Sie begannen die Treppe hinaufzusteigen, und Rasumichin durchzuckte der Gedanke, daß Sossimoff doch vielleicht recht habe. „Ach! Ich habe ihn mit meinem Geschwätz verwirrt!“ murmelte er vor sich hin. Als sie an die Türe kamen, hörten sie Stimmen im Zimmer.

„Was ist da los?“ rief Rasumichin aus.

Raskolnikoff ergriff zuerst die Türklinke und öffnete die Türe weit und blieb wie versteinert auf der Schwelle stehen.

Seine Mutter und Schwester saßen auf dem Sofa und warteten auf ihn schon seit anderthalb Stunden. Sie hatte er am allerwenigsten erwartet und noch weniger an sie gedacht, trotzdem ihm heute noch einmal die Mitteilung geworden war, daß sie abgereist, unterwegs wären und jeden Augenblick ankommen könnten. Sie hatten die anderthalb Stunden, einander unterbrechend, Nastasja ausgefragt, die auch jetzt noch vor ihnen stand und ihnen schon alles erzählt hatte, und waren vor Schreck fast gelähmt, als sie hörten, daß er „heute weggelaufen sei,“ krank, wie er war, und sicher nicht bei vollem Bewußtsein, wie man aus der Erzählung entnehmen konnte! „Mein Gott, was wird mit ihm geschehen sein!“ Sie weinten beide, und beide hatten in diesen anderthalb Stunden Folterqualen erlitten.

Ein freudiger, entzückter Schrei begrüßte Raskolnikoffs Erscheinen. Beide stürzten auf ihn zu. Er aber stand wie leblos da; eine unerträgliche Empfindung hatte ihn wie ein Blitz getroffen. Seine Hände erhoben sich nicht, um sie zu umarmen, – sie konnten sich nicht erheben. Die Mutter und Schwester erdrückten ihn in ihrer Umarmung, küßten ihn, lachten und weinten ... Er tat einen Schritt, schwankte und stürzte ohnmächtig zu Boden.

Aufregung, erschreckte Ausrufe, Gestöhn ... Rasumichin, der auf der Schwelle stand, flog ins Zimmer herein, packte den Kranken mit seinen kräftigen Armen, und jener lag im Nu auf dem Sofa.

„Hat nichts zu sagen! Tut nichts!“ rief er Mutter und Schwester zu, „das ist eine Ohnmacht, das ist nichts! Soeben hat noch der Arzt gesagt, daß es ihm bedeutend besser gehe, daß er vollkommen gesund sei! Wasser her! Sehen Sie, er kommt schon zu sich, er ist bei Bewußtsein!“

Er ergriff die Hand Dunetschkas so stark, daß er sie beinahe verrenkte, und zog sie näher, damit sie sich überzeuge, daß „er schon bei Bewußtsein sei“. Mutter und Schwester blickten Rasumichin wie die Vorsehung, mit Rührung und Dankbarkeit an; sie hatten schon von Nastasja gehört, was dieser „eifrige junge Mann,“ wie ihn am selben Abend Pulcheria Alexandrowna Raskolnikowa selbst in einem intimen Gespräche mit Dunetschka genannt hatte, für ihren Rodja gewesen war.

Dritter Teil

I.