„Erlauben Sie, meine Dame ... Erlauben Sie, erlauben Sie,“ wehrte Peter Petrowitsch ab. „Ich hatte gar nicht die Ehre, Ihren Herrn Vater gekannt zu haben, wie Sie wohl wissen werden ... erlauben Sie, meine Dame!“ Jemand lachte laut. „Und an Ihren ewigen Zänkereien mit Amalie Iwanowna teilzunehmen, habe ich nicht die Absicht ... Ich bin in eigener Angelegenheit hergekommen ... und möchte sofort mit Ihrer Stieftochter, Ssofja ... Iwanowna ... nicht wahr, so heißt sie ... sprechen. Erlauben Sie, daß ich zu ihr gehe ...“

Und Peter Petrowitsch machte einen kleinen Bogen um Katerina Iwanowna und ging in die entgegengesetzte Ecke, wo sich Ssonja befand.

Katerina Iwanowna blieb auf demselben Fleck stehen, wie vom Donner gerührt. Sie konnte nicht begreifen, wie Peter Petrowitsch die Gastfreundschaft ihres Papas leugnen konnte. Nachdem sie sich einmal dies in den Kopf gesetzt hatte, glaubte sie auch schon selber heilig und fest daran. Auch der geschäftliche, trockene Ton Peter Petrowitschs ... in dem Verachtung, ja etwas Drohendes lag, machte sie bestürzt. Bei seinem Erscheinen waren alle allmählich stiller geworden. Abgesehen davon, daß dieser „nüchterne und ernste“ Mensch von der ganzen Versammlung scharf abstach, merkte man, daß er aus einem wichtigen Anlasse hergekommen war, daß eine ungewöhnliche Ursache ihn solch eine Gesellschaft aufzusuchen veranlaßt hatte, und daß es jetzt wohl etwas geben werde. Raskolnikoff, der neben Ssonja stand, wich zur Seite, um Peter Petrowitsch vorbei zu lassen; Luschin schien ihn gar nicht bemerkt zu haben. Nach einem Augenblick erschien Lebesjätnikoff auf der Schwelle; er trat nicht in das Zimmer herein, sondern blieb mit einem besonderen Interesse dort stehen; er hörte zu, wie einer, der etwas nicht begreift.

„Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber es ist eine wichtige Angelegenheit,“ bemerkte Peter Petrowitsch im allgemeinen, „ich freue mich, ein größeres Publikum zu haben. Amalie Iwanowna, ich bitte Sie sehr, als Wirtin dieser Wohnung, mein folgendes Gespräch mit Ssofja Iwanowna aufmerksam anzuhören. Ssofja Iwanowna,“ fuhr er fort, sich direkt an die äußerst erstaunte und im voraus erschrockene Ssonja wendend, „von meinem Tische, in dem Zimmer meines Freundes Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff ist mit Ihrem Weggehen eine Reichsbanknote im Werte von hundert Rubel, die mir gehörte, verschwunden. Wenn Sie auf irgendeine Weise es wissen und uns zeigen, wo die Banknote sich jetzt befindet, so versichere ich Ihnen mit meinem Ehrenworte und rufe alle als Zeugen auf, daß die Sache damit erledigt sein wird. Im entgegengesetzten Falle werde ich gezwungen sein, sehr ernste Maßregeln zu ergreifen, und dann ... klagen Sie sich selbst an.“

Ein peinliches Schweigen trat im Zimmer ein. Sogar die weinenden Kinder verstummten. Ssonja stand totenblaß da, sah Luschin an und konnte nichts antworten. Sie schien ihn immer noch nicht zu verstehen. Es vergingen einige Sekunden.

„Nun, wie ist’s?“ fragte Luschin und blickte sie scharf an.

„Ich weiß nicht ... Ich weiß nichts ...“ sagte endlich Ssonja mit schwacher Stimme.

„Nicht? Sie wissen nichts?“ fragte Luschin sie noch einmal und schwieg wieder. „Denken Sie nach, Mademoiselle,“ begann er dann streng, aber als rede er ihr immer noch im Guten zu, „überlegen Sie es sich, ich bin bereit, Ihnen noch einige Zeit zum Überlegen zu geben. Sehen Sie, – wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, so hätte ich selbstverständlich bei meiner Erfahrenheit nicht riskiert, Sie in dieser direkten Weise zu beschuldigen; denn für eine solche öffentliche und direkte, aber falsche oder nur auch irrtümliche Beschuldigung kann ich selbst zur Verantwortung gezogen werden. Ich weiß es. Heute Morgen wechselte ich, zu meinen eigenen Zwecken, einige fünfprozentige Staatspapiere in der nominellen Summe von dreitausend Rubel. Die Berechnung ist in meinem Notizbuche eingetragen. Nach Hause gekommen, begann ich, – mein Zeuge ist Andrei Ssemenowitsch, – das Geld zu zählen, und nachdem ich zweitausend und dreihundert Rubel aufgezählt hatte, steckte ich sie in meine Brieftasche und die Brieftasche in die Seitentasche meines Rockes. Auf dem Tische blieben fünfhundert Rubel in Banknoten liegen und unter ihnen drei Noten zu je hundert Rubel. In diesem Augenblick kamen Sie – auf meine Bitte hin – und die ganze Zeit waren Sie äußerst verlegen, so daß Sie dreimal mitten im Gespräch aufstanden und sich aus irgendeinem Grunde beeilten, fortzugehen, obgleich unsere Unterredung noch nicht beendet war. Andrei Ssemenowitsch kann dies alles bestätigen. Wahrscheinlich werden Sie selbst, Mademoiselle, nicht ablehnen, zuzugeben, daß ich Sie durch Andrei Ssemenowitsch nur aus dem einzigen Grunde rufen ließ, um mit Ihnen über die schlimme und hilflose Lage Ihrer Verwandten Katerina Iwanowna, zu der ich zum Gedächtnismahl nicht kommen konnte, zu sprechen und Ihnen vorzuschlagen, wie es von Nutzen wäre, zu ihren Gunsten irgend etwas, wie eine Sammlung, eine Verlosung oder ähnliches, zu veranstalten. Sie haben mir gedankt und sogar Tränen vergossen – ich erzähle alles, wie es war, um Sie erstens an alles zu erinnern, und zweitens, um Ihnen zu zeigen, daß meinem Gedächtnisse nicht das Geringste entschwunden ist. Darauf nahm ich vom Tische einen Zehnrubelschein und überreichte ihn Ihnen, als vorläufige Unterstützung für Ihre Verwandten. Das alles hat Andrei Ssemenowitsch gesehen. Dann begleitete ich Sie zur Türe, – Sie waren immer noch sehr verlegen. Ich blieb mit Andrei Ssemenowitsch allein, unterhielt mich mit ihm etwa zehn Minuten, und Andrei Ssemenowitsch ging bald hinaus. Ich wandte mich von neuem zu dem Tische, wo das Geld lag, mit der Absicht, es nachzuzählen und es, wie ich vorher schon beschlossen hatte, gesondert aufzuheben. Zu meiner Verwunderung fehlte von den übrigen eine Banknote von hundert Rubel. Bitte, überlegen Sie es sich, – Andrei Ssemenowitsch kann ich in keinem Falle in Verdacht haben, ich würde mich selbst bei diesem Gedanken schämen. Bei der Berechnung konnte ich mich auch nicht irren, denn eine Minute vor Ihrem Kommen hatte ich alles nachgezählt und die Summe richtig gefunden. Sie müssen selbst zugeben, daß, wenn ich Ihrer Verlegenheit, Ihrer Eile wegzugehen und des Umstandes denke, daß Sie die Hände eine Weile auf dem Tische hatten, und wenn ich schließlich Ihre gesellschaftliche Lage und die mit ihr verknüpften Gewohnheiten in Betracht zog, ich sozusagen zu meinem Entsetzen und gegen meinen Willen gezwungen war, bei diesem Verdachte stehen zu bleiben, – der sicher grausam, aber – gerechtfertigt ist! Ich füge hinzu und wiederhole, – daß trotz meiner ganzen klaren Überzeugung ich vollkommen verstehe, daß dennoch in meiner jetzigen Beschuldigung ein gewisses Risiko für mich liegt. Aber, ich habe es nicht unterlassen; ich bin gegen Sie aufgetreten und will Ihnen auch sagen warum, – einzig und allein, meine Dame, auf Grund Ihres schwärzesten Undankes! Wie? Ich fordere Sie aus Interesse für Ihre ärmste Verwandte auf, ich überlasse Ihnen eine meinen Kräften entsprechende Gabe von zehn Rubel, und Sie danken mir gleich darauf, auf der Stelle, für alles mit dieser Handlung! Nein, das ist nicht mehr schön! Eine Lehre ist notwendig! Denken Sie nach; noch mehr, ich bitte Sie, als Ihr aufrichtiger Freund, – denn einen besseren Freund können Sie in diesem Augenblicke nicht haben, – besinnen Sie sich! Sonst werde ich unbarmherzig sein! Nun, also!“

„Ich habe nichts von Ihnen genommen,“ – flüsterte Ssonja entsetzt, – „Sie gaben mir zehn Rubel, bitte, nehmen Sie sie wieder, hier.“

Ssonja zog ihr Taschentuch aus der Tasche hervor, suchte den Knoten, löste ihn, nahm einen Zehnrubelschein heraus und streckte ihn Luschin entgegen.