„Peter Petrowitsch verheimlicht auch nicht, daß er wenig gelernt hat, und ist sogar stolz darauf, daß er seinen Weg selbst gemacht hat,“ – bemerkte Awdotja Romanowna, neuerlich durch den Ton des Bruders gekränkt.
„Nun, wenn er stolz darauf ist, hat er auch ein Recht dazu, – ich widerspreche nicht. Du, Schwester, scheinst gekränkt zu sein, daß ich aus dem ganzen Brief nur so eine frivole Schlußfolgerung gezogen habe, und meinst, daß ich absichtlich über solche Kleinigkeiten gesprochen habe, um mich über dich aus Ärger lustig zu machen. Im Gegenteil, mir kam in bezug des Stils ein in diesem Falle nicht ganz überflüssiger Gedanke. In dem Briefe ist ein Ausdruck – ‚woran Sie allein sich die Schuld zuzuschreiben hätten‘, der sehr bedeutungsvoll und klar hingesetzt ist, und außerdem enthält der Brief die Drohung, daß er sofort fortgehen werde, wenn ich hinkomme. Diese Drohung fortzugehen, ist gleichbedeutend der Drohung, euch beide zu verlassen, wenn ihr unfolgsam sein werdet, und gerade jetzt zu verlassen, wo er euch nach Petersburg gebracht hat. Nun, was meinst du, – kann man durch solch einen Ausdruck seitens Luschins ebenso gekränkt sein, wie wenn er es geschrieben hätte“ – (er zeigte auf Rasumichin) – „oder Sossimoff oder einer von uns?“
„N–nein,“ – antwortete Dunetschka, – „ich habe sehr gut verstanden, daß es zu naiv ausgedrückt ist, und daß er vielleicht bloß nicht versteht zu schreiben ... Das hast du gut beurteilt, Bruder. Ich habe das nicht mal erwartet ...“
„Das ist in Gerichtssprache ausgedrückt und im Gerichtsstil kann man es anders nicht schreiben, und es ist gröber herausgekommen, als er vielleicht wollte. Übrigens, ich muß dich ein wenig enttäuschen, – in diesem Briefe gibt es noch eine Äußerung, eine Verleumdung in bezug auf mich, und eine ziemlich gemeine. Ich habe das Geld gestern der Witwe, einer schwindsüchtigen und niedergeschmetterten Frau, gegeben, und nicht unter dem Vorwande, die Beerdigungskosten zu tragen, sondern einfach zur Beerdigung, auch nicht der Tochter, – einem Mädchen, wie er schreibt, ‚von verrufenem Lebenswandel‘ – und die ich gestern zum ersten Male in meinem Leben gesehen habe, sondern tatsächlich der Witwe. In diesem allen sehe ich den zu eiligen Wunsch, mich mit Schmutz zu bewerfen und mit euch zu verzwisten. Es ist wiederum in der Gerichtssprache ausgedrückt, das heißt mit einer zu deutlichen Klarlegung des Zweckes und einer sehr naiven Eile. Er ist ein kluger Mann, aber um klug zu handeln genügt nicht, nur Verstand zu haben. Dies alles zeigt den Menschen und ... ich glaube nicht, daß er dich hochschätzt. Ich teile es dir nur zur Belehrung mit, denn ich wünsche aufrichtig dein Gutes ...“
Dunetschka antwortete nicht; ihr Entschluß war schon vorhin gefaßt, sie erwartete bloß den Abend.
„Wie entschließt du dich denn, Rodja?“ – fragte Pulcheria Alexandrowna, noch mehr beunruhigt als vorhin, durch den plötzlichen, neuen, geschäftlichen Ton seiner Rede.
„Was heißt – entschließest du dich?“ –
„Peter Petrowitsch schreibt doch, daß du heute abend nicht bei uns sein sollst, und daß er fortgehen werde ... wenn du doch kommen solltest. Also, wie ... wirst du kommen?“
„Die Entscheidung hierüber kommt doch selbstverständlich nicht mir, sondern erstens Ihnen zu, wenn Sie dieses Verlangen von Peter Petrowitsch nicht kränkt, und zweitens Dunja, wenn sie sich auch nicht gekränkt fühlt. Und ich will handeln, wie es für sie am besten ist,“ – fügte er trocken hinzu.
„Dunetschka hat schon beschlossen, und ich bin mit ihr völlig einverstanden,“ – beeilte sich Pulcheria Alexandrowna zu bemerken.