Der Brief zitterte in seinen Händen; er wollte ihn nicht in ihrer Anwesenheit öffnen, er wollte mit dem Briefe allein sein. Als Nastasja gegangen war, führte er schnell den Brief an seine Lippen und küßte ihn; dann blickte er lange die Schrift auf dem Kuvert an, die bekannte und liebe, feine und schräge Schrift seiner Mutter, die ihn einst lesen und schreiben gelehrt hatte. Er zögerte, den Brief zu öffnen, schien sich sogar vor etwas zu fürchten. Endlich öffnete er den Brief, einen langen, gewichtigen Brief; zwei große Briefbogen waren dicht beschrieben.

„Mein lieber Rodja,“ schrieb die Mutter, „es ist über zwei Monate her, seit ich mit dir brieflich gesprochen habe; darunter habe ich selbst gelitten, und manche Nacht haben mich die Gedanken nicht schlafen lassen. Aber du wirst mich sicher nicht verurteilen wegen meines ungewollten Schweigens. Du weißt, wie ich dich liebe; du bist unser Einziges, mir und Dunja, du bist unser alles, unsere ganze Hoffnung, unser Trost. Ach, wenn du wüßtest, wie mir war, als ich erfuhr, daß du die Universität schon einige Monate verlassen hast, weil es dir an Mitteln mangelte, und daß das Stundengeben und deine anderen Arbeiten ein Ende genommen haben. Und wie hätte ich dir mit meiner Pension von hundertzwanzig Rubel jährlich helfen können? Die fünfzehn Rubel, die ich vor vier Monaten schickte, hatte ich, wie du auch weißt, von unserem hiesigen Kaufmann Wassilij Iwanowitsch Wachruschin auf die Pension hin geliehen. Er ist ein guter Mensch und war ein Freund deines Vaters. Aber da ich ihm das Recht, die Pension für mich zu empfangen, gegeben hatte, mußte ich warten, bis die Schuld abgetragen war, und das ist soeben erst geschehen, so daß ich die ganze Zeit dir nichts schicken konnte. Jetzt aber, Gott sei Dank, denke ich, dir wieder etwas schicken zu können, und überhaupt wir können jetzt sogar von einem Glück sprechen, und das beeile ich mich, dir mitzuteilen. Zuerst also kannst du es dir vorstellen, lieber Rodja, daß deine Schwester bereits anderthalb Monate bei mir lebt, und daß wir uns nie mehr, in aller Zukunft nicht, trennen werden. Gott sei Dank, ihre Qualen haben ein Ende gefunden, aber ich will dir alles der Reihe nach erzählen, damit du erfährst, wie alles war und was wir bis jetzt vor dir verheimlichten. Als du mir vor zwei Monaten schriebst, du hättest von irgend jemand gehört, daß Dunja stark unter der Grobheit im Hause der Herrschaften Sswidrigailoff zu leiden habe, und von mir genaue Aufklärung verlangtest, – was hätte ich dir damals antworten können? Wenn ich dir die ganze Wahrheit mitgeteilt hätte, so hättest du wahrscheinlich alles liegen lassen, wärest, und sei es zu Fuß, zu uns gekommen, denn ich kenne deinen Charakter und deine Gefühle, du hättest nicht geduldet, daß deine Schwester beleidigt wird. Ich war ganz verzweifelt, aber was sollte ich tun? Und wußte damals selber nicht die ganze Wahrheit. Das Haupthindernis bestand darin, daß Dunetschka, bei ihrem Eintritt in das Haus als Gouvernante im vorigen Jahre volle hundert Rubel voraus erhalten hatte, unter der Bedingung, die Summe monatlich von ihrem Gehalte abzuzahlen, und so konnte sie die Stelle nicht eher aufgeben, als die Schuld getilgt war. Diese Summe aber (jetzt kann ich dir alles erklären, teurer Rodja) hatte sie eigentlich deshalb genommen, um dir die sechzig Rubel zu schicken, die du damals nötig brauchtest, und die du auch im vorigen Jahre von uns erhalten hast. Wir haben dich damals getäuscht; wir schrieben dir, es sei von dem Gelde, das Dunetschka sich früher erspart habe, aber es verhielt sich nicht so, jetzt erst teile ich dir die volle Wahrheit mit, weil sich alles jetzt plötzlich nach Gottes Willen zum besten gewendet hat, und damit du weißt, wie Dunja dich liebt und welch unschätzbares Herz sie hat. Herr Sswidrigailoff behandelte sie zuerst sehr grob und erlaubte sich ihr gegenüber allerhand Unhöflichkeiten und Spöttereien bei Tisch ... Aber ich will all diese trüben Einzelheiten nicht aufzählen, und dich nicht unnütz aufregen, da alles nun ein Ende hat. Kurz, trotz der guten und anständigen Behandlung seitens Marfa Petrownas, der Gemahlin des Herrn Sswidrigailoff, und aller Hausgenossen, hatte es Dunetschka sehr schwer, besonders wenn Herr Sswidrigailoff nach alter Regimentsgewohnheit unter dem Einflusse des Bacchus stand. Aber was geschah später? Stelle dir vor, dieser Wahnwitzige hatte schon seit langem eine Leidenschaft für Dunja gefaßt, aber er verbarg sie immer unter dem Scheine eines groben und hochfahrenden Wesens ihr gegenüber. Vielleicht schämte er sich auch und war unmutig auf sich selbst, daß er, als älterer Mann und Familienvater, sich solchen leichtfertigen Wünschen hingab und war darum auf Dunja unwillkürlich böse. Vielleicht wollte er auch durch seine Grobheit und durch seinen Spott die Wahrheit vor anderen verbergen. Schließlich aber hielt er es nicht mehr aus und wagte Dunja offen einen gemeinen Antrag zu machen und versprach ihr hohe Belohnung. Alles wollte er sogar im Stiche lassen und mit ihr auf ein anderes Gut oder ins Ausland reisen. Du kannst dir ihre Leiden vorstellen! Sofort ihre Stellung aufgeben, konnte sie nicht, – nicht bloß wegen der Schuld, sondern auch um Marfa Petrowna zu schonen, die dadurch Verdacht fassen mußte; damit wäre der Zwist in die Ehe gekommen. Ja, auch für Dunetschka hätte es einen großen Skandal gegeben; so ganz ohne Aufsehen wäre die Sache nicht vorübergegangen. Es gab noch manche andere Gründe, so daß Dunja, noch vor sechs Wochen, in keinem Falle rechnen konnte, aus diesem schrecklichen Hause fortzukommen. Du kennst ja Dunja, weißt, wie klug sie ist, und welch festen Charakter sie besitzt. Dunetschka kann vieles ertragen, und im alleräußersten Falle findet sie immer noch so viel Stärke in sich, daß sie ihre Festigkeit bewahrt. Sie hat nicht mal mir über alles berichtet, um mich nicht aufzuregen, wir haben aber sonst einander oft geschrieben. Es kam jedoch eine unerwartete Lösung. Marfa Petrowna hörte zufällig, wie ihr Mann Dunetschka im Garten anflehte, und da sie alles falsch aufgefaßt hatte, gab sie Dunetschka die Schuld, in der Meinung, sie habe es eingefädelt. Es spielte sich im Garten zwischen ihnen eine fürchterliche Szene ab, – Marfa Petrowna hat sogar Dunetschka geschlagen, wollte nichts hören, schrie aber selbst stundenlang fort und befahl schließlich, Dunja sofort zu mir in die Stadt zu bringen, – auf einem gewöhnlichen Bauernwagen, in den man alle ihre Sachen, – Wäsche, Kleider, alles, wie man es vorfand, ohne es zusammenzulegen und ohne einzupacken, hineinwarf. Bei strömendem Regen mit Schande und Schmach bedeckt, mußte Dunja siebzehn Werst weit im offenen Bauernwagen fahren. Nun überlege, was hätte ich dir, als Antwort auf deinen Brief vor zwei Monaten schreiben sollen? Ich war verzweifelt; die Wahrheit durfte ich dir nicht mitteilen, denn du wärest unglücklich, zornig und empört geworden, ja und was hättest du tun können? Vielleicht hättest du dich ins Verderben gestürzt. Und Dunetschka hatte es mir verboten. Den Brief aber mit Lappalien ausfüllen, während im Herzen solcher Kummer gräbt, habe ich nicht gekonnt. Einen Monat lang gingen in der ganzen Stadt allerhand Klatschereien über diese Geschichte herum, und es war so weit gekommen, daß ich mit Dunja vor verächtlichen Blicken und hämischem Flüstern nicht mal in die Kirche gehen konnte, selbst in unserer Gegenwart wurde laut darüber gesprochen. Alle Bekannten hatten sich von uns abgewandt, alle hatten aufgehört, uns zu grüßen, und ich erfuhr mit Bestimmtheit, daß die Kommis und einige Schreiber die Absicht hatten, uns eine niederträchtige Beleidigung anzutun, indem sie das Tor unseres Hauses mit Teer beschmieren wollten, so daß unsere Wirtsleute verlangten, wir möchten die Wohnung räumen. Das alles war das Werk von Marfa Petrowna; es war ihr gelungen, Dunja in allen Häusern zu beschuldigen und schlecht zu machen. Sie ist ja hier mit allen bekannt, und in diesem Monat kam sie fortwährend in die Stadt, und da sie ziemlich geschwätzig ist und über ihre Familienangelegenheiten zu erzählen liebt, besonders aber bei jedem und allen über ihren Mann klagt, was doch sehr häßlich ist, so hatte sich die ganze Geschichte in kurzer Zeit nicht bloß in der Stadt, sondern auch im Kreise verbreitet. Mich griff’s hart an, Dunetschka aber war stärker, hättest du doch sehen können, wie sie alles ertrug, wie sie mich tröstete und mir Mut zusprach! Sie ist ein Engel! Aber dank der Barmherzigkeit Gottes nahmen unsere Qualen ein Ende, Herr Sswidrigailoff kam zur Besinnung, bereute alles, und wahrscheinlich aus Mitleid mit Dunja legte er Marfa Petrowna volle und klare Beweise der völligen Unschuld von Dunetschka vor, und zwar, – einen Brief, den Dunja noch bevor Marfa Petrowna sie im Garten überraschte, ihm zu schreiben und zu übersenden sich gezwungen sah, um persönliche Erklärungen und das Verlangen geheimer Zusammenkünfte abzulehnen; dieser Brief war nach der Abreise von Dunetschka in den Händen des Herrn Sswidrigailoff geblieben. In diesem Briefe hatte sie ihn in eindringlichster Weise und mit voller Entrüstung gerade wegen seines ehrlosen Benehmens Marfa Petrowna gegenüber getadelt, ihm vorgehalten, daß er Vater und Gatte sei, und ihm schließlich zu verstehen gegeben, wie niedrig es von ihm sei, ein wehrloses und ohnedem schon unglückliches Mädchen zu quälen und noch unglücklicher zu machen. Mit einem Worte, lieber Rodja, dieser Brief ist so edel und rührend geschrieben, daß ich schluchzend ihn las und ihn jetzt noch nur unter Tränen lesen kann. Außerdem kamen zur Rechtfertigung Dunjas die Aussagen der Dienstboten hinzu, die wie gewöhnlich viel mehr gesehen und gehört hatten, als Herr Sswidrigailoff ahnte. Marfa Petrowna war außergewöhnlich bestürzt und ‚von neuem zerschmettert,‘ wie sie uns selbst gestand, aber völlig von der Schuldlosigkeit Dunetschkas überzeugt; am anderen Tage noch, einem Sonntage, fuhr sie direkt in die Kirche und flehte zur Mutter Gottes kniefällig und mit Tränen, ihr die Kraft zu geben, diese neue Prüfung zu überstehen und ihre Pflicht zu erfüllen. Aus der Kirche kam sie zu uns, ohne jemand anderen zu besuchen, erzählte uns alles, weinte bitter und umarmte Dunja voller Reue und bat inständig um ihre Verzeihung. Am selben Morgen noch ging sie gleich von uns in alle Häuser der Stadt, und überall erzählte sie unter Tränen und in für Dunetschka schmeichelhaftesten Ausdrücken von Dunjas Unschuld und ihrem edlen Gemüt und Benehmen. Und nicht genug damit, sie zeigte allen den eigenhändigen Brief Dunetschkas an Sswidrigailoff, las ihn laut vor und erlaubte sogar Abschriften von dem Briefe zu nehmen, – was mir wirklich zu viel scheint. In dieser Weise mußte sie einige Tage nacheinander alles in der Stadt besuchen, weil mancher sich gekränkt fühlte, daß anderen der Vorzug erwiesen war; es wurde also eine Reihenfolge bestimmt, so daß man sie in jedem Hause zu einer festgesetzten Zeit erwartete, und alle wußten, daß an dem und dem Tage Marfa Petrowna dort und dort den Brief vorlesen würde, und zu jedem Vorlesen kamen Leute, auch solche, die den Brief schon ein paarmal, sowohl in ihrem eigenen Hause, als auch bei Bekannten, gehört hatten. Meiner Meinung nach war hierbei vieles, sehr vieles überflüssig, aber Marfa Petrowna hat nun mal so einen Charakter. Sie hat wenigstens die Ehre von Dunetschka vollkommen wiederhergestellt und was an dieser Sache prekär, fiel wie eine untilgbare Schande ihrem Mann, als dem allein Schuldigen zu Lasten, so daß er mir doch zuletzt leid tat; man ist zu streng mit diesem Wahnwitzigen umgegangen. Dunja wurde sofort aufgefordert, in einigen Häusern Unterricht zu geben, allein sie schlug es ab. Überhaupt begannen alle mit einem Male ihr eine besondere Achtung zu zeigen. Dies alles half hauptsächlich ein Ereignis herbeiführen, durch das sich, man kann wohl sagen, jetzt unser ganzes Schicksal ändert. Du sollst wissen, lieber Rodja, daß Dunja einen Antrag von einem Herrn erhalten hat und daß sie ihre Einwilligung bereits gegeben hat, was ich dir eilends hierdurch mitteile. Obwohl die Sache sich auch ohne deinen Ratschlag entschieden hat, wirst du wahrscheinlich weder über mich noch über deine Schwester ungehalten sein; du wirst selbst aus dem Verlauf der Angelegenheit ersehen, daß wir unmöglich warten und die Antwort bis zu dem Empfang deines Briefes hinausschieben konnten. Ja, und du hättest auch nur an Ort und Stelle alles genau beurteilen können. Es ging also folgendermaßen vor sich: Er ist schon Hofrat, heißt Peter Petrowitsch Luschin und ist ein weitläufiger Verwandter von Marfa Petrowna, die diese Angelegenheit sehr gefördert hat. Er begann damit, daß er durch Marfa Petrowna den Wunsch äußern ließ, mit uns bekannt zu werden; er wurde, wie es sich ziemt, empfangen, trank bei uns Kaffee, und am nächsten Tage schickte er einen Brief, in dem er sehr höflich seinen Antrag machte und um eine baldige und bestimmte Antwort bat. Er ist ein arbeitsamer und vielbeschäftigter Mann und will jetzt schleunigst nach Petersburg reisen, so daß für ihn jeder Augenblick kostbar ist. Selbstverständlich waren wir zuerst sehr überrascht, da dies schnell und unerwartet gekommen war. Wir erwogen und überlegten den ganzen Tag miteinander. Er ist ein zuverlässiger Mann, in gesicherten Verhältnissen, nimmt zwei Stellungen ein und besitzt schon eigenes Vermögen. Gewiß, er ist schon fünfundvierzig Jahre alt, hat aber ein ganz angenehmes Äußere und kann noch Frauen gefallen; ja, er ist überhaupt ein sehr solider und anständiger Mann, bloß ein wenig düster und anscheinend hochmütig. Aber vielleicht scheint es bloß so beim ersten Anblick. Ja, und ich gebe dir den guten Rat, lieber Rodja, wenn du ihn in Petersburg sehen wirst, was sehr bald geschehen kann, urteile nicht zu schnell und hitzig, wie es dir eigen ist, wenn bei der ersten Begegnung dir etwas an ihm nicht so gut gefallen will. Ich sage das bloß für alle Fälle, denn ich bin überzeugt, daß er auf dich einen angenehmen Eindruck machen wird. Zudem, um einen fremden Menschen einzuschätzen, muß man sich ihm allmählich und vorsichtig nähern, damit man keinen Fehler begeht und keine Voreingenommenheit faßt, die später sehr schwer zu berichtigen und zu beseitigen ist. Peter Petrowitsch ist, wenigstens nach vielen Anzeichen, ein sehr ehrenwerter Mann. Bei seinem ersten Besuche schon erklärte er, daß er ein resoluter Mann sei, aber daß er in vielem ‚die Überzeugungen der jüngeren Generation‘ – wie er sich ausdrückte – teile, und ein Feind von allen Vorurteilen sei. Er sprach noch über vieles, denn er scheint ein wenig eingebildet zu sein und es zu lieben, daß man ihm zuhöre, aber das ist ja kein Fehler. Ich habe natürlich wenig davon begriffen, aber Dunja versicherte mir, daß er keine sehr große Bildung besitze, aber ein kluger und wie es scheint, auch guter Mensch sei. Du kennst den Charakter deiner Schwester Rodja. Sie ist ein starkes, vernünftiges, geduldiges und großmütiges Mädchen, freilich auch feurigen Herzens, so wie ich sie kenne. Gewiß ist weder auf ihrer, noch auf seiner Seite eine besondere Liebe vorhanden, aber Dunja ist nicht allein ein kluges Mädchen, sondern gleichzeitig auch ein edles Wesen, ein Engel, und wird es sich zur Aufgabe stellen, das Glück des Mannes auszumachen, der seinerseits für ihr Glück Sorge tragen wird; daran aber zu zweifeln haben wir vorläufig keine Ursache, obwohl – offen gestanden – die Sache mir ein wenig zu schnell zustande kam. Außerdem ist er ein berechnender Mann, der sicher einsehen wird, daß sein eigenes Glück in der Ehe um so fester begründet ist, je glücklicher er Dunetschka macht. Was aber irgendwelche Unebenheiten des Charakters, irgendwelche alte Gewohnheiten und sogar ein gewisses Auseinandergehen in den Anschauungen anbetrifft – (und das ist auch in den glücklichsten Ehen nicht zu vermeiden) – so sagte mir Dunetschka, daß sie in dieser Hinsicht auf sich vertraut, daß es keinen Grund gibt, darüber beunruhigt zu sein und daß sie vieles ertragen kann, wenn nur gegenseitige Ehrlichkeit und Gerechtigkeit herrscht. Mir schien er zum Beispiel zuerst etwas hart, aber das kann auch von seiner Offenherzigkeit kommen und so wird es wohl auch sein. Bei seinem zweiten Besuche, als er das Jawort hatte, äußerte er im Gespräch, daß er schon früher, ehe er Dunja kennengelernt habe, beschlossen habe, ein ehrliches, aber armes Mädchen zu heiraten und unbedingt eines, das die Armut schon gekostet habe, denn ein Mann solle nach seiner Meinung seiner Frau durch nichts verpflichtet sein, sondern das sei das richtige, daß die Frau den Mann als ihren Wohltäter betrachte. Ich will hinzufügen, daß er sich ein wenig weicher und zarter ausdrückte, als ich es schreibe, denn ich habe den richtigen Wortlaut vergessen, erinnere mich bloß des Sinnes, und zudem hatte er das keineswegs mit Absicht gesagt, sondern hatte sich offenbar in Eifer gesprochen, darum versuchte er später, es abzuschwächen und zu mildern. Dennoch erschien es mir ein wenig zu scharf, und ich sprach darüber nachher mit Dunja. Sie aber antwortete mir sogar, daß ‚Worte noch keine Taten sind,‘ und das ist auch wahr. Ehe Dunja sich zu diesem Schritt entschloß, verbrachte sie eine schlaflose Nacht, und in der Meinung, daß ich schliefe, stand sie auf und ging die ganze Nacht im Zimmer auf und ab; schließlich ließ sie sich auf die Knie nieder und betete lange und inbrünstig vor der Mutter Gottes, und am andern Morgen erklärte sie mir, sie hätte sich entschieden.

Ich habe schon erwähnt, daß Peter Petrowitsch sich jetzt nach Petersburg begibt. Er hat dort große Geschäfte vor, will in Petersburg ein öffentliches Bureau als Advokat eröffnen. Er beschäftigt sich seit langem schon mit Vertretung von allerhand Zivilklagen und Prozessen, und hat vor kurzem einen bedeutenden Prozeß gewonnen. Nach Petersburg muß er auch deswegen reisen, weil er dort im Senate eine bedeutende Sache zu vertreten hat. So kann er auch dir, lieber Rodja, sehr nützlich sein, ja in jeder Hinsicht, und wir – ich und Dunja – meinen nun, daß mit dem heutigen Tage deine künftige Karriere mit Sicherheit beginnt und daß dein Schicksal klar vor Augen liegt. Oh, wenn es sich schon verwirklicht hätte! Das wäre so ein Glück, daß man es nicht anders, als eine unmittelbare Gnadenspende des Allmächtigen an uns betrachten müßte. Das ist Dunjas Traum. Wir haben schon gewagt, ein paar Worte in dieser Hinsicht Peter Petrowitsch zu sagen. Er äußerte sich vorsichtig und meinte, daß er gewiß ohne einen Sekretär nicht auskommen könne, und da sei es selbstverständlich besser, das Gehalt dafür einem Verwandten als einem Fremden zu zahlen, wenn er sich bloß für den Posten eigne, – (du solltest dich dazu nicht eignen!) – gleichzeitig aber zweifelte er, daß das Universitätsstudium die Zeit für die Arbeiten in seinem Bureau übrig ließe. Diesmal blieb die Angelegenheit dabei stehen, aber Dunja denkt an nichts anderes mehr als an diese Aussicht. Sie ist seit einigen Tagen fieberhaft erregt, und hat sich einen ganzen Plan ausgedacht, daß du nämlich späterhin Mitarbeiter und sogar Kompagnon von Peter Petrowitsch in seinen Rechtssachen werden könntest, um so mehr, als du in der juristischen Fakultät bist. Ich bin mit ihr vollkommen einig, lieber Rodja, teile alle ihre Pläne und Hoffnungen und halte ihre völlige Verwirklichung für möglich. Und trotzdem Peter Petrowitsch sich jetzt zurückhaltend verhält, was sehr erklärlich ist, da er dich noch nicht kennt, so ist Dunja fest überzeugt, daß sie alles durch ihren guten Einfluß auf ihren künftigen Mann erreichen wird. Wir haben uns natürlich in acht genommen, Peter Petrowitsch etwas von unseren Zukunftsträumen und hauptsächlich davon, daß du sein Kompagnon werden sollst, merken zu lassen. Er ist ein nüchterner Mann und hätte es vielleicht sehr kalt aufgenommen, weil er alles für Phantasterei angesehen hätte. Ebensowenig haben wir, weder ich, noch Dunja, einen Ton über unsere feste Hoffnung gesprochen, daß er uns helfen soll, dich mit Geld zu unterstützen, solange du auf der Universität bist; wir haben es deswegen unterlassen, weil es sich späterhin jedenfalls von selbst ergeben und weil er sicher ohne viele Worte es uns anbieten wird – (er wird doch Dunetschka es nicht abschlagen können!) – um so mehr, als du seine rechte Hand im Bureau werden kannst, und diese Unterstützung nicht als eine Wohltat, sondern als verdientes Gehalt empfangen sollst. Dunetschka will es so einrichten, und ich bin mit ihr vollkommen einverstanden. Außerdem unterließen wir es, darüber zu sprechen, weil ich bei eurer bevorstehenden Begegnung dich auf gleichem Fuße mit ihm stehen sehen wollte. Wenn Dunja mit ihm voll Entzücken über dich sprach, antwortete er, daß man jeden Menschen selbst zuerst sehen, und zwar sehr nah sehen müsse, um über ihn urteilen zu können, und daß er sich das Recht vorbehalte, seine Meinung über dich zu bilden, erst nachdem er dich kennengelernt habe. Weißt du was, mein teurer Rodja, mir scheint es aus gewissen Gründen, – die übrigens gar nichts mit Peter Petrowitsch zu tun haben, sondern so meine eigenen gewissen, persönlichen, vielleicht auch altweibischen Launen sind, – also mir scheint es, daß ich vielleicht besser tue, wenn ich nach ihrer Verheiratung allein, so wie jetzt, und nicht mit ihnen zusammenleben werde. Ich bin völlig überzeugt, daß er so erkenntlich und zartfühlend sein wird, selber mir das Angebot zu machen, bei der Tochter zu bleiben und wenn er darüber bis jetzt nicht gesprochen hat, so kam es selbstverständlich daher, weil es auch ohne Worte so anzunehmen ist, aber ich will es ablehnen. Ich habe in meinem Leben mehr als einmal erfahren, daß Schwiegermütter den Männern nicht besonders genehm sind, und ich möchte niemandem im geringsten zur Last fallen und möchte auch selbst vollkommen frei sein, solange ich noch einen Bissen zu essen und solche Kinder, wie dich und Dunetschka, zu lieben habe. Wenn es mir möglich ist, will ich mich in der Nähe von euch beiden niederlassen, denn das angenehmste habe ich zum Schluß des Briefes aufgehoben, Rodja. Erfahre nun, mein lieber Freund, daß wir alle vielleicht sehr bald wieder zusammen sein und alle drei uns nach fast dreijähriger Trennung umarmen werden! Es ist schon bestimmt beschlossen, daß ich und Dunja nach Petersburg kommen, wann aber – das weiß ich noch nicht, in jedem Falle sehr, sehr bald, vielleicht schon in einer Woche. Alles hängt von den Anordnungen Peter Petrowitschs ab, der uns sofort, wenn er sich in Petersburg umgesehen hat, Nachricht geben will. Er will die Vorbereitungen zur Heirat aus verschiedenen Erwägungen möglichst beschleunigen, und wenn möglich, die Hochzeit noch vor dem großen Fasten feiern, sollte es aber infolge der kurzen Frist nicht ausführbar sein, dann gleich nach den Osterfeiertagen. Oh, mit welch einem Glück werde ich dich an mein Herz pressen! Dunja ist vor Freude dich wiederzusehen ganz aufgeregt und sagte einmal im Scherz, daß sie schon deswegen allein Peter Petrowitsch heiraten würde. Sie ist ein Engel! Sie schreibt dir nicht, hat mich aber gebeten, dir zu schreiben, daß sie über so vieles mit dir sprechen müsse, über so vieles, daß ihre Hand sich jetzt gegen die Feder sträube, denn in ein paar Zeilen könne man nichts mitteilen, sondern sich nur aufregen. Sie bat mich, dich innig, innig zu umarmen und dir unzählige Küsse zu senden. Trotzdem wir uns vielleicht sehr bald sehen werden, will ich dir doch in diesen Tagen Geld, soviel ich vermag, zuschicken. Jetzt, wo alle wissen, daß Dunetschka Peter Petrowitsch heiratet, hat sich auch mein Kredit plötzlich gebessert, und ich weiß bestimmt, daß Afanassi Iwanowitsch mir jetzt auf Konto der Pension sogar bis zu fünfundsiebzig Rubel zu leihen bereit ist, so daß ich dir vielleicht fünfundzwanzig oder auch dreißig Rubel schicken kann. Ich würde noch mehr schicken, aber ich fürchte unsere Reisekosten. Obwohl Peter Petrowitsch so gut war, einen Teil der Ausgaben für unsere Reise nach der Residenz zu übernehmen, – er hat sich nämlich selbst angeboten, unser Gepäck und einen großen Koffer für seine Rechnung hinzuschicken (er arrangiert es in irgendeiner Weise durch Bekannte), müssen wir doch mit der Reise nach Petersburg rechnen und damit, daß man dort nicht ohne einen Groschen ankommen kann und wenigstens für die ersten paar Tage das Nötige haben muß. Wir haben übrigens alles genau überschlagen, und es zeigte sich, daß uns die Reise nicht zu teuer zu stehn kommt. Von uns bis zur Eisenbahn sind es nur neunzig Werst, und wir haben für jeden Fall mit einem bekannten Bauern schon abgeschlossen; die Fortsetzung der Reise aber werden wir, ich und Dunetschka, glücklich und zufrieden in der dritten Klasse machen. Dann kriege ich es vielleicht fertig, dir nicht nur fünfundzwanzig, sondern dreißig Rubel zu schicken. Nun aber genug: zwei Bogen habe ich voll geschrieben und es ist kein Platz mehr da. Unsere ganze Geschichte habe ich dir erzählt, – nun, es hat sich auch ein Haufen Ereignisse angesammelt. Jetzt, mein teurer Rodja, umarme ich dich bis zu unserem nahen Wiedersehen und sende dir meinen mütterlichen Segen. Rodja, liebe deine Schwester Dunja; liebe sie so, wie sie dich liebt, und vergiß nicht, daß sie dich grenzenlos, mehr als sich selbst, liebt. Sie ist ein Engel und du Rodja, bist unser alles, unsere ganze Hoffnung und unser Trost. Sei du bloß glücklich, dann werden auch wir glücklich sein. Betest du zu Gott, Rodja, wie früher und glaubst du auch an die Güte des Schöpfers und unseres Erlösers? Ich fürchte im Herzen, daß der neueste moderne Unglaube auch dich berührt haben kann. Wenn es so ist, dann bete ich für dich. Erinnerst du dich, mein Lieber, wie du, als dein Vater noch lebte, in deiner Kindheit auf meinen Knien deine Gebete stammeltest, und wie glücklich waren wir alle damals. Lebe wohl, oder besser, – auf Wiedersehen! Ich umarme dich innig, innig und küsse dich unzähligemal.

Dein bis zum Tode
Pulcheria Raskolnikowa.“

Fast die ganze Zeit, während Raskolnikoff den Brief las, von den ersten Zeilen an, war sein Gesicht naß von Tränen; als er aber geendet hatte, war sein Gesicht bleich und zuckte, und ein hartes, bitteres, böses Lachen lag auf seinen Lippen. Er lehnte seinen Kopf an das dünne und abgenutzte Kissen und dachte lange, lange nach. Sein Herz schlug stark, und die Gedanken wogten hin und her. Es wurde ihm schließlich zu dumpf und eng in dieser gelben Kammer, die einem Käfig oder einem Kasten glich. Die Augen und die Gedanken verlangten eine freie Weite. Er nahm seinen Hut und ging hinaus, diesmal ohne Angst, jemand auf der Treppe zu begegnen: das hatte er vergessen. Er schlug den Weg in der Richtung nach Wassiljew Ostroff ein, den W.ski-Prospekt entlang, als hätte er dort eine eilige Angelegenheit, er ging aber, wie es seine Gewohnheit war, ohne den Weg zu beachten, flüsterte vor sich hin und sprach hin und wieder laut mit sich selbst; so daß er den Vorübergehenden auffiel, und viele hielten ihn für betrunken.

IV.

Der Brief der Mutter hatte ihn sehr erschüttert. Über die Hauptsache aber, das Moment, um das sich alles drehte, war er auch nicht einen Augenblick im Zweifel, nicht einmal während des Lesens. Ihrem Wesen nach war die Sache für ihn entschieden: „Diese Heirat kommt nicht zustande, solange ich lebe, und hol’ der Teufel den Herrn Luschin!“

„Die ganze Geschichte ist klipp und klar,“ murmelte er höhnisch lachend und im voraus triumphierend über die Folgen seines Entschlusses. „Nein, liebe Mama, nein, Dunja, ihr könnt mich nicht täuschen! ... Und da entschuldigen sie sich, daß sie mich nicht um Rat gefragt und ohne mich die Sache gemacht haben! Haben auch Grund dazu! Sie meinen, daß man es nicht mehr zerreißen kann; wir wollen mal sehen, ob es möglich ist oder nicht! Sie haben auch eine glänzende Ausrede gefunden – Peter Petrowitsch sei so beschäftigt, so beschäftigt, daß er nicht anders, als per Postpferde, fast per Eisenbahn, heiraten kann. Nein, Dunetschka, ich durchschaue alles und weiß, worüber du mit mir so viel sprechen möchtest. Ich weiß auch, worüber du die ganze Nacht im Zimmer auf- und abgehend nachgedacht hast, und was du vor dem Bilde der Gottesmutter, das bei Mama im Schlafzimmer hängt, gebetet hast. Es ist schwer, Golgatha hinaufzugehen ... Hm ... Also es ist endgültig beschlossen. Awdotja Romanowna, Sie geruhen also einen tüchtigen und resoluten Mann zu heiraten, der eigenes Vermögen besitzt – (der schon eigenes Vermögen besitzt, das ist solider und ehrfurchtgebietender) – der zwei Stellungen einnimmt und der die Überzeugungen unserer jüngeren Generation teilt (wie Mama sagt) und der, wie es scheint, gut ist, wie Dunetschka selbst sagt. Dieses ‚wie es scheint‘ ist das großartigste dabei! Und Dunetschka heiratet dieses ‚wie es scheint‘! ... Großartig! Großartig!

Es ist jedoch interessant, warum Mama mir über ‚die jüngere Generation‘ geschrieben hat? Bloß um die Person zu charakterisieren oder mit einer weitliegenden Absicht, – um mich für Herrn Luschin günstig zu stimmen? Oh, ihr Schlauen! Es wäre auch interessant, noch einen Umstand aufzuklären, – wie weit war an jenem Tage und in jener Nacht ihre beiderseitige Offenherzigkeit und auch in der folgenden Zeit? Wurde alles unter ihnen Wort für Wort besprochen, oder haben beide gefühlt, daß sie, eine wie die andere, ein und dasselbe auf dem Herzen hatten, so daß es überflüssig war, alles laut werden zu lassen und womöglich zu viel zu sagen. Sicher war es größtenteils so gewesen; man sieht’s aus dem Briefe. Mama schien er ein wenig hart, und die naive Mama wandte sich sofort an Dunja mit Bemerkungen. Die wurde selbstverständlich böse und ‚antwortete verstimmt‘. Das ist begreiflich! Wen wird es nicht wütend machen, wenn eine Sache auch ohne naive Fragen klar genug ist, und wenn ausgemacht ist, daß daran nicht mehr zu rütteln ist. Und warum schreibt sie mir: ‚Rodja, liebe Dunja! Sie liebt dich mehr als sich selbst‘. Wird sie etwa im geheimen von Gewissensbissen gequält, daß sie eingewilligt hat, die Tochter für den Sohn zu opfern. ‚Du bist unser Trost, du bist unser Alles! Oh, Mama! ...‘“

Der Zorn packte ihn immer stärker, und wäre Herr Luschin ihm jetzt begegnet, er hätte sich an ihm vergriffen!