„Also, Dmitri Prokofjitsch, ich möchte sehr gern erfahren ... wie er überhaupt ... wie er jetzt die Dinge betrachtet, das heißt, verstehen Sie mich ... wie soll ich es Ihnen erklären, das heißt, besser gesagt, – was liebt er und was liebt er nicht? Ist er immer so gereizt? Was hat er für Wünsche und Träume, wenn man so sagen kann? Was hat auf ihn jetzt einen besonderen Einfluß? Mit einem Worte, ich möchte ...“

„Ach, Mama, wie kann man denn das alles auf einmal beantworten!“ – bemerkte Dunja.

„Ach, mein Gott, ich habe doch nicht, gar nicht erwartet, ihn so zu finden, Dmitri Prokofjitsch.“

„Das ist sehr natürlich,“ – antwortete Rasumichin. – „Ich habe keine Mutter mehr, aber mein Onkel kommt jedes Jahr hergereist und erkennt mich jedesmal beinahe nicht mehr, selbst dem äußeren nach nicht, und ist doch auch ein kluger Mann. Nun, und in den drei Jahren Ihrer Trennung ist viel Wasser den Berg hinuntergeflossen. Ja, und was soll ich Ihnen sagen? Anderthalb Jahre kenne ich Rodion, – er ist verschlossen, düster, selbstbewußt und stolz; in der letzten Zeit – vielleicht aber auch schon früher – argwöhnisch und hypochondrisch. Dabei großmütig und gut. Er liebt nicht seine Gefühle zu zeigen, und würde lieber hart erscheinen, als sein Herz zu offenbaren. Zuweilen erscheint er übrigens gar nicht hypochondrisch, sondern einfach kalt und gefühllos bis zur Unmenschlichkeit, als ob in ihm zwei entgegengesetzte Charaktere abwechselten. Er ist zuweilen schrecklich einsilbig! Er hat nie Zeit, immer stören ihn die anderen, dabei liegt er still und tut nichts. Er ist nicht spöttisch, nicht als ob es ihm an Witz mangelte, sondern weil er keine Zeit für solche Nichtigkeiten übrig hat. Er hört nicht bis zu Ende, wenn man ihm erzählt. Er interessiert sich nie für Dinge, für die sich alle im gegebenen Augenblicke interessieren. Er schätzt sich hoch ein und ich glaube, nicht ohne ein gewisses Recht dazu. Nun, was noch ... Mir dünkt, Ihre Ankunft wird auf ihn einen sehr heilsamen Einfluß ausüben.“

„Ach, möge es Gott geben!“ – rief Pulcheria Alexandrowna aus, die durch die Ansicht Rasumichins über ihren Rodja niedergedrückt war.

Rasumichin aber blickte endlich Awdotja Romanowna mit etwas mehr Mut an. Er hatte sie während des Gespräches öfters angesehen, aber nur flüchtig, auf einen kurzen Augenblick, und wandte immer gleich seine Augen ab. Awdotja Romanowna setzte sich bald an den Tisch und hörte aufmerksam zu, bald stand sie wieder auf, begann nach ihrer Gewohnheit mit gekreuzten Armen und zusammengepreßten Lippen im Zimmer auf und ab zu gehen und stellte zuweilen Fragen, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, und in Gedanken versunken. Auch sie hatte die Gewohnheit, nicht bis zu Ende zuzuhören. Sie war mit einem dunklen Kleide aus leichtem Stoff bekleidet, um den Hals war ein weißes durchsichtiges Tüchlein geschlungen. Aus vielen Anzeichen hatte Rasumichin bald die dürftigsten Verhältnisse der beiden Frauen ersehen. Wenn Awdotja Romanowna wie eine Königin gekleidet gewesen wäre, hätte er sich wohl vor ihr gar nicht gefürchtet; jetzt aber hatte sich vielleicht gerade aus dem Grunde, weil sie so ärmlich gekleidet war, und weil er die ganze ärmliche Umgebung bemerkt hatte, in seinem Herzen eine gewisse Scheu eingenistet, und er ängstigte sich für jedes seiner Worte und für jede Bewegung, was für einen Menschen, der ohnedem sich nicht traute, sicher unbequem war.

„Sie haben viel Interessantes über den Charakter meines Bruders erzählt und ... haben es unparteiisch gesagt. Das ist gut; ich dachte, Sie beten ihn an,“ – bemerkte Awdotja Romanowna mit einem Lächeln. – „Es scheint auch besser, wenn um ihn eine Frau ist,“ – fügte sie nachdenklich hinzu.

„Das habe ich nicht gemeint, aber Sie haben vielleicht auch darin recht, nur ...“

„Was?“

„Er liebt doch niemand; vielleicht wird er auch nie lieben,“ – schnitt Rasumichin ab.