Für solche Pferde kann man wirklich eine Art Leidenschaft fassen, und ich finde daher auch, daß man mit Unrecht in manchen alten, und selbst noch in neuen Romanen die Edelleute wegen ihrer Passion für Pferde und Hunde so sehr anfeindet. Es ist doch besser: etwas zu lieben, als gar nichts; und was sieht man heut zu Tage, vom Adel wie vom Bürger, lieben, als — jeden seinen Geldbeutel. — Das hat die Zeiten allerdings industrieuser gemacht — ob aber herzlicher und besser? — Die Frage wollen wir hier unerörtert lassen; so viel ist indeß gewiß, bei den Arabern gilt ein Pferd mehr als ein Mensch, und wird auch für viel vornehmer gehalten. Wie auf der Insel, die weiland Gulliver entdeckte, bilden diese Thiere dort die wahre Aristokratie, und man führt dort, wie hier für unsre Souveraine, Kriege ihretwillen, die oft mit der Ausrottung mehrerer Stämme endigen. Wären die Pferde nicht zugleich auch so nützliche Thiere zum täglichen Gebrauch, so hätte man vielleicht gar schon eine Gottheit aus ihnen gemacht. Aber, wie gesagt, sie sind zu nöthig für Alle, um sie entweder dem Nichtsthun, oder den Priestern allein zu überlassen, in deren Hände sie, als göttlich, dann doch unfehlbar hätten gelangen müssen.
Dabei fällt mir ein französischer General ein, der die Expedition nach Aegypten mitgemacht hatte, und auf seinem Zuge zur weiland russischen partie de plaisir durch mein Gut marschirte, wo er mir, accompagné de plusieurs autres, mehrere Tage die Ehre erzeigte, mein Schloß als das seinige anzusehen, und die Humanität so weit trieb, mich jeden Mittag regelmäßig zum diné in meinem eignen Hause einzuladen. Dieser brave Mann (er kam nachher auf dem Rückweg wieder und bettelte pour Dieu um einen alten Rock) erzählte viel von den arabischen Pferden und zum Theil recht Interessantes. So sprach er unter andern von einem Räuberhauptmanne, welcher zwei ächte Nedjyd, deren Stammbaum bis auf Abrahams Zeiten zurückgegangen sey, besessen und durch sie fast unangreifbar geworden wäre. Er und sein fünfzehnjähriger Sohn wohnten nämlich ganz allein in einer Art kleinen Burg, mitten in der Wüste, die ein tiefer gemauerter Canal von 16 Fuß Breite umgab. Keine Brücke führte zur Feste, aber bei jedem Ein- und Auszug trugen die Nedjyds ihre Herren mit Leichtigkeit über den Abgrund in das sichere Asyl, während der übrige Stamm außerhalb unter seinen Zelten im Sande lagerte.
Als ich wegen des Stammbaums, auf Burkhard gestützt, einige Zweifel erhob, rief der General ganz entrüstet: „Comment, Monsieur, vous en doutez? — Savez vous, qu’il n’y a pas un cheval de race parmis les Arabes, qui n’ait son extrait baptistaire?“ —
„Dans ce cas,“ erwiderte ich, — „les Missionnaires ont été plus heureux en Arabie que dans l’Inde.“
Er merkte nun seinen blunder und verbesserte ihn lachend; denn bei diesem liebenswürdigen Volke endet zuletzt Alles mit Lachen. Auch als ich später den armen Teufel aus meiner Garderobe neu equipirte, lachte er herzlich und versicherte: que la dernière campagne avait été diablement fraiche, und versprach, mir das nächste Jahr meine générosité mit Interessen wieder zu bezahlen. Bei Großgörschen zog jedoch ein mächtigerer Mann, Herr von Rumpelmeier, einen Wechsel auf ihn, den er vergebens protestirte und ich verlor meine Interessen.
Wenn der Leser glaubt, daß mir auf dem einsamen Jagdschloß wieder etwas Absonderliches begegnet sey, oder ich dort gar eine Auflösung des Räthsels der vergangenen Nacht, vielleicht ein halb vermodertes Manuscript in einer Mauerblende, oder dergleichen gefunden, so irrt er sich leider sehr. Es blieb nur bei den eignen Phantasiebildern und da diese jetzt dem in Jugenderinnerungen Verlornen eine erneute Sehnsucht nach dem früher vorgesteckten Ziele einflößten, so machte sich demgemäß derselbe bald wieder auf den Weg.
Ich habe vergessen, Dir, geehrter Leser, zu melden, daß ich noch einen Diener mit mir führe, der aber nur ein stummer Mohr ist. Ließe es sich irgend mit dem Dienste vereinigen, so würde ich ihn auch blind und taub gewählt haben, wie die junge Italienerin in der Oper ihren Ehemann verlangt; denn für einen einsiedlerischen Phantasten, wie ich es bin, kann es nichts Unbequemeres geben, als die vielen aufpasserischen Sinne eines Bedienten. Ich selbst brauche überdies wenig mehr Bedienung, als ich mir zur Noth selbst gewähren kann, und außerdem höchstens solche, welche ich überall finde; die Pferde aber verständigen sich mit meinem stummen Schwarzen vortrefflich. Ich gab diesem jetzt die Zügel in die Hand und setzte mich behaglich zurück, um Gegend und Gedanken desto besser zu genießen. Wir passirten einige freundliche Dörfer. Die junge Saat und die blühenden Obstbäume, der himmlische Verjüngungshauch des Frühlings, der azurblaue Himmel und die linde, würzige Luft machten heute auch den minder begabten Erdfleck zum Paradiese. Ich überließ mich ganz so freundlichen Eindrücken, und ging dann innerlich — in die Kirche; denn der liebe Gott ist ja überall zu finden, und in der That auch gar kein so geheimnißvolles, unsichtbares Wesen, als ihn manche Theologen darstellen und die Philosophen suchen. Er erscheint nur Jedem verschieden, aber auch das einfältigste Gemüth fühlt und erkennt ihn gar oft, wenn auch unter andern Namen und alt bekannten Formen; der eine in der Geliebten, jener in der Pracht der untergehenden Sonne, im majestätischen Laubdome des von tausend Sängern belebten Waldes, im Genusse einer guten That, in der Entsagung aus Liebe zum Rechten, ja auch im innigen Wohlseyn unbescholtener Jugend, in den Werken der Kunst und des Genies, in dem glücklichen Bewußtseyn einer eigenen gelungenen Schöpfung, in hundert andern recht sinnlichen Dingen noch — aber in allen diesen Fällen giebt es ein Kennzeichen, ohne welches Gott nie erscheint, und welches ohne ihn auch nie erscheint: — reine, selige Freude. Nur aber laß Dir, armer Mensch, von Niemand einreden, daß Du diese Seligkeit nur mit Hülfe der Bibel oder des Korans, in der Kirche oder Moschee, bei Deinen Pfaffen oder Mollahs, finden könntest — sie ist überall, wo Dein Geist sich zum Allmächtigen zu erheben versteht, wo Du gut bist, wenn Du auch nicht einmal Opfer brächtest; denn Kreuz und Leiden, Gerippe, Opferthier und Tod, gehören — dem Himmel sey Dank! — nicht nothwendig dazu, wohl aber Liebe, Liebe für Gott, seine ganze Schöpfung und sich selbst. Die wahre Religion ist nicht schwer: sie ist nur Trost und Stütze und Glück. Sie gönnt Dir jeden Genuß, den die Vernunft erlaubt und verdoppelt ihn noch durch Heiligung auch des Geringsten. Unter welchem Bilde also, durch welche Mittler oder Offenbarung sie Dir aufgeht, dabei bleibe; ist es in irgend einer Kirche, so halte sie hoch; ist es im Tempel der Natur; so lasse diesen Deinen Tempel seyn.
In diesem letzteren Falle befindet sich nun meine Wenigkeit, und ich sang daher eben, mit der Lerche um die Wette, mein Lied zwischen Exordium und Predigt, als ich auf kahlem Hügel — einen hohen Galgen und eine wogende Menschenmenge darum her erblickte.
Man erzählt von einem Schiffbrüchigen, daß er, an unwirthbarer Küste strandend, sich verzweiflungsvoll auf einer wüsten Insel glaubte, bis er eines Galgens ansichtig ward und nun entzückt ausrief: „Gott der Allmächtige sey gepriesen, hier ist Civilisation!“
Ich kann nicht sagen, daß mir dieser Civilisations-Verkünder eine eben so angenehme Ueberraschung verursachte, um so mehr, da ich nicht zweifeln konnte, er solle so eben functioniren. Ich hasse Executionen, seit ich in Bern einen 75jährigen Greis hängen sah, der vor 40 Jahren für 30 Batzen Wäsche von der Bleiche gestohlen hatte; ferner, früher als Kind dabei gegenwärtig war, wie in H.... ein armer Soldat auf Tod und Leben Spießruthen laufen mußte, weil er sich an einem unmenschlichen Lieutenant vergriffen, der jetzt ein angesehener General ist. Ich kann daher auch nicht umhin, mich immer für den leidenden Theil am meisten zu interessiren, und denke manchmal sogar, daß die, welche so leicht und unbefangen ihren Mitmenschen das Leben absprechen, auch nichts andres als Mörder sind, nur mächtige und patentirte, was allerdings einen Hauptunterschied macht.