„Doch, um zu meiner Geschichte zurückzukehren, die Ihnen ohnedies wohl schon zu lang vorkommen mag, so will ich nur noch sagen: Sterben müssen wir einmal Alle, Gute und Böse, und so ging auch endlich Herr Rasius dahin, wo ich ihm nicht folgen mag; und seine Frau blieb nun ganz allein von der Sippschaft übrig. Nun aber fing sie erst recht an, die ganze Nacht herumzuziehen! Sie trieb es aber nicht mehr lange, und als endlich auch ihr letztes Stündlein schlug, so hatte sie, wie gesagt, weder Kind noch Kegel mehr, ihrer liebreich zu warten und nur noch eine einzige entfernte Schwester am Leben. — Nach der schickte sie nun Boten über Boten und wollte ihr mit Gewalt noch Etwas entdecken. Einen großen Schlüssel ließ sie aber Tag und Nacht nicht aus der Hand und rief immer angstvoll nach der Schwester, und soll schreckliche Worte ausgestoßen haben: ob sie denn ganz umsonst in die Hölle fahren solle, und sich dann selber verflucht, und solche abscheuliche Reden mehr gehalten haben, daß meine selige Großmutter immer, nach alter frommer Weise, ein Kreuz über das andre machte, wenn sie davon erzählte.“
„Die Schwester kam aber nicht — und so hat die Frau Rasiussin mit dem Schlüssel, noch fest in die krampfhaft geschlossenen Hände geklemmt, begraben werden müssen; denn Jeder fürchtete sich, ihn gewaltsam heraus zu reißen, weil die Leiche ihn wie mit eisernen Krallen fest hielt, und so entsetzlich dabei ausgesehen haben soll, daß auch dem Herzhaftesten die Haare davor zu Berge gestanden.“
„Es hat nachher auch Niemand gewußt, wo der Schlüssel eigentlich hinpasse, denn zu allen Thüren im Hause, auf dem Boden und im Keller, ist Alles richtig da gewesen. Aber nirgends fand man dort weder Geld noch Kostbarkeiten, nur munkelte man später, daß der Apotheker hier daneben, der immer reicher wird, man weiß nicht wie, im tiefen Brunnen in seinem Garten, der sonst mit zu meinem Hause gehörte, viel altes Silber, alles noch mit dem Wappen der P....e gezeichnet, heraufgezogen haben soll. Ob er nun auch den übrigen Schatz gefunden, das mag freilich der Himmel wissen; ich glaube es aber jetzt bestimmt nicht, weil die Frau Rentmeisterin wieder umgeht, was seit sieben Jahren nicht mehr der Fall gewesen ist. Damals sah sie mein Mann, wie er freilich schon ein bischen blödsinnig war, dort eben durch dieselbe zugemauerte Thüre gehen und am Ende des Ganges hinter ihrer Stube plötzlich verschwinden. Wie er aber selber so weit hat durch die Mauern sehen können, ist doch wohl nicht recht zu begreifen, und ich dachte daher oft — Gott verzeih’ mir die Sünde! — es sey Alles nur dummer Schnack; aber nun kömmt Einem der Glaube wohl in die Hände, und nach dem, was Ihnen heute Nacht begegnet ist, lasse ich mich jetzt darauf todt schlagen, daß der Schatz noch da ist. Ich will auch selber auf der Stelle nachgraben lassen; denn wer von uns armen Menschenkindern kann denn wissen, was ihm vielleicht noch hier für Dinge beschieden sind! Freilich ungerechtes Gut gedeiht nicht! — Das ist wohl wahr — und da mag es doch am letzten Ende der Teufel lieber behalten. Was meinen Sie, gnädiger Herr?“
„Ja wohl,“ erwiderte ich, „mit solchen großen Herren, wie Satanas, ist nicht gut Kirschen essen!...“
... „Herr Jesus!“ kreischt es da vor mir — noch ein gellender Schrei und — voll Entsetzen, seh’ ich Cathinka leichenblaß zur Erde sinken. Mechanisch wende ich mich um — da gewahre ich ein Wesen, ganz dem ähnlich, welches ich in der Nacht gesehen, das mit aufgehobenem Schlüssel in der Hand, mich furchtbar freundlich angrinst. Es sehen, zuspringen und es nicht sanft bei der Brust fassen, war diesmal Eins; doch das Fleisch und Blut, welches ich beruhigt fühlte, kühlte mich bald ab und ein trauriges Gewimmer von Seiten der Gefaßten löste schnell meine Hand. „Wie kömmst Du hierher? — Was willst Du hier?“ schrie ich ihr zu, noch über meinen eignen Schrecken erzürnt. — Doch keine Antwort erfolgte, nur ein unverständliches Gemurmel und neues Emporhalten des Schlüssels. — Cathinka schlug jetzt die Augen wieder auf, starrte eine Secunde lang die graue Unbekannte an, und plötzlich aufspringend, stammelte sie mit wiederkehrender Farbe: „Nein, Liese! Ist es möglich? Bist Du es, und bringst mir meinen verlornen Gartenschlüssel? — Nein, so was ist doch zum Schlagrühren! hätte ich doch bald den Tod vor Schreck gehabt! Aber wie ist die Tolle denn so heimlich hereingekommen? Und was kann sie nur die Nacht hier im Zimmer gemacht haben?“.....
Und nun begann sie mehrere Zeichen, wie zu Taubstummen zu machen, die das Ungethüm noch viel schneller eifrig erwiederte. Ich konnte jedoch bald bemerken, daß es die letzte Frage beharrlich zu verneinen schien.
„Unbegreiflich!“ sagte Cathinka, „ich habe die taubstumme blödsinnige Liese wiederholentlich gefragt: ob sie die Nacht hier gewesen sey? sie behauptet aber standhaft nein; sie habe eben erst meinen vorgestern verlornen Gartenschlüssel, für den ich vier Groschen Belohnung hatte aussetzen lassen, weil es doch fatal ist, wenn einem Fremden so was in die Hände kömmt, in einem von den Löchern, die zum neuen Zaune gegraben worden sind, gefunden, die Nacht aber ruhig auf ihrem Boden geschlafen, den ich ihr aus Mitleid eingeräumt habe. Wie sie aber jetzt hereingekommen, hätten wir, sagt sie, gar nicht auf sie achten wollen, und so habe sie sich endlich hinter Sie gestellt und den Schlüssel in die Höh’ gehalten, der mich so abscheulich erschreckt hat, daß ich noch am ganzen Leibe davon zittere und bebe.“
„So muß die Liese eine Nachtwandlerin seyn!“ — fiel ich ein; aber bei genauerer Besichtigung fand sich doch die Kleidung, ja selbst die Form des Schlüssels ganz anders; und gesetzt auch Liese wäre als Somnambule im magnetischen Schlafe bei mir erschienen, — wo hätte sie die alterthümliche Lampe herbekommen, die ich doch so deutlich gesehen — und wie wäre sie gar zuletzt mit ihr durch die Mauer gewandelt? — Verdrießlich! denn im ersten Moment glaubte ich schon die natürliche Aufklärung meines nächtlichen Abentheuers gefunden zu haben und sah mich jetzt wieder in neue Zweifel verstrickt.
So blieb mir denn nichts andres übrig, als mir wiederholt einzureden, daß ich selbst eine Art von schlafwachendem Traum gehabt; denn anzunehmen, ich habe wirklich ein übernatürliches Wesen gesehen, dazu bin ich doch viel zu aufgeklärt und meine Leser ohne Zweifel noch viel mehr.
Es war indeß Zeit für mich geworden aufzubrechen. Ich beschenkte die arme Liese, um meinen unsanften Griff wieder gut zu machen, reichlich, und nachdem ich von der alten Freundin herzlichen Abschied genommen, mir auch zugleich den Weg nach dem ehemaligen Jagdschlosse des Grafen P...., wo er gestorben, genau hatte bezeichnen lassen, verließ ich das omineuse Städtchen in einer ziemlich sonderbaren Stimmung. — Es war ohngefähr eine solche, wo man nicht weiß, soll man weinen oder lachen, und wo man mit dem „guten Ritter“ ganz geneigt ist, jede Windmühle für einen Riesen anzusehen.