„Ich habe beschlossen, dich, Rodja, zu bitten, eindringlich zu bitten, unbedingt bei dieser Zusammenkunft zugegen zu sein,“ – sagte Dunja, – „willst du kommen?“
„Ich will kommen.“
„Auch Sie bitte ich, bei uns um acht Uhr zu sein,“ – wandte sie sich an Rasumichin, – „Mama, ich fordere ihn auch auf.“
„Sehr gut, Dunetschka. Nun, wie ihr beschlossen habt, möge es bleiben,“ – fügte Pulcheria Alexandrowna hinzu. – „Und für mich ist es auch leichter; ich liebe nicht, mich zu verstellen und zu lügen; besser wollen wir die ganze Wahrheit sagen ... Mag Peter Petrowitsch jetzt böse sein oder nicht!“
IV.
In diesem Augenblicke wurde die Türe leise geöffnet und ins Zimmer trat, sich schüchtern umblickend, ein junges Mädchen herein. Alle wandten sich mit Erstaunen und Neugier zu ihr um. Raskolnikoff erkannte sie nicht gleich auf den ersten Blick. Es war Ssofja Ssemenowna Marmeladowa. Gestern hatte er sie zum ersten Male gesehen, aber in solch einem Augenblicke, in solcher Umgebung und solch einem Aufzuge, daß in seiner Erinnerung das Bild einer ganz anderen Person haften geblieben war. Jetzt war es ein einfach und sogar ärmlich angezogenes Mädchen, noch sehr jung, fast einem Kinde ähnlich, mit bescheidenem und anständigem Wesen, und mit einem klaren, aber anscheinend verängstigten Gesichte. Sie hatte ein sehr einfaches Hauskleid an und auf dem Kopfe einen alten Hut von früherer Mode; nur in den Händen trug sie den Sonnenschirm von gestern. Als sie plötzlich ein Zimmer voll Menschen erblickte, wurde sie nicht bloß verlegen, sondern verlor die Fassung und ward verzagt wie ein kleines Kind, und machte sogar eine Bewegung, als wollte sie wieder gehen.
„Ach ... Sie sind es? ...“ sagte Raskolnikoff außerordentlich verwundert, und wurde plötzlich selbst verlegen. Er dachte sofort daran, daß die Mutter und die Schwester aus dem Briefe Luschins schon etwas von einem gewissen Mädchen „von verrufenem Lebenswandel“ wußten. Soeben hatte er noch gegen die Verleumdung Luschins protestiert und erwähnt, daß er dieses Mädchen zum ersten Male gesehen habe, und plötzlich tritt sie selbst ein. Er erinnerte sich auch, daß er gar nicht gegen den Ausdruck – „von verrufenem Lebenswandel“ protestiert habe. Dies alles durchzog unklar und flüchtig seinen Kopf. Als er aber aufmerksamer hinblickte, sah er, wie gedrückt dieses erniedrigte Wesen war, und sie tat ihm plötzlich leid. Als sie aber im Schreck sich anschickte wegzulaufen, schlug seine Stimmung um.
„Ich habe Sie nicht erwartet,“ – sagte er hastig und hielt sie mit seinem Blicke zurück. – „Setzen Sie sich bitte. Sie kommen sicher im Auftrage Katerina Iwanownas. Erlauben Sie, setzen Sie sich nicht hierhin, sondern dorthin“ ... Bei Ssonjas Eintritt war Rasumichin, der auf einem der drei Stühle Raskolnikoffs gerade neben der Türe gesessen hatte, aufgestanden, um ihr zum Hereingehen Platz zu machen. Zuerst wollte ihr Raskolnikoff den Platz in der Ecke des Sofas anbieten, wo Sossimoff gesessen hatte, aber es fiel ihm ein, daß dieses Sofa ein zu familiärer Platz sei, ihm als Bett diene und beeilte sich, ihr den Stuhl Rasumichins anzubieten.
„Und du setzt dich hierher,“ – sagte er zu Rasumichin und wies ihn in die Ecke, wo Sossimoff gesessen hatte.
Ssonja setzte sich, fast zitternd vor Angst, und blickte schüchtern auf die beiden Damen. Man sah, daß sie selbst nicht begriff, wie sie sich neben sie hinsetzen konnte. Als es ihr bewußt wurde, erschrak sie so, daß sie wieder aufstand und sich in völliger Verwirrung an Rasumichin wandte.