„Hören Sie, Herr Rasumichin, Sie haben vergessen ...“ begann Pulcheria Alexandrowna.
„Ja, ja, Sie haben recht, ich habe mich vergessen, ich schäme mich!“ rief Rasumichin erschrocken. „Aber ... aber ... aber ... Sie können mir nicht böse sein, daß ich so rede! Denn ich sage es aufrichtig und nicht weil ... hm! das wäre gemein; mit einem Worte, nicht weil ich Sie ... hm! ... nun, also, es ist nicht nötig, ich will nicht sagen, warum, ich darf es nicht! ... Wir hatten alle vorhin gleich begriffen, als er hereinkam, daß dieser Mensch nicht zu uns paßt. Nicht weil er mit gebrannten Locken vom Friseur kam, nicht weil er sich beeilte, seinen Verstand zu zeigen, sondern weil er ein Aushorcher und Spekulierer ist, weil er ein Jude und Gauner ist, und das sieht man. Sie denken, er ist klug? Nein, er ist ein Dummkopf! Nun, paßt er denn zu Ihnen? Oh, mein Gott! Sehen Sie, meine Damen,“ er blieb plötzlich auf der Treppe stehen, „wenn sie alle bei mir auch betrunken sind, dafür aber sind sie alle ehrlich, und obgleich wir auch lügen, denn ich lüge auch, aber wir werden uns schließlich bis zur Wahrheit durchlügen, weil wir auf einem anständigen Wege gehen, Peter Petrowitsch jedoch ... geht nicht auf einem anständigen Wege. Ich habe wohl soeben sie alle tüchtig geschimpft, aber ich achte sie alle; sogar Sametoff, wenn ich ihn auch nicht achte, so liebe ich ihn doch, denn er ist noch wie ein junger Hund! Selbst dieses Vieh von Sossimoff, weil er auch ehrlich ist und seine Sache versteht ... Aber genug, alles ist gesagt und wird verziehen. Ist es verziehen? Ist es wirklich? Nun, gehen wir. Ich kenne diesen Korridor, bin hier ein paarmal gewesen; sehen Sie hier, in Nummer drei, war einmal ein Skandal ... Nun, wo wohnen Sie? Welche Nummer? Acht? Nun, schließen Sie sich für die Nacht ein, lassen Sie niemand herein. Nach einer Viertelstunde kehre ich mit einer Nachricht zurück und dann noch einmal nach einer halben Stunde mit Sossimoff, Sie werden sehen! Leben Sie wohl, ich springe!“
„Mein Gott, Dunetschka, was wird geschehen?“ sagte Pulcheria Alexandrowna und wandte sich voll Unruhe und Angst an die Tochter.
„Beruhigen Sie sich, Mama,“ antwortete Dunja, indem sie ihren Hut und die Mantille abnahm. „Uns hat Gott selbst diesen Mann gesandt, obgleich er direkt von einer Kneiperei kommt. Man kann sich auf ihn verlassen, ich versichere Sie. Was hat er alles schon für den Bruder getan ...“
„Ach Dunetschka, Gott weiß, ob er kommen wird? Wie konnte ich mich dazu entschließen, Rodja allein zu lassen! ... Und ich habe es mir nicht, durchaus nicht vorgestellt, ihn so zu finden! Wie ernst er war, als wäre er um uns nicht froh ...“
Tränen zeigten sich in ihren Augen.
„Nein, das ist nicht wahr, Mama. Sie konnten ihn nicht gut sehen, weil Sie fortwährend weinten. Er ist von einer schweren Krankheit sehr mitgenommen, – das ist der ganze Grund.“
„Ach, diese Krankheit! Was soll noch werden, was soll daraus werden! Und wie er mit dir sprach, Dunja!“ sagte die Mutter und blickte schüchtern der Tochter in die Augen, um ihre Gedanken zu erraten, und teilweise schon dadurch getröstet, weil Dunja ihren Bruder in Schutz nahm, somit ihm verziehen habe. „Ich bin überzeugt, daß er morgen seinen Sinn ändern wird,“ fügte sie hinzu, sie weiter auszuforschen.
„Und ich dagegen bin überzeugt, daß er auch morgen dasselbe sagen wird ...“ schnitt Awdotja Romanowna ab, und man sprach nicht mehr darüber, denn es berührte einen Punkt, über den jetzt zu sprechen Pulcheria Alexandrowna sich zu sehr fürchtete.
Dunja trat an die Mutter heran und küßte sie. Diese umarmte sie schweigend und innig. Dann setzte sie sich in unruhiger Erwartung Rasumichins hin, begann scheu die Tochter zu beobachten, die mit gekreuzten Armen und selbst voll Erwartung in Gedanken versunken im Zimmer auf und ab ging. Das Auf- und Abgehen in Gedanken war die Angewohnheit von Awdotja Romanowna, und die Mutter hütete sich immer, ihr Nachdenken zu stören.