„Und Awdotja Romanowna kann auch nicht ohne Sie allein in diesen möblierten Zimmern bleiben! Denken Sie nach, wo Sie abgestiegen sind! Dieser Schuft Peter Petrowitsch konnte Ihnen doch eine bessere Wohnung ... Übrigens, wissen Sie, ich bin ein wenig betrunken und habe darum ... ihn geschimpft; beachten Sie es nicht ...“

„Ich gehe zu seiner Wirtin,“ bestand Pulcheria Alexandrowna auf ihrer Absicht, „ich will sie bitten, mir und Dunja einen Platz für diese Nacht zu geben. Ich kann ihn nicht so verlassen, ich kann nicht!“

Während sie darüber sprachen, standen sie auf dem Treppenabsatz vor der Türe zu der Wohnung der Wirtin. Nastasja leuchtete ihnen von der letzten Stufe herab. Rasumichin war ungewöhnlich erregt. Vor einer halben Stunde noch, als er Raskolnikoff nach Hause begleitete, war er wohl übermäßig geschwätzig und wußte es auch, er war aber völlig munter und ganz frisch, ungeachtet des fürchterlichen Quantums Wein, das er an diesem Abend getrunken hatte. Jetzt aber geriet er in Ekstase und der ganze Wein schien mit einem Male mit verstärkter Macht ihm zu Kopf gestiegen zu sein. Er stand vor den beiden Damen, hatte sie beide an den Händen gefaßt, redete auf sie ein und machte ihnen mit erstaunlicher Offenheit Vorstellungen und wahrscheinlich, um sie besser zu überzeugen, preßte er bei jedem Worte, wie mit Klammern, ihre Hände, daß ihnen die Tränen kamen und schien Awdotja Romanowna mit den Augen zu verschlingen, ohne sich dabei groß zu genieren. Vor Schmerz suchten sie ihre Hände aus seiner großen und knochigen Hand zu befreien, aber er merkte den Grund nicht und zog beide noch stärker zu sich. Wenn sie ihm in diesem Augenblicke befohlen hätten, ihnen zuliebe sich von der Treppe kopfüber hinabzustürzen, er hätte es getan, ohne sich zu besinnen und zu zögern. Pulcheria Alexandrowna, ganz aufgeregt im Gedanken an ihren Rodja, fühlte wohl, daß der junge Mann sehr exzentrisch sei und zu schmerzhaft ihre Hand drücke, aber da er doch für sie ein Stück Vorsehung war, so wollte sie alle diese exzentrischen Einzelheiten nicht bemerken. Trotz ihrer Aufregung wegen des Bruders und obwohl sie nicht ängstlicher Natur war, bemerkte Awdotja Romanowna doch voll Staunen und fast mit Schrecken die in wildem Feuer funkelnden Augen des Freundes ihres Bruders, und bloß das grenzenlose Vertrauen, das ihr die Erzählung Nastasjas über diesen sonderbaren Menschen eingeflößt hatte, hielt sie ab, wegzulaufen und die Mutter von ihm wegzubringen. Sie begriff aber auch, daß sie von ihm jetzt nicht loskommen könne. Nach etwa zehn Minuten aber hatte sie sich schon gefaßt, – Rasumichins Art war es, sich schnell restlos zu zeigen, in welcher Stimmung er auch war, so daß alle sehr bald wußten, mit wem sie es zu tun hatten.

„Bei der Wirtin ist es unmöglich, und ein greulicher Unsinn ist es!“ fiel er Pulcheria Alexandrowna in die Rede. „Mögen Sie auch die Mutter sein, wenn Sie aber hier bleiben, versetzen Sie ihn in Raserei und dann weiß der Teufel, was folgen wird! Hören Sie, ich will es so machen, – jetzt bleibt bei ihm Nastasja sitzen, ich aber begleite Sie beide zu Ihrer Wohnung, denn Sie können nicht allein auf der Straße gehen. Bei uns in Petersburg ist es in dieser Hinsicht ... Nun, lassen wir das ... Ich laufe dann sofort hierher zurück und bringe Ihnen nach einer Viertelstunde, mein heiliges Ehrenwort darauf, Rapport, – wie es mit ihm steht, ob er schläft oder nicht und dergleichen. Dann, hören Sie weiter! Dann laufe ich von Ihnen auf einen Sprung zu mir, – ich habe Gäste, alle sind betrunken, – nehme Sossimoff – das ist der Arzt, der ihn behandelt, er sitzt jetzt bei mir, ist nicht betrunken, er ist nie betrunken. Ich schleppe ihn zu Rodja und bin wieder sofort bei Ihnen, also im Laufe von einer Stunde haben Sie zwei Rapporte über ihn, – und vom Arzte, verstehen Sie, vom Arzte selbst, das ist mehr wert als von mir! Sollte es schlimmer sein, ich schwöre Ihnen, so bringe ich Sie selbst hierher, steht aber alles gut, so gehen Sie schlafen. Ich aber werde diese Nacht hier schlafen, im Flure, er wird nichts hören, und Sossimoff werde ich sagen, er soll bei der Wirtin schlafen, damit er da ist, wenn man ihn braucht. Nun, was ist für ihn jetzt besser, – Sie oder der Arzt? Der Arzt ist doch nützlicher, nützlicher. Nun, gehen Sie also nach Hause! Zu der Wirtin ist es unmöglich; mir ist es möglich, Ihnen aber nicht, – sie wird Sie nicht hereinlassen, weil ... weil sie eine Närrin ist. Sie wird auf Awdotja Romanowna meinetwegen eifersüchtig sein, wenn Sie es wissen wollen, und auch auf Sie selbst ... Auf Awdotja Romanowna aber unbedingt. Sie ist ein vollkommen, vollkommen unberechenbarer Charakter! Übrigens, ich bin auch ein Narr ... Ich pfeife darauf! Gehen wir! Glauben Sie mir? Nun, glauben Sie mir oder nicht? ...“

„Gehen wir, Mama,“ sagte Awdotja Romanowna, „er wird bestimmt so tun, wie er versprochen hat. Er hat schon einmal den Bruder zum Leben erweckt, und wenn der Arzt wirklich damit einverstanden ist, hier zu schlafen, dann ist es am besten so.“

„Sehen Sie ... Sie ... Sie verstehen mich, weil Sie ein Engel sind!“ rief Rasumichin entzückt aus. „Gehen wir! Nastasja! Schnell herauf und setze dich mit dem Lichte zu ihm; ich komme in einer Viertelstunde ...“

Obwohl Pulcheria Alexandrowna nicht ganz überzeugt war, widersetzte sie sich nicht mehr. Rasumichin bot ihnen beiden seinen Arm und zog sie die Treppe hinab. Es beunruhigte sie übrigens eins – „obwohl er flink und gut ist, kann er aber auch erfüllen, was er verspricht? Er ist doch in solchem Zustande! ...“

„Sie haben Angst, weil Sie glauben, daß ich nicht ganz klar im Kopfe bin!“ unterbrach Rasumichin ihren Gedankengang, als ob er ihn erraten hätte, während er mit Riesenschritten weiterging, ohne zu bemerken, daß die beiden Damen ihm kaum folgen konnten. „Unsinn! das heißt ... ich bin wie ein Stück Holz betrunken, aber das hat nichts zu sagen; denn ich bin nicht vom Wein betrunken. Als ich Sie erblickte, da stieg mir das Blut zu Kopfe ... Aber pfeifen Sie auf mich! Achten Sie nicht darauf, – ich lüge; ich bin Ihrer unwürdig! ... Wenn ich Sie nach Hause gebracht habe, gieße ich mir schleunigst hier aus diesem Kanal zwei Eimer Wasser über den Kopf, damit ich wieder zur Besinnung komme ... Wenn Sie nur wüßten, wie ich Sie beide liebe! ... Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht böse! ... Seien Sie auf alle böse, aber auf mich sollen Sie nicht böse sein! Ich bin sein Freund, also bin ich auch Ihr Freund. Ich will es so ... Ich habe es geahnt, ... im vorigen Jahre gab es so einen Augenblick ... Übrigens, ich habe gar nichts geahnt, denn Sie sind wie vom Himmel gefallen. Ich werde vielleicht auch die ganze Nacht nicht schlafen ... Dieser Sossimoff fürchtete vorhin, daß er den Verstand verlieren könnte ... Darum muß man ihn nicht reizen ...“

„Was sagen Sie?“ rief die Mutter aus.

„Hat das der Arzt gesagt?“ fragte erschrocken Awdotja Romanowna.