„Nein, ich sehe, Sie glauben mir nicht, Sie meinen, daß ich Ihnen unschuldige Späße erzähle,“ sagte Porphyri Petrowitsch, indem er lustiger wurde, vor Vergnügen ununterbrochen kicherte und wieder im Zimmer herumwanderte. „Sie haben selbstverständlich ein Recht dazu. Gott hat mir so eine Gestalt verliehen, daß sie nur lächerliche Gedanken bei anderen erregt; bin der Possenreißer, aber ich will nur eins sagen und wiederhole noch einmal, entschuldigen Sie mich alten Mann, Väterchen Rodion Romanowitsch, – Sie sind noch ein junger Mann, sozusagen in der Jugendblüte, und schätzen darum am höchsten, wie überhaupt die Jugend, den menschlichen Verstand. Schärfe des Verstandes und abstrakte Vernunftschlüsse ziehen Sie an. Das ist genau, wie mit dem früheren österreichischen Hofkriegsrat, soweit ich über Kriegsereignisse urteilen kann, – auf dem Papier hatten sie Napoleon geschlagen und gefangen genommen, haben in ihrem Arbeitszimmer alles in der scharfsinnigsten Weise ermessen und berechnet, und zuguterletzt ergibt sich General Mack mit seiner ganzen Armee, he–he–he! Ich sehe, ich sehe, Väterchen Rodion Romanowitsch, Sie lachen über mich, daß so ein Zivilist, wie ich, Beispiele aus der Kriegsgeschichte anführt. Ja, was soll ich tun, ich habe einmal diese Schwäche, liebe alles Militärische und lese sehr gern alle diese Kriegsrelationen ... ich habe entschieden in der Wahl meines Berufes gefehlt. Ich sollte als Militär dienen, gewiß, zum Napoleon hätte ich es nicht gebracht, höchstens bis zum Major, he–he–he! Nun, ich will Ihnen jetzt die volle Wahrheit in bezug auf den Einzelfall sagen, mein Lieber. Wirklichkeit und Natur, mein Herr, sind wichtige Dinge und machen zuweilen die allerglänzendste Berechnung zuschanden! He, hören Sie auf mich, einen alten Mann, ich spreche im Ernst. Rodion Romanowitsch,“ – (indem er dies sagte, schien der kaum fünfunddreißigjährige Porphyri Petrowitsch tatsächlich gealtert zu sein, – sogar seine Stimme hatte sich verändert und sie schien wie verfallen) – „und außerdem bin ich aufrichtig ... Bin ich nicht aufrichtig? Was meinen Sie? Mir scheint, ich bin es im vollen Maße, – teile Ihnen solche Dinge umsonst mit, und verlange dafür gar keine Belohnung, he–he–he! Nun, also, ich fahre fort, – Scharfsinn ist meiner Meinung nach ein prächtiges Ding; er ist sozusagen eine Zierde der Natur und ein Trost des Lebens, und kann solche Kunststücke produzieren, daß zuweilen ein armer Untersuchungsrichter beim besten Willen sie nicht erraten kann, der zudem von seiner eigenen Phantasie geleitet wird, wie es oft genug vorkommt, denn er ist auch nur ein Mensch! Aber die Natur hilft dem armen Untersuchungsrichter, das ist das Unglück! Daran aber denkt die von ihrem Scharfsinn hingerissene Jugend nicht, ‚die über alle Hindernisse hinwegschreitet‘, – wie Sie sich scharfsinnig und trefflich auszudrücken beliebten. Er wird – nehmen wir es an – lügen, das heißt, der Mensch, der Einzelfall, der Inkognito, und wird ausgezeichnet und in der schlauesten Weise lügen; nun müßte er, sollte man meinen, triumphieren und die Früchte seines Scharfsinnes genießen, aber es kommt ein Krach, – bei der interessantesten, skandalösesten Stelle fällt er in Ohnmacht. Angenommen, es kann von Krankheit und zuweilen von der dumpfen Luft in einem Zimmer kommen, aber trotzdem! Trotzdem ist der Gedanke gegeben! Er hat unvergleichlich gelogen, hat aber nicht verstanden, mit der Natur zu rechnen. Darin aber lag die Tücke! Ein anderes Mal läßt er sich von der Lebhaftigkeit seines Scharfsinnes hinreißen, beginnt einen Menschen, der ihn im Verdacht hat, zum Narren zu halten, erbleicht, wie absichtlich, wie im Scherze, aber erbleicht schon zu natürlich, so daß es zu sehr wirklichem Erbleichen gleicht, und wieder ist der Gedanke gegeben! Wenn ihm auch der Betrug zum ersten Male gelingt, aber über Nacht denkt jener nach und überlegt es sich anders, wenn er nicht dumm ist. Und so geschieht es auf Schritt und Tritt! Das ist noch nichts, – er beginnt sich selbst vorzudrängen, beginnt sich hineinzumischen, wo man ihn nicht fragt, spricht in einem fort über Dinge, über die er im Gegenteil schweigen müßte, läßt allerhand Allegorien vom Stapel, he–he!, kommt selbst und fragt, warum man ihn so lange nicht festnimmt, he–he–he! und das kann auch mit dem scharfsinnigsten Menschen, mit einem Psychologen und Literaten, passieren! Die Natur ist ein Spiegel, der durchsichtigste Spiegel! Sieh hinein und betrachte dich, ja so ist es! Ja, warum sind Sie so blaß geworden, Rodion Romanowitsch, ist es für Sie hier zu dumpf, soll ich nicht das Fenster aufmachen?“

„Oh, bemühen Sie sich, bitte, nicht,“ – rief Raskolnikoff aus und lachte plötzlich laut, – „bitte, bemühen Sie sich nicht.“

Porphyri Petrowitsch blieb vor ihm stehen, wartete eine Weile und stimmte dann in das Lachen ein. Raskolnikoff erhob sich vom Diwan und brach plötzlich seinen Lachanfall ab.

„Porphyri Petrowitsch!“ – sagte er laut und deutlich, obwohl er kaum auf den zitternden Füßen stehen konnte, – „ich sehe endlich klar, daß Sie mich positiv im Verdacht haben, diese Alte und ihre Schwester Lisaweta ermordet zu haben. Meinerseits erkläre ich Ihnen, daß ich all dessen längst überdrüssig bin. Wenn Sie finden, daß Sie ein Recht haben, mich gesetzlich zu verfolgen, so verfolgen Sie mich, zu arretieren, so arretieren Sie mich. Aber ich erlaube nicht, daß man mir ins Gesicht lacht und mich quält ...“

Seine Lippen zitterten plötzlich, die Augen loderten vor Wut und die bis jetzt gemäßigte Stimme schwoll an. „Ich erlaube es nicht!“ rief er plötzlich und schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch, – „hören Sie, Porphyri Petrowitsch? Ich erlaube es nicht!“

„Ach, mein Gott, was ist Ihnen!“ rief Porphyri Petrowitsch, offenbar völlig erschreckt; – „Väterchen! Rodion Romanowitsch! Lieber! Was ist mit Ihnen?“

„Ich erlaube es nicht!“ – rief Raskolnikoff noch einmal.

„Leise, Väterchen! Man könnte es hören und herkommen! Und, was wollen wir ihnen dann sagen, bedenken Sie!“ – flüsterte Porphyri Petrowitsch entsetzt und näherte sein Gesicht dem Raskolnikoffs.

„Ich erlaube es nicht, ich erlaube es nicht!“ – wiederholte Raskolnikoff mechanisch, aber plötzlich ganz leise.

Porphyri Petrowitsch wandte sich schnell um und lief, um das Fenster zu öffnen.