So fuhr ich eine ganze Zeit lang sinnend weiter und spann einen Faden der Speculation nach dem andern ab, als mich das gewaltige Geschnatter einer Heerde Gänse neben mir aufstörte und zwei graue Gänseriche sich eben zum ernstlichsten Kampfe anschickten, denn Frühjahrsliebe mochte im Spiele seyn. Mir aber kamen die barocken Gestalten wie Ritter vor, in helle Federpanzer gehüllt, welche die roth lakirten Lanzen eingelegt, eben gegen einander ansprengen wollten, um auf Tod und Leben zu kämpfen, während rund umher aus dem Kranze der Damen vom hohen Balkone melodisches Stimmengewirr, leises Flehn, süßes Flüstern, bald für Diesen bald für Jenen den Sieg vom Himmel zu erbitten schien.
Und ich bewunderte die tapfern Prinzen, die immer neue Gänge begannen, so ungleich manchen unsres Geschlechts, welche ihre Zwiste nur durch andre Gänseriche auszumachen pflegen, die auch gutmüthig genug sind, sich für ihr Interesse todt schlagen zu lassen. Diese gefiederten Prinzen zahlten wenigstens mit ihrer Person. Ich aber nahm mir vor, mit höherer Macht begabt, jetzt wohlthätig ihren Streit zu schlichten und dann gelegentlich ihre Tapferkeit mit ihren eignen Federn zu schildern; denn bin ich nicht auch eine Art Federritter? ein Edler des neuen Faustrechts, welches den Kiel statt des Schwerdtes führt, und wahrlich in geschickter Hand keine geringeren Wunden, als jenes einst versetzte, auch heute noch zu schlagen weiß. Ja seltsam genug ist es, daß die einflußreichsten und gefährlichsten Federhelden unsrer Zeit sogar denselben Namen wieder führen, als ehemals die mächtigen Schwerdthelden; ich meine die Ritter Burggrafen in Deutschlands Gauen, welche „Advocati“ hießen.
Nun nahm ein weiter Wald mich in seine einsamen Schatten auf. Scheues Wild knisterte hie und da durch die Zweige, der Kukuk ließ sein geheimnißvolles Frühlingswort bald da, bald dort, wie Koboldsruf erschallen, und froh ward mir wieder die Brust, alle nächtlichen Schauer schüttelte ich von mir ab: denn in mir und außer mir fühlte ich mich von neuem lebhafter und inniger im Tempel Gottes, in den Armen der ewigen Liebe und der erhabnen Natur.
Freilich verlassen wir eigentlich diesen Tempel nie: doch werden wir nicht immer uns desselben mit gleichem Entzücken bewußt, da, wo des Menschen einseitiges Walten seine Spinnengewebe darüber hingezogen hat.
So gelangte ich, nach ziemlich mühsamem Suchen und schwierigem Vordringen auf verlassenen Pfaden, in das reizende Revier, wo auf einem Hügel, langsam verfallend, die Ruinen des Jagdschlosses stehen, in dem der unglückliche Graf sein schmerzliches Leben beschloß. In reizendem Contrast mit diesem trüben Bilde war die romantische Umgebung. Hundertjährige Fichten faßten hier mit ihrem schwarzen, faltigen Mantel blumige Wiesen ein, junge Birken mit den zarten sprossenden Blättern bedeckten das tiefe Thal, und durch das Erlengebüsch raschelte, wie unzählige Eidechsen, in hundert phantastischen Krümmungen, das kleine Bächlein, welches unter den noch übrig gebliebenen Mauern des alten Schlosses sich verlor.
Wie schön, wie herrlich, dachte ich mit frommem Gebet, ist doch deine Schöpfung, o Gott! — und welches verhängnißvolle Geheimniß ist es, das nur den Menschen allein so oft ausschließt von jenem allgemeinen Genuß. Warum quält nur er sich im Staube, und sorgt, und rollt ewig den Stein des Sisyphus, während doch alle Vögel so freudig singen und die Blumen so harmlos duften, unbekümmert um den folgenden Tag. Ja! theuer bezahlen wir die höhere Erkenntniß, theuer die genossene Frucht vom verbotenen Baume, dieses chemische Wissen, welches Alles in seine Bestandtheile zersetzt und darüber das Ganze verliert. Und wer weiß, wie oft schon auf dieselbe Weise die Niederlage sich erneute, welche die zu viel Erforschenden — die himmelstürmenden Giganten — wieder in das Dunkel der Tiefe herabwarf.
So dacht’ ich bei mir und fühlte herben Schmerz und doch auch seligen Genuß; denn unergründlich sind die Schachten unsrer Seele! Ich mußte mein Entzücken über Gottes herrliche Natur an irgend etwas auslassen, irgend einem lebenden Wesen liebkosen, und da sich nichts andres vorfand, so streichelte und küßte ich meinen herrlichen Rustan, meinen Lieblingsgaul, einst das Leibroß eines fanatischen Wechabiten — jetzt Pegasus im Karren eines christlichen Philosophen.
Das edle Thier, durch des Schicksals wunderliches Spiel, von den Ufern des rothen Meeres an die Ufer des schwarzen Schöpses verschlagen, weiß, wie alle die adeligen Rosse Arabiens, gleich treuen Hunden, sich seinem Herrn mit Liebe anzuschmiegen, und bewies mir nun seine Freude, indem es mich mit den schönen ausdrucksvollen Augen schalkhaft gutmüthig von der Seite anschaute, und scharrte, und den Schweif hob, und ganz melodisch schnarchte, und dann seine Nase gegen meine Hand drückte, mit der umgeschlagenen Lippe sie schmeichelnd zu fassen versuchend, als wolle es mir so deutlich, als es nur könne, sagen, es verstehe meine Zärtlichkeit gar wohl und theile sie.