„Sie meinen auch sicher, wie alle, daß ich zu streng zu ihm war,“ fuhr sie fort, sich an Raskolnikoff wendend. „Das ist nicht richtig! Er hat mich geachtet, er hat mich sehr, sehr geachtet! Er war eine gute Seele. Und zuweilen tat er mir so leid! Er saß manchmal in der Ecke und sah mich an, da tat er mir so leid, ich wollte zu ihm freundlich sein, dachte mir aber, wenn ich jetzt freundlich zu ihm bin, betrinkt er sich wieder. Nur mit Strenge konnte man ihn einigermaßen davon zurückhalten.“
„Ja, es ist vorgekommen, daß er an den Haaren gezerrt wurde, es ist vorgekommen, öfters,“ brüllte wieder der Proviantmeister und leerte noch ein Glas.
„Es wäre angebracht, manche Dummköpfe nicht nur an den Haaren zu zerren, sondern mit einem Besenstiel zu verprügeln. Ich rede jetzt nicht von dem Verstorbenen!“ trumpfte Katerina Iwanowna den Proviantmeister ab.
Die roten Flecken auf ihren Wangen traten immer stärker hervor und ihre Brust hob sich. Nur wenig fehlte und ein Skandal begann. Viele kicherten; das wäre ihnen offenbar sehr angenehm gewesen. Man begann den Proviantmeister zu stoßen und ihm etwas zuzuflüstern. Man wollte beide aufeinander hetzen.
„Erlau–ben Sie mir zu fragen, wen Sie damit meinten,“ begann der Proviantmeister wieder, „wessen Ehre ... haben Sie soeben ... Übrigens, es ist unnötig! Unsinn! Eine Witwe! Eine arme Witwe! Ich verzeihe ... Ich passe!“ und er goß sich wieder Schnaps ein.
Raskolnikoff hörte schweigend, voll Widerwillen zu. Er nahm nur aus Höflichkeit, rührte kaum die Stücke an, die ihm Katerina Iwanowna alle Augenblicke auf den Teller legte und aß bloß, um sie nicht zu kränken. Er blickte Ssonja aufmerksam an. Ssonja aber wurde immer unruhiger und besorgter; sie ahnte, daß das Gedächtnismahl kein friedliches Ende nehmen werde und beobachtete voll Angst die sich steigernde Gereiztheit von Katerina Iwanowna. Sie wußte, daß sie der Hauptgrund war, warum die beiden zugereisten Damen so verachtungsvoll mit der Einladung Katerina Iwanownas umgegangen waren. Sie hatte von Amalie Iwanowna selbst gehört, daß die Mutter allein schon durch die Einladung beleidigt worden war und die Frage gestellt hatte, „wie sie es verantworten könne, ihre Tochter neben diese Person zu setzen?“ Ssonja ahnte, daß Katerina Iwanowna dies irgendwie erfahren habe, und eine Kränkung Ssonjas bedeutete für Katerina Iwanowna mehr, als eine persönliche, mehr als eine Kränkung ihrer Kinder, ihres Papas, mit einem Worte, es war für sie eine tödliche Beleidigung, und Ssonja wußte, daß Katerina Iwanowna sich nicht eher beruhigen werde, „bis sie diesen geputzten Krähen bewiesen hätte, daß sie beide ...“ und dergleichen mehr. Wie absichtlich, hatte in diesem Augenblicke jemand vom anderen Ende des Tisches Ssonja einen Teller zugesandt, worauf zwei Herzen, durchbohrt mit einem Pfeile, aus Brot geknetet waren. Katerina Iwanowna flammte auf und bemerkte sofort laut über den ganzen Tisch weg, daß der Absender sicher „ein betrunkener Esel“ sei. Amalie Iwanowna, die auch etwas Schlimmes ahnte, und gleichzeitig durch den Hochmut Katerina Iwanownas im tiefsten Innern gekränkt war, begann ohne jede Veranlassung, nur um die unangenehme Stimmung der Gesellschaft abzulenken und gleichzeitig um ihr Ansehen in aller Augen zu heben, zu erzählen, wie ein Bekannter von ihr „Karl aus der Apotheke“ eines Nachts in einer Droschke nach Hause fuhr und der Kutscher ihn ermorden wollte, daß Karl ihn sehr, sehr gebeten habe, ihn nicht zu ermorden, „die Hände gefaltet und geweint hätte und so erschrocken wäre und daß die Angst sein Herz durchbohrt hätte“. Katerina Iwanowna bemerkte aber lächelnd, daß Amalie Iwanowna keine russischen Anekdoten erzählen solle. Jene fühlte sich dadurch noch mehr gekränkt und erwiderte, daß ihr Vater in Berlin ein sehr, sehr bedeutender Mann gewesen sei und daß er „immer die Hände in die Taschen steckte“. Die lachlustige Katerina Iwanowna konnte ein lautes Lachen nicht unterdrücken, so daß Amalie Iwanowna die letzte Geduld verlor und kaum mehr sich beherrschen konnte.
„Das ist mal eine Eule!“ flüsterte Katerina Iwanowna Raskolnikoff zu und wurde fast heiter gestimmt, „sie wollte sagen, daß er die Hände in den Taschen hatte, sie brachte es aber so heraus, als ob er ein Langfinger gewesen wäre, ha–ha! Haben Sie auch schon bemerkt, daß alle diese Ausländer in Petersburg, hauptsächlich aber die Deutschen, die irgendwoher zu uns kommen, dümmer sind, als wir? Sie müssen doch zugeben, daß man nicht erzählen kann, daß ‚Karls Herz aus Angst durchbohrt sei,‘ und daß er – so eine Memme! – anstatt den Kutscher zu knebeln, die ‚Hände gefaltet, geweint und sehr gebeten hat‘. Ach, so ein Holzklotz! Und sie glaubt noch, daß dies sehr rührend sei und ahnt nicht, wie dumm sie ist! Meiner Ansicht nach ist dieser betrunkene Proviantmeister noch bei weitem klüger als sie; man sieht, daß er ein Bruder Liederlich ist und das bißchen Verstand vertrunken hat, diese andere aber tut so ordentlich, sitzt ernst da ... Sehen Sie nur, wie sie nun die Augen aufreißt. Sie ist böse! Ärgert sich! Ha–ha–ha! Kche–kche–kche!“
Als Katerina Iwanowna so lustig geworden war, kam sie auf allerhand Dinge und erzählte plötzlich, wie sie mit Hilfe der in Aussicht gestellten Pension unbedingt in ihrer Heimatsstadt T... eine Anstalt für junge Mädchen aus besseren Ständen errichten werde. Katerina Iwanowna hatte dies Raskolnikoff noch nicht selbst mitgeteilt und sie ließ sich auf sehr ausführliche, verlockende Einzelheiten ein. Auf rätselhafte Weise tauchte plötzlich in ihren Händen dasselbe „Ehrendiplom“ auf, von dem der verstorbene Marmeladoff in der Schenke Raskolnikoff schon erzählt und dabei erwähnt hatte, daß Katerina Iwanowna, seine Gattin, bei der Entlassung aus dem Stift mit einem Shawl „vor dem Gouverneur und den übrigen hohen Personen“ getanzt habe. Dieses Ehrendiplom mußte offenbar Katerina Iwanowna jetzt als Zeugnis dienen, daß sie auch ein Recht dazu habe, eine Erziehungsanstalt zu gründen, es war hauptsächlich mit der Absicht hervorgeholt und in der Nähe aufbewahrt worden, um endgültig „den beiden aufgedonnerten Krähen,“ wenn sie zu dem Gedächtnismahle gekommen wären, den Hochmut zu nehmen, und um ihnen deutlich zu beweisen, daß Katerina Iwanowna aus einem sehr feinen Hause stamme, „man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen Hause“ und die Tochter eines Obersten und sicher mehr sei, als manche Abenteurerin, die in der letzten Zeit so überhand nahmen. Das Ehrendiplom ging sofort von Hand zu Hand unter den betrunkenen Gästen, was Katerina Iwanowna nicht hinderte, weil darin tatsächlich en toutes lettres[10] bemerkt war, daß sie die Tochter eines Hofrats und Ritters pp. sei, folglich in der Tat beinahe die Tochter eines Obersten. Katerina Iwanowna, einmal entflammt, begann unverzüglich über alle Einzelheiten des künftigen schönen und ruhigen Lebens in T... sich zu verbreiten, – über die Gymnasiallehrer, die sie auffordern würde, in ihrer Anstalt Unterricht zu geben, über einen ehrenwerten, alten Herrn, einen Franzosen Mangot, der Katerina Iwanowna noch im Stifte in französischer Sprache unterwiesen hatte, und der jetzt in T... sein Leben beschloß und sicher für einen angemessenen Preis zu ihr kommen werde. Endlich kam sie auch auf Ssonja zu sprechen, „die zusammen mit Katerina Iwanowna nach T... reisen und dort in allem ihr behilflich sein solle“. Aber hier prustete jemand am andern Ende des Tisches vor Lachen. Katerina Iwanowna gab sich sofort den Anschein, als beachte sie nicht das Lachen am anderen Ende des Tisches, erhob absichtlich die Stimme und begann mit Begeisterung über die unzweifelhaften Vorzüge von Ssofja Ssemenowna als ihrer Stütze zu reden, „über ihre Sanftmut, Geduld, Selbstaufopferung, edlen Sinn und ihre Bildung,“ wobei sie Ssonja auf die Wange tätschelte, aufstand und sie ein paarmal innig küßte. Ssonja errötete und Katerina Iwanowna brach plötzlich in Weinen aus, nannte sich selbst „eine nervenschwache dumme Person, die ziemlich angegriffen sei, und daß es Zeit sei, ein Ende zu machen, da alle gegessen hätten und daß jetzt Tee kommen könne“. Da riskierte Amalie Iwanowna, gänzlich verschnupft, daß sie an der ganzen Unterhaltung nicht den geringsten Anteil genommen hatte, und daß man sie gar nicht angehört hatte, den letzten Versuch und erlaubte sich mit unterdrücktem Ärger, Katerina Iwanowna eine äußerst sachliche und tiefsinnige Bemerkung zu machen, daß man nämlich in der künftigen Pensionsanstalt besonders auf die reine Wäsche der jüngeren Mädchen achthaben müsse, und daß unbedingt eine tüchtige Dame da sein müsse, um darauf aufzupassen, und zweitens darauf, daß die jungen Mädchen heimlich in der Nacht keine Romane lesen könnten. Katerina Iwanowna, wirklich angegriffen und sehr müde, und des Gedächtnismahls überdrüssig, schnitt Amalie Iwanowna schroff das Wort mit der Bemerkung ab, daß sie „Unsinn quatsche“ und nichts verstehe; daß die Sorge um die Wäsche Sache der Kastellanin sei und nicht der Vorsteherin einer Anstalt für junge Mädchen aus besseren Ständen, und was das Lesen von Romanen anbetrifft, sei ihre Bemerkung einfach unanständig, und sie bitte sie endlich zu schweigen. Amalie Iwanowna ward rot und antwortete geärgert, daß sie es nur gut gemeint hätte, und daß sie für die Wohnung schon lange kein Geld erhalten habe. Katerina Iwanowna zeigte ihr sofort den ihr zukommenden Platz, indem sie sagte, daß Amalie Iwanowna lüge, wenn sie behaupte, es nur gut gemeint zu haben, weil sie schon gestern, als der Verstorbene noch auf der Bahre lag, sie wegen der Wohnungsmiete gequält habe. Darauf erwiderte Amalie Iwanowna mit großartiger Konsequenz, daß sie jene Damen eingeladen hätte, aber daß die Damen darum nicht gekommen seien, weil sie feine Damen seien und zu unfeinen Damen nicht gehen könnten. Katerina Iwanowna hielt ihr sofort unter die Nase, daß sie, solch ein Schmutzfink, gar nicht beurteilen könne, was in Wahrheit fein sei. Amalie Iwanowna konnte das nicht vertragen und erklärte sofort, daß „ihr Vater aus Berlin ein sehr, sehr wichtiger Mann gewesen sei, beide Hände in die Taschen gesteckt habe und immer nur – puff! puff! gemacht habe“! Und um ihren Vater augenscheinlicher vorzustellen, sprang Amalie Iwanowna vom Stuhle auf, steckte ihre beiden Hände in die Taschen, blies die Wangen auf und begann mit dem Munde unbestimmte Töne, die – puff! puff! ähnelten, hervorzubringen, unter lautem Lachen von allen Mietern, die Amalie Iwanowna absichtlich durch ihren Beifall reizten, weil sie eine Prügelei voraussahen. Jenes nun konnte wiederum Katerina Iwanowna nicht vertragen und sie sagte unverzüglich und laut, daß Amalie Iwanowna vielleicht nie einen Vater gehabt habe, daß Amalie Iwanowna einfach eine betrunkene Estin aus Petersburg sei und sicher irgendwo früher als Köchin gedient habe, vielleicht aber auch etwas schlimmeres gewesen sei. Amalie Iwanowna wurde krebsrot und kreischte, daß Katerina Iwanowna vielleicht keinen Vater gehabt habe, daß sie aber einen Vater aus Berlin gehabt und er einen langen Rock getragen und immer – puff! puff! – gemacht habe! Katerina Iwanowna bemerkte mit Verachtung, daß ihre Herkunft allen bekannt sei, und daß in diesem Ehrendiplom gedruckt sei, daß ihr Vater Oberst war, daß aber der Vater von Amalie Iwanowna – wenn sie überhaupt einen Vater gehabt habe – sicher ein Este aus Petersburg war und Milch verkauft habe; am wahrscheinlichsten aber sei, daß sie gar keinen Vater gehabt habe, weil es bis jetzt noch nicht festzustellen sei, wie der Vatername von Amalie Iwanowna laute, ob Iwanowna oder Ludwigowna? Da geriet Amalie Iwanowna ganz außer sich, schlug mit der Faust auf den Tisch, fing an zu kreischen, daß sie Amalie Iwanowna und nicht Ludwigowna heiße, daß der Name ihres Vaters Johann sei und daß er Dorfschulze gewesen war und daß der Vater von Katerina Iwanowna niemals Dorfschulze gewesen sei. Katerina Iwanowna erhob sich von ihrem Stuhle und bemerkte streng, scheinbar mit ruhiger Stimme, – obwohl sie ganz bleich war und ihre Brust schwer atmete, – daß, wenn sie noch einmal wagen werde, ihren dreckigen Vater mit ihrem Papa auf gleiche Stufe zu stellen, sie ihr die Haube von ihrem Kopfe herunterreißen und mit den Füßen zertreten werde. Als Amalie Iwanowna das hörte, begann sie im Zimmer herumzulaufen und schrie aus allen Kräften, daß sie die Wirtin sei und daß Katerina Iwanowna sofort das Zimmer räumen solle; dann raffte sie die silbernen Löffel vom Tische zusammen. Es erhob sich ein Lärm und Getöse; die Kinder weinten. Ssonja stürzte zu Katerina Iwanowna hin, um sie zurückzuhalten, als aber Amalie Iwanowna etwas von „Sittenkontrolle“ schrie, stieß Katerina Iwanowna Ssonja von sich, eilte auf Amalie Iwanowna zu, um ihre Drohung bezüglich der Haube sofort wahr zu machen. In diesem Augenblicke öffnete sich die innere Tür und auf der Schwelle erschien Peter Petrowitsch Luschin. Er blieb stehen und warf einen strengen und aufmerksamen Blick auf die ganze Gesellschaft. Katerina Iwanowna stürzte zu ihm hin.
III.
„Peter Petrowitsch!“ rief sie. „Schützen Sie mich! Sagen Sie dieser dummen Kreatur, daß sie eine gebildete Dame im Unglück nicht in dieser Weise behandeln dürfe, daß es ein Gericht gibt ... ich werde zu dem Generalgouverneur gehen ... Sie wird zur Verantwortung gezogen werden ... Gedenken Sie der Gastfreundschaft bei meinem Vater, schützen Sie die Waisen!“