„Das ist alles Unsinn und Verleumdung!“ – brauste Lebesjätnikoff auf, der ungern an diese Geschichte erinnert wurde, – „das war gar nicht der Fall! Es war ganz anders ... Sie haben es nicht richtig gehört; alles ist Klatscherei! Ich habe mich damals nur verteidigt. Sie stürzte sich zuerst auf mich ... Sie hat mir fast meinen Backenbart ausgerissen ... ich hoffe denn doch, daß jedem Menschen erlaubt ist, seine Person zu verteidigen. Außerdem gestatte ich niemand, mir Gewalt anzutun ... Aus Prinzip. Denn das ist schon Despotismus. Was sollte ich denn tun, – etwa alles ruhig mir gefallen lassen? Ich habe sie bloß zurückgestoßen ...“
„He–he–he!“ kicherte Luschin boshaft weiter.
„Sie sticheln mich nur, weil Sie selbst geärgert wurden und nun böse darüber sind ... Das ist doch Unsinn und hat gar nichts, rein gar nichts mit der Frauenfrage zu tun! Sie haben das nicht richtig aufgefaßt; ich denke sogar, wenn man annimmt, daß die Frau in allem dem Manne gleich sei, selbst in der physischen Kraft, wie man schon behauptet, so muß hier erst recht Gleichheit herrschen. Gewiß, ich habe es mir nachher überlegt, daß es so eine Frage überhaupt nicht geben soll, weil Prügeleien sowieso nicht stattfinden sollen. In der künftigen Gesellschaft wird dies undenkbar sein ... es wäre doch sonderbar, eine Gleichberechtigung zum Prügeln anzustreben. So dumm bin ich nicht ... obwohl Prügeleien übrigens auch vorkommen können ... ich will sagen, nachher nicht vorkommen werden, jetzt aber noch vorkommen ... pfui! zum Teufel! Mit Ihnen wird man ganz konfus! Ich gehe nicht zu diesem Essen, nicht weil diese Unannehmlichkeit passiert ist, ich gehe vielmehr aus Prinzip nicht hin, um nicht bei einem so schändlichen Brauch wie einer Gedächtnisfeier mitzutun; ja, das ist der Grund! Man könnte eigentlich hingehen, um sich darüber lustig zu machen ... Nur schade, daß keine Priester da sein werden. Sonst würde ich unbedingt hingehen.“
„Mit anderen Worten: Gastliches Salz und Brot essen und gleich darauf es ebenso beschimpfen wie die, die Sie eingeladen haben. So ist es doch gemeint?“
„Durchaus nicht beschimpfen, nur protestieren. Ich gehe mit bester Absicht hin. Ich kann indirekt die Entwicklung und die Propaganda fördern. Jeder Mensch ist verpflichtet, andere zu fördern und auf sie zu wirken, je kräftiger er es tut, desto besser ist es vielleicht. Ich kann eine Idee bringen, einen Samen ausstreuen ... Aus diesem Samen wird eine Tat entstehen. Womit hätte ich da gekränkt? Anfangs fühlen sie sich vielleicht gekränkt, nachher aber werden sie selbst einsehen, daß es ihnen nur von Nutzen war. Bei uns beschuldigte man eine Zeitlang Terebjewa, – dieselbe, die jetzt in der Kommune ist, – weil sie, als sie sich von ihrer Familie lossagte und ... sich einem hingab, ihrer Mutter und ihrem Vater geschrieben hatte, sie wolle nicht mehr in Vorurteilen leben und gehe eine illegale Ehe ein; man fand es rücksichtslos, so mit den Eltern umzugehen, und meinte, sie hätte es ihnen schonender und milder beibringen sollen. Meiner Ansicht nach ist dies alles Unsinn, man soll gar nicht so mild sein, im Gegenteil, ganz im Gegenteil, man soll erst recht scharf protestieren. Nehmen wir zum Beispiel die Warentz; sie hat sieben Jahre mit ihrem Manne zusammengelebt, hat ihn und ihre zwei Kinder verlassen und ihrem Manne in einem Briefe die Wahrheit gesagt. – ‚Ich habe eingesehen, daß ich mit Ihnen nicht glücklich sein kann. Ich werde Ihnen nie vergeben, daß Sie mich betrogen haben, indem Sie mir verheimlichten, daß noch eine andere gesellschaftliche Einrichtung, nämlich die Kommune existiert. Ich habe es vor kurzem durch einen großmütigen Mann erfahren, dem ich mich auch hingegeben habe, und mit ihm zusammen begründe ich eine Kommune. Ich sage Ihnen dies offen, weil ich es für ehrlos halte, Sie zu betrügen. Tun Sie, was Sie für gut halten. Hoffen Sie nicht, mich zurückzuerobern, es ist zu spät. Ich wünsche Ihnen alles Glück.‘ So muß man schreiben!“
„Nicht wahr, diese Terebjewa ist doch die, von der Sie erzählten, daß sie in der dritten illegalen Ehe lebe?“
„Richtig betrachtet, erst in der zweiten! Aber mag sie auch in der vierten oder fünfzehnten Ehe leben, was ist dabei! Und wenn ich jemals bedauerte, daß mein Vater und meine Mutter gestorben sind, so ist es sicher jetzt der Fall. Ich habe schon ein paarmal gedacht, wie ich sie mit meinem Protest aufrütteln würde, wenn sie noch am Leben wären! Ich hätte absichtlich alles so eingerichtet ... Ich hätte es ihnen gezeigt! Ich hätte sie staunen gemacht! Es ist wirklich schade, daß ich niemanden habe!“
„Um ihn erstaunen zu machen? He–he! Nun, gut!“ – unterbrach ihn Peter Petrowitsch, – „sagen Sie mir lieber, Sie kennen doch die Tochter des Verstorbenen, ein zartes, unbedeutendes Ding! Ist es wahr, was man von ihr erzählt, hm?“
„Und was wäre dabei? Meiner Meinung, das heißt meiner persönlichen Überzeugung nach ist es die normale Lage der Frau. Warum denn nicht? Das heißt distinguons[9]. In der gegenwärtigen Gesellschaft gilt das nicht als normal, weil es eine gezwungene Lage ist, in der künftigen Gesellschaft ist sie vollkommen normal, weil sie freiwillig sein wird. Ja, auch jetzt hatte sie das Recht dazu, – sie litt Not und das war ihr Fond, sozusagen ihr Kapital, über das sie vollkommenes Recht hat zu verfügen. Selbstverständlich werden in der künftigen Gesellschaft keine Fonds mehr nötig sein, ihre Rolle wird in anderer Hinsicht bestimmt, harmonisch und vernünftig bedingt sein. Was Ssofja Ssemenowna persönlich anbetrifft, so betrachte ich ihre Handlungen als einen energischen und personifizierten Protest gegen die gesellschaftliche Einrichtung und achte sie deswegen um so höher, ja ich freue mich ihrer Handlungsweise!“
„Man hat mir aber doch erzählt, daß gerade Sie sie gezwungen haben, von hier auszuziehen!“