„Ja, in unserer Gerichtspraxis gab es einmal einen fast ähnlichen Fall, auch einen psychopathischen, krankhaften Fall,“ – fuhr Porphyri Petrowitsch schnell fort, – „da hat auch einer einen Mord sich zugedichtet und wie, – eine ganze Halluzination führte er an, brachte Tatsachen, erzählte einzelne Umstände, verwirrte alle und machte jeden konfus, und aus welchem Grunde? Er selbst war völlig ohne Absicht und Wissen mit die Ursache an dem Morde, und als er erfuhr, daß er den Mördern Veranlassung zu ihrer Tat gegeben hatte, wurde er schwermütig und tiefsinnig, hatte Erscheinungen, verlor ganz den Verstand und bildete sich ein, daß er selbst der Mörder sei! Aber der Senat klärte schließlich die Sache auf, und der Unglückliche wurde freigesprochen und in Pflege gegeben. Dank dem Senate! Ach, ja, ja! Ja, wie soll es mit Ihnen enden, Väterchen? In dieser Weise kann man leicht an Nervenfieber erkranken, wenn man solche Anwandlungen hat, seine Nerven zu reizen, nachts die Klingel zu ziehen und nach Blut zu fragen! Ich habe diese ganze Psychologie in der Praxis studiert. In dieser Weise packt es einen Menschen zuweilen, aus dem Fenster oder von einem Turme zu springen, und es ist eine verführerische Empfindung. Ebenso ist es auch mit dem Klingelziehen ... Es ist eine Krankheit, Rodion Romanowitsch, Sie sind krank! Sie vernachlässigen Ihre Krankheit zu sehr. Sie sollten zu einem erfahrenen Arzt hingehen, der Dicke kann Ihnen doch nicht viel nützen! ... Sie haben Fieberwahn! Sie tun alles nur im Fieberwahne! ...“
Auf einen Augenblick drehte sich alles vor Raskolnikoffs Augen.
„Ist es möglich,“ – schwirrte es in seinem Kopfe, – „ist es möglich, daß er auch jetzt lügt? Es ist undenkbar, unmöglich!“ – er stieß diesen Gedanken von sich, da er fühlte, in welchen Grad von Zorn und Raserei ihn derselbe bringen müßte, und daß er vor Wut den Verstand verlieren könne.
„Das war nicht im Fieberwahn, das war im wachen Zustande!“ – rief er aus und spannte alle Kräfte seines Verstandes an, um das Spiel Porphyri Petrowitsch’ zu durchschauen. – „Im wachen Zustande, bei vollem Verstande! Hören Sie?“
„Ja, ich verstehe und höre es! Sie sagten auch gestern, daß es nicht im Fieberwahne war, Sie betonten sogar, daß es nicht im Fieberwahne war! Ich begreife alles, was Sie sagen! Ach! ... Hören Sie doch, Rodion Romanowitsch, mein lieber Mensch, ziehen Sie doch diesen Umstand in Erwägung. Wenn Sie tatsächlich in dieser verfluchten Sache schuldig oder irgendwie darin verwickelt wären, würden Sie dann – ich bitte Sie – selbst betonen, daß Sie dies alles nicht im Fieberwahne, sondern im Gegenteil bei vollem Verstande getan haben? Und es ganz besonders betonen, mit einer besonderen Hartnäckigkeit es betonen, – wäre es denn möglich, wäre es denkbar, ich bitte Sie? Meiner Meinung nach würden Sie das Gegenteil behaupten. Wenn Sie kein reines Gewissen hätten, so müßten Sie unbedingt betonen, – daß Sie es unbedingt im Fieberwahne getan haben! Ist es nicht so? Meine Annahme ist doch richtig?“
Etwas Heimtückisches klang in dieser Frage. Raskolnikoff wich vor Porphyri Petrowitsch zurück, der sich zu ihm gebeugt hatte, und betrachtete ihn schweigend, starr und voller Zweifel.
„Oder nehmen wir den Fall mit Rasumichin, das heißt, ob er gestern aus freien Stücken kam zu sprechen, oder ob Sie ihn dazu gebracht haben? Ja, Sie müßten unbedingt gesagt haben, daß er aus eigenem Antriebe gekommen war, und verheimlichen, daß er es in Ihrem Auftrage getan hat! Sie aber verheimlichen es nicht! Sie betonen gerade, daß er in Ihrem Auftrage hier gewesen war!“
Raskolnikoff hatte es niemals betont. Ein Schauer durchzog seinen Rücken.
„Sie lügen wieder,“ – sagte er langsam und schwach, und seine Lippen verzogen sich zu einem schmerzlichen Lächeln, – „Sie wollen mir wieder zeigen, daß Sie mein ganzes Spiel kennen und alle meine Antworten im voraus wissen,“ – sagte er und fühlte selbst nicht, daß er seine Worte nicht mehr genügend erwog, – „Sie wollen mir Furcht einjagen ... oder Sie lachen einfach über mich ...“
Er fuhr fort, ihn starr anzusehen, als er dies sagte, und wieder leuchtete eine grenzenlose Wut in seinen Augen auf.