüber Posto gefaßt und nachdem ich selbst erst ihr mein Abentheuer noch weitläuftig zum Besten gegeben, begann sie, wie folgt.
„Im Anfang des vorigen Jahrhunderts regierte hier der reiche Graf P...., von dem Sie gewiß oft gehört zu haben, sich erinnern werden. Der besaß fast alle die großen, jetzt vielfach getheilten Herrschaften in der Provinz und lebte meistens auf seinem Jagdschlosse in der Nähe, wovon noch die Ruinen im Walde zu sehen sind, in Herrlichkeit und in Freuden. Er zeigte sich aber auch immer gut und großmüthig gegen die Armuth, so daß alle ihm von Herzen zugethan waren. Wie er nun schon die Fünfzig passirt hatte, verliebte er sich mit einemmale noch gewaltig in ein Bürgermädchen hier aus der Stadt, einen wahren Ausbund von Schönheit und Lieblichkeit, wie man erzählt, die aber, obwohl nur eine arme Spitzenklöpplerin, doch allen seinen Verlockungen herzhaft widerstand. Und so entschloß endlich der Graf sich kurz und gut, sie ohngeachtet ihres niedrigen Standes zu heirathen. Seine großen Herrschaften waren indeß alle Lehngüter, und der einzige noch übrige Lehnsvetter, ein gewissenloser Mensch vom schlechtesten Rufe, dem das natürlich nicht gefallen wollte, bewegte also Himmel und Erde, um diese Absicht des reichen Vetters zu hintertreiben.“
„So standen die Sachen, als der Graf, eines Tages von der Jagd zurückkehrend, nach dem Genuß einiger Erfrischungen jähling erkrankte, nicht ohne einen dunkeln Argwohn, daß sein präsumtiver Erbe Antheil daran habe. Dieser war zwar selbst zu der Zeit nicht gegenwärtig, aber schon längst hatte das Publicum ein strafbares Einverständniß zwischen ihm und dem gräflichen Rentmeister Rasius zu bemerken geglaubt, einem finstern, harten Mann, den man, und noch mehr seine böse, in der ganzen Gegend gefürchtete Frau, jeder Uebelthat fähig hielt. Dem sey nun, wie ihm wolle, genug, der Graf starb zwar nicht, schien aber, seit er vom schweren Krankenlager erstanden, seines Verstandes nicht mehr recht mächtig zu seyn.
In tiefe Melancholie versunken, saß er Tage lang einsam, im dunkeln Zimmer, und sprach von nichts als seiner geliebten Marie, welche während seiner Krankheit, durch Gott weiß welche Mittel, aus dem Orte plötzlich verschwunden war.
Erst hatte er bei dieser Nachricht getobt und gerast, später aber war er mit einemmal ganz ruhig geworden und erwartete sie nun jeden Tag geduldig, die Umstehenden immer versichernd: morgen werde sie gewiß von ihrer Reise zurückkehren, von der er ja nun recht wohl wisse, warum sie sie habe antreten müssen. Dabei bestand denn des armen Herrn einziges Vergnügen darin, daß er für die Abwesende fortwährend prächtige Gewänder und kostbaren Schmuck aller Art ankaufen ließ, was er dann in seiner Verstörung um sich her aufzustellen befahl, und ein ausgeschnittenes, auf plattes Holz gezogenes Oelbild des jungen Mädchens, das mitten in seiner Stube stand, und noch jetzt auf einem fürstlichen Schlosse in Schlesien vorhanden seyn soll, unter kindischen Liebkosungen an- und auszog, und bald mit diesen, bald mit jenen Juwelen zu schmücken pflegte, oft sich einbildend, die kalte Holzfigur habe wirklich Fleisch und Blut, und sey sein wiedergekehrtes liebes Mädchen selbst geworden.“
„Verwunderlich war es, daß von dem Augenblicke seiner Verwirrung an der Graf den Rentmeister Rasius, dem er früher seine Abneigung nicht selten durch harte Begegnung fühlbar gemacht hatte, zu seinem Liebling erkor, sich gar nicht mehr von ihm trennen konnte, oft mit ihm sich einschloß, und ihm auch in der Führung seiner Geschäfte ein ganz unbedingtes Vertrauen schenkte. Ihm auch hatte er den täglich sich mehrenden Juwelenschatz des Holzbildes in Verwahrung gegeben, den nur selten noch ein anderes Auge erblickte. Rasius allein mußte ihn bringen, wenn der Graf darnach verlangte, und ihn dann Abends eben so geheimnißvoll wieder mit hinwegnehmen, so daß es doch am Ende auch nur ein unverbürgtes Gerücht und eine Sage blieb, was unter die Leute kam, von der unbeschreiblichen Pracht der glänzenden Steine, und wie besonders eine Krone darunter hervorstrahle, gegen welche die des Königs von Polen nur Theaterplunder sey, und ein Kreuz von Rubinen, das viele Jahre der Revenüen des reichsten Edelmannes nicht bezahlen könnten.“
„Doch es dauerte nicht sehr lange, so fing man an, von gerichtlicher Untersuchung wegen des Herrn bedenklichem Zustande zu sprechen, und daß er der weitern Verwaltung seines Vermögens wohl gar für unfähig erklärt werden würde, als ganz unerwartet auch sein eben angelangter böser Neffe erkrankte und nach wenigen Tagen starb.“
„Da nun in Ermangelung weiterer männlicher Erben die Lehne sämmtlich dem Könige zufallen mußten, so wurde des Grafen Ruhe von dieser Seite, durch begehrliche Erben wenigstens nicht ferner gestört, und unter ihm regierte von nun an, völlig unumschränkt, der gefürchtete Rasius. Das soll eine schreckliche Zeit für die armen Unterthanen gewesen seyn! Auf seinem Jagdschloß, wie gefangen gehalten, sah man den Herrn nie mehr öffentlich erscheinen, und man wußte kaum mehr, was aus ihm geworden sey. Endlich nach vielen, wahrscheinlich in immer überhandnehmendem Wahnsinn und harter Behandlung zugebrachten Jahren, wurde mit einemmal sein Tod bekannt gemacht. Nur als Leiche und auf dem Paradebett, sahen seine bekümmerten Unterthanen ihren geliebten Grafen, welcher sich ihnen in alter Zeit so oft als Vater und gütiger Herr gezeigt, zum letztenmale wieder, und allerlei unheimliche Gerüchte gingen im Schwange über sein ganz verändertes Aussehn, und daß, als Rasius an das Paradebett getreten, er die Augen wieder aufgeschlagen, so daß man sie ihm kaum habe wieder zudrücken können.“
„Königliche Beamte übernahmen bald darauf die Güter, da kein Erbe mehr da war; einiges baare Geld ward mit denselben übergeben, von den Schätzen des Bildes aber — wie man sie im Schlosse nannte — hörte man nichts weiter, und doch blieb Rasius wider alles Vermuthen unangetastet. Er selbst entsagte indeß binnen Kurzem freiwillig seinem Dienste, kaufte das alte Klosterhaus, worin jetzt mein Gasthof ist, richtete sich nach und nach reich und prächtig ein, schien aber seines Geldes nimmer recht froh werden zu können. Jedes Jahr hatte er überdies regelmäßig einen Todesfall in seinem Hause, bis, eins nach dem andern, alle seine vier Kinder gestorben waren. Da wurde er ganz menschenscheu, verschloß seine Thür Einheimischen und Fremden, und lebte fortan ungesehen und einsam mit seiner bösen Frau allein. Meine Großmutter hat diese Frau selbst noch recht gut gekannt und mir oft von ihr erzählt, daß sie gar keinen Schlaf gehabt habe und, gleich der Königin in der Komödie, immer wie mondsüchtig in den langen Gängen umhergeirrt sey. Aus dem Seitenhause, wo meine Großmutter wohnte, konnte sie allnächtlich ihre Lampe hell leuchten sehen, und ein großes Schlüsselbund, sagte sie, habe sie immer klirrend an der Seite getragen; überhaupt beschrieb sie ihren Anzug grade so, wie Sie, guter Graf Carl, und viele Andere schon vor Ihnen, sie seitdem in dieser Stube gesehen haben wollen. Und was das Seltsamste ist, grade an Ihrem Bett, wo Sie das Licht haben durch die Wand verschwinden sehen, da ist der ehemalige Eingang zu der Alten Zimmer gewesen, den mein Mann schon vor zwölf Jahren zumauern ließ, um dem Gerede über ihr Umgehen den Mund zu stopfen. Aber was hilfts! solche Art Leute, du meine Güte! die gehen durch eine Mauer eben so leicht, als durch eine offene Thüre!“