Indessen ist es einmal einer meiner Grundsätze, keinen menschlichen Zuständen aus dem Wege zu gehen, die sich der Beobachtung darbieten; doch fiel mir der sonderbare Contrast auf, der mir bis jetzt auf meiner Ausflucht, statt herrnhutischer Stille, die ich bezweckte, nur Jugendsünden, Geister, Mörder, Galgen und Rad präsentirt hatte. Nicht ohne innere Bewegung stieg ich vom Wagen und mischte mich unter den Haufen der Zuschauer.

Es war wirklich ein Mörder, der hingerichtet werden sollte, und grause Umstände hatten die That begleitet. Ist es der Gerechtigkeit überhaupt erlaubt, so weit zu gehen, so war hier wenigstens Ursache genug dazu. Das Organ mußte bei diesem Unglücklichen sehr fehlerhaft seyn, denn schon als Knabe war er von seinem Schäfer fortgejagt worden, weil er dem treuen Hunde, der ihn und seine Heerde bewachte, die Beine abgeschnitten, die Augen ausgestochen und in diesem Zustande lebendig bis an den Kopf, den er mit Honig eingeschmiert, im Sande vergraben hatte. Man entsetzt sich vor solchem Gräuel — ja, solche That kommt mir noch weit schrecklicher vor, als der einfache spätere Menschenmord aus Interesse, wenn gleich die menschliche Gesellschaft nur vom letztern Notiz nimmt, die Hunde aber keine Criminal-Justiz haben und auch die höhere Thierart nicht richten dürften, eben so wenig, wie wir Engel und Dämonen, die vielleicht ähnliche Dinge mit uns vornehmen, von denen wir uns nichts träumen lassen. Aber würde bessere Erziehung, nicht nur der Kinder in der Schule, sondern auch der Erwachsenen durch bessere Staats- und Gerichts-Verfassung, der Menschheit nicht tausende solcher Verbrechen ersparen, und sollte diese daher nicht mehr noch darauf denken: sie zu verhindern, als zu rächen? — Das letztere hilft, in Wahrheit, fast nichts. Stand der Aufklärung und Gesinnung sind der Boden, aus dem das Gute und Böse aufwächst. Die Axt haut wohl den verwachsenen Baum nieder, aber neue Sprößlinge treiben fortwährend aus der blutgedüngten Erde.

Es bleibt ohnedies keine Strafe auf der Welt aus, und die Menschheit selbst muß es endlich büßen, was sie an der Bildung des Einzelnen vernachläßigte. Noch schneller jedoch muß das Individuum die natürlichen Folgen seiner Handlungen tragen, und wer seiner doppelten Bestimmung als Mensch — nämlich der: nicht nur sich, sondern auch Andern zu leben, folglich auch dem allgemeinen Gesetz, das der Staat als Repräsentant der Mehrheit ihm auferlegt, sich zu fügen — nicht eingedenk ist, kann auf dieser Erde, selbst abgesehen von seiner individuellen Ueberzeugung, nie ruhig und zufrieden enden. Entweder erreicht ihn der Menschen rächende Hand direct durch Strafe, oder indirect durch Verachtung, Haß und Schmach; und entginge er auch den Folgen dieser, so wird ihn doch fortwährend, vielleicht noch bitterer, das drückende Bewußtseyn quälen, was wir Gewissen nennen, nämlich die Furcht: einer oder der andern Alternative verfallen zu müssen, wenn er entweder die Macht verlöre, die ihn vielleicht schützt, oder wenn offen da läge, was noch verborgen ist. Es giebt freilich überall Ausnahmsfälle; aber ein Mensch stehe auch noch so fest auf seiner Ueberzeugung: immer ist es ein gefährliches Wagstück, mit der allgemeinen Meinung den Kampf zu beginnen, und ganz gleichgültig wird ihm das Urtheil seiner Mitmenschen (wäre beides auch seiner Ansicht nach ungerecht und irrig) doch auf die Länge niemals bleiben. Denn der Mensch ist ein zur Geselligkeit bestimmtes Wesen und nur als solches muß er in jeder Beziehung leben und wirken, ja er findet sein vollendetes Daseyn, die wahre Erkenntniß seiner selbst zuletzt nur in der ganzen Menschheit. „Nur sämmtliche Menschen,“ wie Göthe schön sagt, „erkennen die Natur, nur sämmtliche Menschen loben das Menschliche.“

Ja wohl! und so erkennt auch nur das ganze Universum zusammengenommen vollständig Gott und lebt in und mit ihm das Göttliche.

Der Verbrecher, dessen schweres Ende jetzt nahte, hatte im Verhör ganz unumwunden seine Mordlust gestanden und ausgesagt: daß, als er sich zum Tödten seines Kameraden (um eines neuen Rockes willen) entschlossen gehabt, und nun das Opfer schlafend vor sich liegen gesehen, die Zähne ihm vor Begierde bei dem Anblick zusammengeschlagen wären. Wohin verirrt sich die menschliche Natur! Gewiß könnte man mit Recht jeden Mörder und Selbstmörder zu den, wenigstens momentan, Verrückten rechnen.

Es war demnach unmöglich, ein solches Scheusal zu beklagen, und als ob ihm kein Laster fehlen solle, so erschien er in seinen letzten Augenblicken auch noch feig. Er hatte alle Fassung verloren, und der junge Prediger, welcher ihm die Stufen hinauf half, nicht minder. Dieser betete ihm das Vaterunser vor, dessen Worte der schon Halbtodte mechanisch nachplapperte, als wolle er sich zu guter letzt dadurch noch möglichst betäuben und sich selbst zu vergessen suchen. Die Wahl des Gebets war allerdings in diesem Augenblicke unpassend, und es hatte etwas furchtbar Ironisches, als der Mensch, der seinen Kopf in einer Minute verlieren sollte, mit heiserer Stimme rief: „Gieb uns unser täglich Brod!“ Die rohe Menge lachte, und einige greuliche Späße berührten mein Ohr; der Sünder aber, dem schon die Augen verbunden waren, lallte fort und fort die einzelnen Betworte emsig nach, so wie sie dem Munde des leichenblassen Seelsorgers entfielen, bis das letzte — wie ein weher Klagelaut — im herabstürzenden Haupte verklang. —

„Es ist doch eigen“, sagte ein alter weißhaariger Landmann neben mir, „es ist doch eigen, daß sie gestern wieder unter den sieben Linden getanzt haben!“

„Wie so, Alter?“ wandte ich mich neugierig zu ihm. —

„Ach, der Herr sind wohl fremd? Sehen Sie wohl, da gleich hier links den anderen Hügel, der wie ein Zwillingsbruder von dem aussieht, woraus wir stehen, und die Linden oben auf seiner Spitze?“ —

„Sehr genau,“ erwiderte ich; denn schon vorher hatte mich die seltsame Gruppe angezogen, wo sieben alte Lindenstämme schlangenartig in einander verflochten, nur eine herrliche weite Krone über sich bildeten.