„Nun“ fuhr mein Berichterstatter fort, „seit ich mich besinnen kann, und das ist lange her, hat es immer geheißen: daß, wenn einer auf dem Richtplatz sterben soll, die Nacht vorher alle, die früher hier gerichtet wurden, unter den sieben Linden tanzen müssen, so lange die Thurmglocke im nahen Rosenau Mitternacht schlägt. Länger dauert der Ball nicht, aber die es gesehen, haben doch ihr Lebtage genug daran gehabt. Des Herrn Grafen Rattenfänger aus Rosenau, der hat ihnen einmal vom Anfang bis zum Ende zugeschaut, den Tag vorher, ehe der rothe Nickel gerädert ward, und gerne gab ihm jeder von uns einen freien Abendtrunk, wenn er die Angst erzählte, die er da ausgestanden.“
„Es war grade Mondschein zu der Zeit“, fuhr der Alte geschwätzig fort, „und so hell, daß man hätte eine Stecknadel auf der Erde liegen sehen können. Da kam Schuldmann — so hieß besagter Kammerjäger — eben von einer Dienstreise zu Hause und pfiff sich sein Ratzenliedchen. Es war nicht eben aus Lust, sondern mochte mehr aus Angst seyn vor dem verdächtigen Orte: denn der giftige alte Kerl hatte mancherlei Werg am Rocken, wie man zu sagen pflegt.“
„In der ganzen Gegend war er nicht zum besten angeschrieben, weil er seinen Einfluß beim Grafen immer nur dazu benutzt hatte, denen zu schaden, die er nicht leiden konnte. Solche sah man ihn denn Jahre lang ohne Erbarmen verfolgen, wie und wo er nur konnte, bis er ihnen irgend ein Leid angethan. Dabei war er nun noch überdies, wem er’s nämlich bieten zu können glaubte, ein gar grober Geselle, der alte Schuldmann, und obgleich er jetzt mitunter etwas altersschwach wurde, so blieb er doch noch voller Galle und bissig genug, um manche Furchtsamen ins Bockshorn zu jagen. Heute aber blieb ihm, wie Sie gleich hören werden, mit Verlaub zu reden, doch das Herz in den Hosen stecken. — Also, wie gesagt, er sang sein Liedchen, wovon ich den Anfang noch recht gut behalten habe; — so hieß es:
Manch Jahr schon regier’ ich die Ratzen,
Und wenn meine Räthe, die Katzen,
Recht beißen die Großen, wie Kleinen,
Macht mich das Erbarmen nicht weinen.
Doch Eines behalt’ ich alleine:
Vergebung allein mich betrifft;
Großmüthig, doch nur zum Scheine,