„Nein, es ist kein Unsinn! Ein Mann, der wie Sie durch den gestrigen Vorfall beleidigt und geärgert ist, und gleichzeitig fähig ist, an das Unglück von anderen zu denken, – ein solcher Mensch ist ... obwohl er durch seine Handlungen einen sozialen Fehler begeht, – dennoch ... der Achtung würdig! Ich habe es sogar von Ihnen, Peter Petrowitsch, nicht erwartet, um so mehr, nach Ihren Begriffen ... oh, wie Ihre Begriffe Ihnen noch hinderlich sind! Wie Sie, zum Beispiel, dieser gestrige Mißerfolg aufregt!“ rief der gute kleine Andrei Ssemenowitsch aus und fühlte wieder eine stärkere Sympathie für Peter Petrowitsch, „und wozu, wozu brauchen Sie unbedingt diese Ehe, diese gesetzliche Ehe, lieber, edler Peter Petrowitsch? Warum brauchen Sie unbedingt diese Gesetzlichkeit in der Ehe? Nun, wenn Sie wollen, schlagen Sie mich, aber ich freue mich, freue mich, daß diese Ehe nicht zustande gekommen ist, daß Sie frei sind, daß Sie noch nicht ganz für die Menschheit verloren sind, ich freue mich ... So, jetzt habe ich mich ausgesprochen!“
„Weil ich in Ihrer illegalen Ehe keine Hörner tragen und fremde Kinder züchten will, aus diesem Grunde brauche ich die gesetzliche Ehe,“ sagte Luschin, nur um etwas zu sagen.
Er war besonders besorgt und nachdenklich.
„Kinder? Sie sagen Kinder?“ fuhr Andrei Ssemenowitsch auf wie ein Kampfroß, das das Signal gehört hatte, „Kinder – das ist eine soziale Frage und eine Frage von größter Wichtigkeit, das gebe ich zu, aber die Kinderfrage wird sich anders lösen. Einige verwerfen vollkommen die Kinder, wie alles, was mit Familie zu tun hat. Wir wollen über die Kinder nachher reden und wollen uns jetzt mit den Hörnern beschäftigen. Ich muß Ihnen gestehen, daß das mein schwacher Punkt ist. Dieser üble Husarenausdruck, der Ausdruck eines Puschkins ist im künftigen Lexikon undenkbar. Ja, und was sind Hörner? Oh, welch eine Verirrung! Was für Hörner? Wozu Hörner? Welch ein Unsinn! Im Gegenteil, in der illegalen Ehe können sie gar nicht existieren! Die Hörner sind nur die natürliche Folge jeder gesetzlichen Ehe, sozusagen, ihre Korrektur, ein Protest, so daß sie in diesem Sinne keineswegs erniedrigend sind ... Und wenn ich irgendwann, – diesen Unsinn einmal angenommen, – gesetzlich verheiratet sein sollte, so würde ich mich sogar über diese verfluchten Hörner freuen; ich würde dann meiner Frau sagen, – ‚mein Freund, ich habe dich bis jetzt bloß geliebt, jetzt aber achte ich dich auch, weil du verstanden hast, zu protestieren!‘ Sie lachen! Das kommt davon, weil Sie nicht imstande sind, sich von den Vorurteilen loszureißen! Zum Teufel, ich begreife doch, worin gerade die Unannehmlichkeit besteht, wenn man in gesetzlicher Ehe betrogen wird, – aber das ist doch bloß eine niederträchtige Folge einer niederträchtigen Tatsache, wo beide Teile erniedrigt sind. Wenn aber die Hörner einem offen aufgesetzt werden, wie in der illegalen Ehe, dann existieren sie nicht mehr, sie sind undenkbar und verlieren sogar die Benennung Hörner. Im Gegenteil, Ihre Frau wird Ihnen bloß beweisen, wie sie Sie schätzt, indem sie Sie für unfähig hält, ihrem Glücke im Wege zu sein und Sie für so reif betrachtet, daß Sie wegen ihres neuen Mannes an ihr keine Rache nehmen werden. Zum Teufel, ich träume zuweilen, daß, wenn ich mich verheiraten würde, pfui! wenn ich heiraten würde, – ob illegal, ob gesetzlich, das ist einerlei, – würde ich selbst zu meiner Frau einen Liebhaber bringen, wenn sie sich noch keinen angeschafft hätte, und würde ihr sagen, – ‚mein Freund, ich liebe dich, aber ich wünsche auch, daß du mich achtest, – bitte, hier hast du ihn!‘ Ist das nicht das Richtige?“
Peter Petrowitsch hörte zu und lachte, aber ohne besondere Begeisterung. Er hörte fast nicht zu. Er überlegte sich etwas ganz anderes, und Lebesjätnikoff merkte es auch schließlich. Peter Petrowitsch war aufgeregt, rieb sich die Hände und dachte nach. Das alles kam Andrei Ssemenowitsch später erst zum Bewußtsein.
II.
Es würde schwer fallen, genau die Gründe anzuführen, aus welchen die Idee dieses sinnlosen Gedächtnismahles in dem verstörten Gehirn von Katerina Iwanowna entstanden war. Es waren beinahe zehn Rubel von dem Gelde daraufgegangen, das ihr Raskolnikoff eigentlich zur Beerdigung Marmeladoffs gegeben hatte. Vielleicht hielt sich Katerina Iwanowna dem Verstorbenen gegenüber verpflichtet, sein Andenken „wie es sich gehört“ zu ehren, damit alle Mitbewohner und besonders Amalie Iwanowna wissen sollten, daß er „nicht nur gar nicht schlechter als sie, vielleicht weit besser war,“ und daß niemand von ihnen das Recht hatte, sich über ihn zu stellen. Vielleicht hatte hierzu jener besondere Stolz der Armen am meisten beigetragen, aus dem viele bei gewissen gesellschaftlichen Gebräuchen, die, wie es einmal ist, für alle und jeden verbindlich sind, ihre letzten Kräfte anspannen und die letzten Spargroschen ausgeben, um bloß „nicht schlechter, als andere“ zu sein, und damit die anderen nicht darüber „reden“ können. Es war auch sehr möglich, daß Katerina Iwanowna das Verlangen hatte, gerade in diesem Falle, namentlich in dem Augenblicke, wo sie scheinbar von aller Welt verlassen war, allen diesen „unbedeutenden und schlimmen Mietern“ zu zeigen, daß sie nicht nur Lebensart hatte und sich auf Empfänge verstand, sondern daß sie gar nicht zu solch einem Lose bestimmt war, daß sie „in einem feinen, ja in dem aristokratischen Hause eines Obersten“ erzogen war, und daß sie durchaus nicht dazu erzogen war, die Diele selbst zu fegen und des Nachts Kinderlumpen zu waschen. Diese Anfälle von Stolz und Eitelkeit suchen zuweilen die ärmlichsten und unterdrücktesten Menschen heim und verwandeln sich oft bei ihnen in ein gereiztes, unüberwindliches Bedürfnis. Katerina Iwanowna gehörte eigentlich nicht zu den Unterdrückten, man konnte sie durch Umstände töten, aber sie moralisch unterdrücken, das heißt, sie einschüchtern und ihren Willen unterwerfen, – konnte man nicht. Außerdem sagte Ssonjetschka mit gutem Grunde, daß ihr Verstand verstört sei. Man konnte es freilich nicht positiv und endgültig sagen, doch in letzter Zeit, in dem letzten Jahre, wurde ihr armer Kopf zu stark gequält, als daß er nicht zum Teil gelitten hätte. Und eine stark fortgeschrittene Schwindsucht trägt auch, wie die Ärzte sagen, zu einer Geistesstörung bei.
Weine in Mehrzahl und verschiedene Sorten gab es freilich nicht, ebenso fehlte auch Madeira, – das war übertrieben, Wein war aber da. Es gab Branntwein, Rum und Lissaboner, alles von der schlechtesten Sorte, aber in genügender Menge. Von Speisen waren außer Kutje drei oder vier Gerichte vorhanden, alles aus der Küche von Amalie Iwanowna, dazu wurden zwei Samowars aufgestellt für Tee und Punsch, die nach dem Essen gereicht werden sollten. Katerina Iwanowna hatte alles selbst eingekauft, als Hilfe hatte sie einen Mieter mitgehabt, einen kläglichen Polen, der weiß Gott warum bei Frau Lippewechsel wohnte. Er hatte sich sofort zu Katerina Iwanownas Verfügung gestellt, lief den ganzen gestrigen Tag und den ganzen heutigen Morgen Hals über Kopf und mit heraushängender Zunge herum und war besonders bemüht, daß man dies auch bemerken solle. Wegen jeder Kleinigkeit kam er zu Katerina Iwanowna gelaufen, war ihr sogar in die Kaufläden nachgegangen, nannte sie fortwährend „Pani Chorunschina“ und wurde ihr zuletzt bis zum Überdrusse langweilig, obwohl sie zuerst behauptet hatte, daß sie ohne diesen „bereitwilligen und großmütigen“ Menschen vollkommen verloren wäre. Katerina Iwanowna hatte die Eigenschaft in ihrem Charakter, den ersten Besten, der ihr in den Weg lief, mit den hellsten und schönsten Farben zu schmücken, ihn so zu loben, daß mancher sich schämte, allerhand Umstände, die gar nicht existierten, zu seinem Preise zu erfinden, selbst daran vollkommen aufrichtig und ehrlich zu glauben, und dann plötzlich, mit einem Male, sich enttäuscht zu fühlen, alles abzubrechen, den Menschen zu beschimpfen und hinauszuschmeißen, den sie noch vor einigen Stunden buchstäblich angebetet hatte. Von Natur aus hatte sie einen heiteren, fröhlichen und friedfertigen Charakter, infolge des ununterbrochenen Unglücks und Mißerfolges begann sie geradezu rasend zu wünschen und zu verlangen, daß alle in Frieden und Freude leben sollten und anders nicht leben dürfen, und der geringste Mißklang im Leben, die allerkleinsten Mißerfolge brachten sie sofort in Wut, und sie fing an, unmittelbar nach den stärksten Hoffnungen und Phantasien ihr Schicksal zu verfluchen, alles, was ihr unter die Hände geriet, zu zerreißen und fortzuwerfen und mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Amalie Iwanowna hatte plötzlich in Katerina Iwanownas Augen eine ungewöhnliche Bedeutung und außergewöhnliche Achtung errungen, vielleicht einzig aus dem Grunde, weil dieses Gedächtnismahl vorbereitet wurde und weil Amalie Iwanowna von ganzem Herzen bereit war, an allen Besorgungen teilzunehmen. Sie hatte es übernommen, den Tisch zu decken, die Wäsche, das Geschirr und alles übrige herzugeben und in ihrer Küche das Essen zuzubereiten. Katerina Iwanowna überließ ihr alles und ging auf den Friedhof. Und wirklich war alles aufs beste hergerichtet, – der Tisch war ziemlich reinlich gedeckt, das Geschirr, Gabeln, Messer, Gläser, Weingläser, Tassen – all dieses paßte nicht zusammen, war von den verschiedenen Mietern zusammengeborgt, aber alles stand zur bestimmten Stunde auf seinem Platze, und Amalie Iwanowna, im Vollgefühle ihrer gut besorgten Aufgabe, begrüßte die Zurückkehrenden mit einem gewissen Stolze; sie war sehr geputzt in einer Haube mit neuen Trauerbändern und im schwarzen Kleide. Dieser Stolz, obwohl berechtigt, mißfiel aus irgendeinem Grunde Katerina Iwanowna, „als hätte man in der Tat ohne Amalie Iwanowna nicht verstanden, den Tisch zu decken“! Auch die Haube mit den neuen Bändern erregte ihr Mißfallen, – „möglicherweise ist diese dumme Deutsche noch darauf stolz, daß sie die Wirtin ist und sich aus Gnade bereit erklärt hat, den armen Mietern zu helfen? Aus Gnade? Bitte sehr! Bei Katerina Iwanownas Papa, der Oberst und beinahe Gouverneur war, wurde zuweilen der Tisch für vierzig Personen gedeckt, so daß irgend eine Amalie Iwanowna oder besser gesagt Ludwigowna, dort nicht mal in die Küche zugelassen worden wäre ...“ Katerina Iwanowna beschloß aber, ihre Gefühle nicht vor der Zeit zu äußern, obgleich sie sich im Herzen fest vorgenommen hatte, Amalie Iwanowna heute noch unbedingt abzutrumpfen und sie an ihren richtigen Platz zu erinnern, sonst würde die sich Gott weiß was einbilden; vorläufig behandelte sie sie bloß kalt. Eine andere Unannehmlichkeit hatte auch teilweise zu der Gereiztheit von Katerina Iwanowna beigetragen, – zu der Beerdigung war, außer dem Polen, von den Geladenen fast niemand erschienen, der aber hatte Zeit genug, auf den Friedhof zu laufen; zu dem Gedächtnismahle dagegen waren nur die Unansehnlichsten und Armen gekommen, viele sogar nicht ganz nüchtern, sozusagen das Pack. Die älteren und angesehensten waren, wie absichtlich, ferngeblieben, als hätten sie sich alle verabredet. Peter Petrowitsch Luschin zum Beispiel, man kann sagen, der solideste von allen Mietern, war nicht erschienen, während Katerina Iwanowna schon gestern aller Welt, das heißt Amalie Iwanowna, Poletschka, Ssonjetschka und dem Polen, erzählt hatte, daß dieser edelste und großmütigste Mann mit besten Verbindungen und von sehr großem Vermögen, ein früherer Freund ihres ersten Mannes, der in dem Hause ihres Vaters verkehrt habe, ihr versprochen hätte, alle Mittel in Bewegung zu setzen, um ihr eine bedeutende Pension zu verschaffen. Wir wollen hierbei bemerken, daß, wenn Katerina Iwanowna mit Verbindungen und Vermögen anderer Leute prahlte, sie es vollkommen uneigennützig, sozusagen aus übervollem Herzen tat, nur aus dem Vergnügen allein, den Gelobten noch mehr zu preisen und ihm einen größeren Wert zu verleihen. Nächst Luschin und wahrscheinlich „seinem Beispiele folgend“ war auch „dieser üble, schändliche Lebesjätnikoff“ nicht erschienen. Was bildet sich denn dieser ein? Man hatte ihn bloß aus Gnade und weil er in einem Zimmer mit Peter Petrowitsch lebte und sein Bekannter war, eingeladen; es wäre peinlich für ihn gewesen, nicht eingeladen zu sein. Auch eine feine Dame mit ihrer Tochter, „einer überreifen alten Jungfer,“ die erst seit zwei Wochen bei Amalie Iwanowna lebten, waren nicht erschienen; sie hatten sich trotz ihres kurzen Aufenthaltes hier schon einige Male über den Lärm und das Geschrei in Marmeladoffs Zimmer, besonders, wenn der Verstorbene betrunken nach Hause gekommen war, beklagt. Das hatte Katerina Iwanowna durch Amalie Iwanowna erfahren, wenn diese sich mit Katerina Iwanowna zankte, ihr drohte, sie und die ganze Familie hinauszujagen, und dabei aus vollem Halse schrie, daß sie „anständige Mieter, deren Fußtritt Sie nicht mal wert sind,“ beunruhige. Katerina Iwanowna hatte absichtlich beschlossen, diese Dame und ihre Tochter, deren „Fußtritt sie angeblich nicht wert sei,“ einzuladen, und um so mehr, weil jene bei zufälligen Begegnungen sich hochmütig abwandte, – damit sie wisse, daß man hier „edler denkt und fühlt und sie, ohne sich des Bösen zu erinnern, einlade,“ und damit sie sehen sollten, daß Katerina Iwanowna nicht gewohnt sei, in solchen Verhältnissen zu leben. Es war unbedingt vorausgesetzt, ihnen allen bei Tische zu erklären und zu erwähnen, daß ihr verstorbener Vater beinahe Gouverneur gewesen sei, und gleichzeitig indirekt zu verstehen zu geben, daß es überflüssig wäre, sich bei Begegnungen abzuwenden, und daß es äußerst dumm wäre. Ebenso war der dicke Oberstleutnant, eigentlich war er Stabskapitän außer Dienst, nicht erschienen, es stellte sich heraus, daß er seit dem gestrigen Morgen vor Trunkenheit „ohne Hinterbeine“ war. Mit einem Worte: es waren bloß erschienen, – der Pole, dann ein häßlicher schweigsamer Kanzlist, in einem stark glänzenden Frack, mit Finnen im Gesichte und einem widerlichen Geruche und noch ein tauber und fast erblindeter alter Mann, der einst in einem Postamt gedient hatte und den jemand seit undenkbaren Zeiten und aus unbekannten Gründen bei Amalie Iwanowna untergebracht hatte. Es war auch ein betrunkener verabschiedeter Leutnant, eigentlich ein Proviantmeister, erschienen mit einem höchst unanständigen lauten Lachen, und: „stellen Sie sich vor,“ ohne Weste! Einer von den Gästen setzte sich direkt an den Tisch, ohne sogar Katerina Iwanowna zu begrüßen, und zuguterletzt tauchte eine Person im Schlafrocke auf, da sie keine Kleider besaß, aber das war so unanständig, daß es den Bemühungen von Amalie Iwanowna und dem Polen gelang, ihn hinauszuexpedieren. Der Pole hatte übrigens noch zwei andere Polen mitgebracht, die niemals bei Amalie Iwanowna gewohnt hatten, und die niemand vorher in ihrem Hause gesehen hatte. Dies alles reizte Katerina Iwanowna in höchstem Grade. „Für wen waren schließlich denn alle Vorbereitungen getroffen?“ Man hatte sogar die Kinder, um an Platz zu gewinnen, nicht am Tische untergebracht, der das ganze Zimmer einnahm, sondern für sie in der hinteren Ecke auf einem Kasten gedeckt, wobei die beiden kleineren auf einer Bank saßen, Poletschka aber, als die Erwachsene, mußte auf sie aufpassen, sie füttern und ihnen „wie Kindern aus feinem Hause“ die Näschen putzen. Mit einem Worte, Katerina Iwanowna glaubte alle mit doppelter Würde und sogar mit Hochmut begrüßen zu müssen. Manche blickte sie besonders streng an und bat sie von oben herab, sich an den Tisch zu setzen. Da sie aber aus irgendeinem Grunde meinte, Amalie Iwanowna für alle Nichterschienenen verantwortlich machen zu müssen, begann sie plötzlich, sie äußerst nachlässig zu behandeln, was jene sofort merkte und dadurch sehr pikiert wurde. Solch ein Anfang deutete auf kein gutes Ende. Endlich hatten alle Platz genommen. Raskolnikoff trat fast in demselben Augenblick ein, als sie von dem Friedhofe zurückkehrten. Katerina Iwanowna war überaus erfreut, ihn zu sehen, erstens, weil er der einzige „gebildete“ von allen Gästen war und „wie bekannt, nach zwei Jahren in der hiesigen Universität einen Lehrstuhl einnehmen werde,“ und zweitens, weil er sofort und ehrerbietig sich entschuldigte, daß er trotz seines Wunsches zu der Beerdigung nicht hatte kommen können. Sie stürzte sich buchstäblich auf ihn, setzte ihn bei Tisch neben sich zur linken Hand, zur rechten saß Amalie Iwanowna, und wandte sich ununterbrochen an Raskolnikoff, trotz ihrer beständigen Unruhe und Sorge, daß das Essen auch richtig herumgereicht wurde und alle erhielten, trotz des qualvollen Hustens, der sie alle Augenblicke unterbrach und peinigte, und der sich in diesen letzten zwei Tagen besonders verstärkt zu haben schien. Sie beeilte sich, ihm halb flüsternd alle angesammelten Gefühle und ihre ganze gerechte Entrüstung über das mißlungene Gedächtnismahl mitzuteilen, wobei die Entrüstung oft unabsichtlich und ohne jede Berechnung, einem ausgelassenen Lachen über die versammelten Gäste, besonders aber über die Wirtin, Platz machte.
„An allem ist dieser Kuckuck schuld. Sie wissen, wen ich meine, – die dort, dort!“ und Katerina Iwanowna wies mit dem Kopfe auf die Wirtin. „Sehen Sie sie an, – sie hat die Augen aufgesperrt, fühlt, daß wir über sie reden, kann aber nichts verstehn. Pfui, so eine Eule! Ha–ha–ha! ... Kche–kche–kche!“ hustete sie. „Und was will sie mit ihrer Haube! Kche–kche–kche! Haben Sie gemerkt, sie möchte gern, daß alle Gäste meinen sollen, sie beschütze mich und erweise mir mit ihrem Hiersein eine Ehre. Ich habe sie gebeten, wie man eine anständige Person bittet, bessere Leute, und zwar die Bekannten des Verstorbenen, einzuladen, und sehen Sie, wen sie hergebracht hat, – allerhand Narren! Schmutzfinke! Sehen Sie nur diesen da mit dem unreinen Teint, – das ist doch eine Rotznase auf zwei Beinen! Und diese Polen ... ha–ha–ha! Kche–kche–kche! Niemand, niemand hat sie vorher hier gesehen, auch ich nicht. Wozu sind die gekommen, frage ich Sie? Wie hübsch sie sitzen, nebeneinander. – Pan, heda!“ rief sie plötzlich einem von ihnen zu, „haben Sie genug vorgelegt? Nehmen Sie noch? Trinken Sie Bier! Wollen Sie nicht Schnaps? Sehen Sie, – er ist aufgesprungen und verbeugt sich, sehen Sie, sehen Sie, – sie sind wahrscheinlich sehr hungrig, die Armen! Tut nichts, mögen sie essen! Sie lärmen wenigstens nicht, aber ... aber ich fürchte ... für die silbernen Löffel der Wirtin! ... Amalie Iwanowna!“ wandte sie sich plötzlich an die Wirtin laut, „ich sage Ihnen im voraus, falls Ihre Löffel gestohlen werden, übernehme ich keine Verantwortung! Ha–ha–ha!“ lachte sie, wandte sich wieder an Raskolnikoff, wies wieder auf die Wirtin und freute sich über ihre Bemerkung. „Sie hat es nicht verstanden, sie hat wieder nichts verstanden! Sehen Sie, wie sie mit aufgesperrtem Munde dasitzt, – wie eine echte Eule, eine Eule mit neuen Bändern, ha–ha–ha!“
Das Lachen verwandelte sich von neuem in einen unerträglichen Husten, der minutenlang anhielt. Auf ihrem Taschentuch zeigte sich Blut, und Schweißtropfen traten auf die Stirne. Sie zeigte Raskolnikoff schweigend das Blut, und kaum hatte sie sich erholt, flüsterte sie mit roten Flecken auf den Wangen ihm lebhaft wieder zu.