„Aus Müßiggang und Unsittlichkeit,“ unterbrach ihn Raskolnikoff.
„Ich bin wirklich ein Nichtstuer und Wüstling. Aber, Ihre Schwester hat so viele Vorzüge, daß ich einem gewissen Eindrucke unterliegen mußte. Doch das ist alles Unsinn, wie ich es selbst jetzt auch einsehe.“
„Haben Sie es seit langem eingesehen?“
„Ich habe es schon früher gemerkt, mich aber vorgestern im Augenblicke meiner Ankunft in Petersburg endgültig davon überzeugt. Übrigens, in Moskau noch stellte ich mir vor, daß ich nur reise, um mit Herrn Luschin in Konkurrenz zu treten und um Awdotja Romanownas Hand anzuhalten.“
„Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber tun Sie mir den Gefallen, sich kürzer zu fassen und direkt auf den Zweck Ihres Besuches überzugehen. Ich habe Eile, ich muß fortgehen ...“
„Mit größtem Vergnügen. Als ich hier angekommen war und mich entschlossen hatte, jetzt eine ... Reise anzutreten, wollte ich einige notwendige Anordnungen vorher treffen. Meine Kinder sind bei der Tante geblieben und sind reich; mich persönlich brauchen sie nicht. Was für ein Vater wäre ich auch? Ich habe mir selbst nur das genommen, was mir Marfa Petrowna vor einem Jahre geschenkt hatte. Für mich reicht es. Entschuldigen Sie, ich komme sofort zur Sache selbst. Vor meiner Reise, die vielleicht bald verwirklicht wird, will ich aber mit Herrn Luschin abrechnen. Nicht etwa, daß ich ihn gar nicht ausstehen kann, aber um seinetwillen entstand der Streit mit Marfa Petrowna, nachdem ich erfahren hatte, daß sie diese Heirat eingeleitet hat. Ich möchte jetzt, durch Ihre Vermittlung, Awdotja Romanowna sehen und meinetwegen in Ihrer Anwesenheit ihr erklären, daß sie von seiten des Herrn Luschin nicht nur nicht den geringsten Vorteil, sondern sicher eine unbedingte Enttäuschung erfahren wird. Dann möchte ich, nachdem ich sie wegen aller Unannehmlichkeiten um Entschuldigung gebeten habe, mir die Erlaubnis einholen, ihr zehntausend Rubel anzubieten, um ihr in dieser Weise den Bruch mit Herrn Luschin zu erleichtern; ich bin überzeugt, daß sie sich gegen einen Bruch mit ihm nicht sträubt, wenn sich nur eine Möglichkeit bietet.“
„Sie sind aber tatsächlich, tatsächlich verrückt!“ rief Raskolnikoff, mehr erstaunt als ärgerlich. „Wie können Sie sich unterstehen, so zu sprechen!“
„Ich wußte es, daß Sie mich anschreien werden, aber trotzdem ich nicht reich bin, kann ich vollkommen über diese zehntausend Rubel verfügen, ich brauche sie gar nicht. Wenn Awdotja Romanowna sie nicht annehmen will, werde ich sie vielleicht in der dümmsten Art verwenden. Das ist das eine. Mein Gewissen ist vollkommen ruhig, ich biete sie ohne jeglichen Hintergedanken an. Nun zweitens. Glauben Sie es, oder glauben Sie es nicht, später werden Sie und Awdotja Romanowna es erfahren. Die ganze Sache dreht sich doch darum, daß ich tatsächlich Mühe und Unannehmlichkeiten Ihrer verehrten Schwester verursacht habe; und da ich eine aufrichtige Reue empfinde, wünsche ich von Herzen, – mich nicht etwa loskaufen und die Unannehmlichkeiten bezahlen, sondern einfach ihr etwas Vorteilhaftes aus dem Grunde zu erweisen, weil ich doch schließlich kein Privilegium habe, nur Böses zu tun. Wenn sich in meinem Anerbieten eine winzige Spur von Berechnung fände, so würde ich ihr doch nicht bloß zehntausend anbieten, da ich vor fünf Wochen ihr viel mehr angeboten habe. Außerdem werde ich vielleicht sehr, sehr bald ein junges Mädchen heiraten, folglich muß dadurch der ganze Verdacht, daß ich gegen Awdotja Romanowna etwas im Schilde führe, fortfallen. Zum Schlusse möchte ich noch sagen, daß Awdotja Romanowna, indem sie Herrn Luschin heiratet, dasselbe Geld nimmt, nur von anderer Seite ... Ärgern Sie bitte sich nicht, Rodion Romanowitsch, überlegen Sie es sich ruhig und kaltblütig ...“
Sswidrigailoff war, während er dies sagte, selbst außerordentlich kaltblütig und ruhig.
„Ich bitte Sie, zu Ende zu kommen,“ sagte Raskolnikoff. „Jedenfalls ist es unverzeihlich frech.“