„Er hat gesagt, aber nicht das, sondern ganz was anderes. Er hat ihm auch eine Arznei gegeben, ein Pulver, ich habe es gesehen, und da kamen Sie ... Ach! ... Es wäre besser, Sie wären morgen gekommen! Insofern ist es gut, daß wir weggingen. Nach einer Stunde wird Ihnen Sossimoff selbst über alles Rapport erstatten. Sehen Sie, der ist nicht betrunken! Auch ich wäre nicht betrunken ... Warum aber habe ich so viel getrunken? Wie sie mich in eine Diskussion hineingebracht haben, die Verfluchten! Ich habe mir selbst das Versprechen gegeben, nicht zu streiten! ... Nun redeten sie aber so einen Blödsinn zusammen! Ich habe mich beinahe mit ihnen geprügelt! Ich habe nun meinen Onkel als Präsidium hinterlassen ... Können Sie es glauben, – sie verlangen völlige Unpersönlichkeit des einzelnen und finden darin den Sinn des Lebens! Bloß nicht für sich selbst sein, möglichst wenig eigenartig sein! Und das halten sie für den allergrößten Fortschritt. Und wenn sie wenigstens auf eigene Art lügen würden, so aber ...“

„Hören Sie,“ unterbrach ihn schüchtern Pulcheria Alexandrowna, aber das brachte ihn noch mehr in Eifer.

„Ja, was meinen Sie?“ rief Rasumichin und erhob seine Stimme noch mehr. „Meinen Sie, ich rede so, weil sie lügen? Unsinn! Ich liebe es, wenn man lügt. Das Lügen ist das einzige menschliche Privilegium vor allen Organismen. Wenn du lügst, – kommst du zur Wahrheit! Ich bin darum auch Mensch, weil ich lüge. Keine einzige Wahrheit ist erreicht, ohne daß man vorher vierzigmal, vielleicht auch hundertundvierzigmal gelogen hat, und das ist in seiner Art höchst ehrenvoll. Wir aber verstehen nicht einmal, auf eigene Art zu lügen! Lüge mir vor, aber lüge in deiner Weise, und ich gebe dir dann einen Kuß. In seiner eigenen Weise zu lügen ist besser noch als Wahrheit nur aus fremder Quelle; im ersten Falle bist du ein Mensch, im letzteren bist du bloß ein Papagei. Die Wahrheit wird nicht fortlaufen, das Leben aber kann man dabei mit Brettern zunageln; wir haben Beispiele dafür. Nun, was sind wir jetzt? Wir alle, alle ohne Ausnahme, sitzen in bezug auf Wissenschaft, Entwicklung, Denken, Erfindungen, Ideale, Wünsche, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und alles, alles, alles und alles noch in der ganz untersten Klasse des Gymnasiums! Uns hat es genügt, mit fremder Weisheit auszukommen, – wir haben Geschmack daran gefunden! Ist es nicht so? Habe ich recht?“

„Oh, mein Gott, ich weiß es nicht,“ sagte die arme Pulcheria Alexandrowna.

„Es ist so, so ... obwohl ich mit Ihnen nicht in allem einverstanden bin,“ fügte Awdotja Romanowna ernst hinzu, aber gleich darauf schrie sie auf, weil er ihr diesmal zu stark die Hand gedrückt hatte.

„So? Sie sagen, es sei so? Ach, dann sind Sie ... Sie ...“ rief er voll Entzücken aus. „Sie sind die Quelle der Güte, Reinheit, der Vernunft und ... der Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie ... geben auch Sie Ihre Hand, ich will Ihnen beiden die Hände küssen, hier, sofort, auf den Knien!“

Und er warf sich mitten auf dem Trottoir, das zum Glück leer war, auf die Knie hin.

„Hören Sie auf, ich bitte Sie, was machen Sie?“ rief die äußerst betroffene Pulcheria Alexandrowna.

„Stehen Sie doch auf, stehen Sie doch auf!“ lachte Dunja, aber mit einer gewissen Unruhe.

„In keinem Falle, Sie müssen erst Ihre Hände gegeben haben! So ist es gut, nun genug, ich bin aufgestanden und nun wollen wir weitergehen! Ich bin ein unglückseliger Tolpatsch, ich bin Ihrer unwürdig und bin betrunken und schäme mich ... Ich bin nicht wert, Sie zu lieben, aber die Knie vor Ihnen zu beugen ist die Pflicht eines jeden, wenn er nicht ein vollkommenes Tier ist! Und ich habe vor Ihnen die Knie gebeugt ... Da sind auch Ihre möblierten Zimmer, und schon ihretwegen allein war Rodion im Rechte, als er vorhin Ihren Peter Petrowitsch hinauswarf! Wie durfte er es wagen, Sie in solchen Zimmern unterzubringen? Das ist ein Skandal! Wissen Sie, wer hier absteigt? Sie sind doch seine Braut! Sie sind seine Braut, nicht wahr? Und nun sage ich Ihnen, daß Ihr Bräutigam nach diesem ein Schuft ist!“