„Sehen Sie, ich habe ihr einen sehr heiklen Auftrag gegeben, diese Dame und ihre Tochter einzuladen. Sie wissen doch, von wem ich spreche? Hier mußte man in der zartesten Weise, in der geschicktesten Art handeln, sie war aber so ungeschickt, daß diese angereiste dumme Person, dieses aufgeblasene Geschöpf, diese unbedeutende Provinzmadam, sie die Witwe irgendeines Majors, die sich hier um eine Pension bemüht und bei den Behörden deswegen herumläuft ... und die mit ihren fünfundfünfzig Jahren sich schminkt und färbt ... was allgemein bekannt ist ... daß dieses Geschöpf nicht nur sich für zu gut hielt, hier zu erscheinen, sondern sich nicht einmal entschuldigen ließ, wie es in diesen Fällen doch die gewöhnlichste Höflichkeit verlangt! Ich kann nicht begreifen, warum auch Peter Petrowitsch nicht gekommen ist? Und wo ist Ssonja? Wo ist sie nur hingegangen? Ah, da ist sie ja! Ssonja, wo warst du? Merkwürdig, daß du sogar am Beerdigungstage deines Vaters so unpünktlich bist. Rodion Romanowitsch, sie soll sich neben Sie setzen. Hier ist dein Platz, Ssonjetschka ... nimm, was dir gefällt. Nimm von dem Fisch, er ist gut. Hat man den Kindern auch etwas gegeben? Poletschka, habt ihr alles? Kche–kche–kche! Nun, gut. Sei ein artiges Kind, Lene und du, Kolja, zapple nicht mit den Beinen, sitz, wie ein anständiges Kind sitzen muß. Was sagst du, Ssonjetschka?“

Ssonja beeilte sich sofort, ihr die Entschuldigung von Peter Petrowitsch mitzuteilen und versuchte so laut zu sprechen, daß es alle hören konnten, gebrauchte gewählte und ehrerbietige Ausdrücke, die sie absichtlich Peter Petrowitsch andichtete. Sie fügte hinzu, daß Peter Petrowitsch sie besonders gebeten habe, mitzuteilen, daß er unverzüglich, sobald es ihm nur möglich sei, herkommen würde, um in geschäftlichen Angelegenheiten allein mit Katerina Iwanowna zu sprechen und zu verabreden, was man jetzt und künftig unternehmen könnte und dergleichen mehr.

Ssonja wußte, daß dies Katerina Iwanowna friedlicher stimmen und beruhigen würde, sie würde sich dadurch geschmeichelt fühlen und ihr Stolz würde befriedigt sein. Sie setzte sich neben Raskolnikoff, den sie hastig begrüßte und flüchtig, doch voll Interesse anblickte. Während der folgenden Zeit vermied sie aber ihn anzusehen und mit ihm zu sprechen. Sie war zerstreut, obwohl sie die ganze Zeit Katerina Iwanowna im Auge behielt, um ihre Wünsche zu erraten. Weder sie, noch Katerina Iwanowna waren in Trauer, da sie keine Kleider hatten; Ssonja hatte ein dunkelbraunes Kleid an und Katerina Iwanowna ihr einziges, ein dunkelgestreiftes Kattunkleid. Die Mitteilung über Peter Petrowitsch verbreitete sich rasch. Als Katerina Iwanowna mit Würde Ssonja angehört hatte, erkundigte sie sich ebenso würdevoll, wie es Peter Petrowitsch gehe? Dann flüsterte sie hörbar Raskolnikoff zu, daß es für einen angesehenen und soliden Menschen, wie Peter Petrowitsch, unmöglich gewesen wäre, in solch eine „ungewöhnliche Gesellschaft“ zu kommen, trotz der großen Anhänglichkeit an ihre Familie und der alten Freundschaft mit ihrem Papa.

„Sehen Sie, darum bin ich auch Ihnen, Rodion Romanowitsch, so sehr dankbar, daß Sie trotz solcher Umgebung Salz und Brot von mir nicht verschmäht haben,“ fügte sie fast laut hinzu, „übrigens bin ich überzeugt, daß nur die besondere Freundschaft zu meinem armen Verstorbenen Sie veranlaßt hat, Ihr Wort zu halten.“

Sie blickte noch einmal voll Stolz und Würde ihre Gäste an und erkundigte sich plötzlich mit besonderer Fürsorge laut über den Tisch hinüber bei dem tauben alten Manne, „ob er nicht mehr vom Braten nehmen möchte und ob er Lissaboner bekommen habe?“ Der Alte antwortete nicht und konnte lange nicht begreifen, wonach man ihn frage, obwohl seine Nachbarn aus Scherz ihn anzustoßen begannen. Er blickte nur mit offenem Munde um sich, wodurch er die allgemeine Heiterkeit noch mehr hervorrief.

„Ist das ein Holzklotz! Sehen Sie doch nur! Wozu hat man den hierher gebracht? Was Peter Petrowitsch anbetrifft, so war ich stets seiner sicher,“ fuhr Katerina Iwanowna fort, Raskolnikoff zu erzählen, „so gleicht er selbstverständlich nicht ...“ wandte sie sich laut und scharf und mit äußerst strenger Miene zu Amalie Iwanowna, daß sie darüber erschrak, „so gleicht er nicht jenen aufgedonnerten Madams mit ihren Schleppen, die bei meinem Papa nicht mal als Köchinnen ihren Dienst verrichten gedurft hätten, und denen mein verstorbener Mann nur deshalb die Ehre erwiesen hatte, sie zu empfangen, weil er eine unerschöpfliche Güte hatte.“

„Ja, er liebte eins zu trinken, ja, er liebte es und trank auch!“ rief plötzlich der verabschiedete Proviantmeister und leerte das zwölfte Glas Schnaps.

„Mein verstorbener Mann hatte diese Schwäche, das wissen alle,“ stürzte sich Katerina Iwanowna plötzlich auf ihn, „aber er war ein guter und edler Mensch, der seine Familie liebte und achtete; nur das eine war schlimm, daß er in seiner Güte allerhand verdorbenen Leuten zu sehr traute und weißgott mit wem trank, sogar mit solchen, die seine Stiefelsohle nicht wert waren! Stellen Sie sich vor, Rodion Romanowitsch, man fand in seiner Tasche einen Pfefferkuchenhahn, – er ging total betrunken heim, und dachte doch an seine Kinder.“

„Einen Ha–hn? Sie belieben zu sagen – ei–nen Hahn?“ rief der Proviantmeister.

Katerina Iwanowna würdigte ihn keiner Antwort. Sie dachte über etwas nach und seufzte.