„Nein, ich war es nicht! Ich habe nichts genommen! Ich weiß von nichts!“ – rief sie mit einem herzzerreißenden Schrei und stürzte zu Katerina Iwanowna.

Jene umfaßte sie und preßte sie fest an sich, als wolle sie mit eigener Brust sie vor allen schützen.

„Ssonja! Ssonja! Ich glaube es nicht! Siehst du, ich glaube es nicht!“ – rief Katerina Iwanowna, trotz des Augenscheins, und schüttelte sie in ihren Armen, wie ein Kind, küßte sie unzählige Male, erfaßte ihre Hände und küßte sie inbrünstig. – „Du sollst es genommen haben? Ja, wie dumm die Menschen sind! Oh, Gott! Ihr dummen, dummen Leute!“ – rief sie, sich an alle wendend, – „ja, ihr wißt noch gar nicht, ihr wißt nicht, was das für ein Herz, was das für ein Mädchen ist! Sie soll es genommen haben, sie! Ja, sie wird barfüßig gehen, sie wird ihr letztes Kleid ausziehen und es verkaufen, und euch es abgeben, wenn ihr es braucht, – so ist sie! Sie hat den gelben Schein genommen, weil meine, meine Kinder vor Hunger umkamen, sie hat sich unseretwegen verkauft! ... Ach, der Verstorbene, der Verstorbene! Siehst du? Siehst du? Da hast du deine Gedächtnisfeier! Oh, Gott! Ja, schützt sie doch, was steht ihr alle! Rodion Romanowitsch! Warum treten Sie nicht für sie ein? Glauben Sie auch etwa daran? Ihr seid ihres kleinen Fingers nicht wert, ihr alle, alle, alle! Oh, Gott! Schütze du sie doch endlich!“

Das Weinen der armen, schwindsüchtigen, verlassenen Katerina Iwanowna schien einen starken Eindruck auf alle Anwesenden gemacht zu haben. Es war so viel Klägliches, so viel Leidendes in diesem vor Schmerz verzogenen, eingetrockneten, schwindsüchtigen Gesichte, in diesen geborstenen, blutbedeckten Lippen, in dieser heiser schreienden Stimme, in diesem Schluchzen und Weinen, das dem Weinen von Kindern glich, in diesem vertrauensvollen, kindlichen und gleichzeitig verzweifelten Flehen um Schutz, daß alle die Unglückliche zu bedauern schienen. Sogar Peter Petrowitsch schien es sofort leid zu tun.

„Meine Dame! Meine Dame!“ – rief er mit eindringlicher Stimme, – „Sie berührt diese Tatsache nicht! Niemand wird es wagen, Sie der Absicht oder der Teilnahme zu beschuldigen, um so mehr, als Sie es selbst entdeckt haben, indem Sie die Tasche umwandten, – Sie haben dies nicht vorausgesehen. Ich bin bereit, es sehr, sehr zu bedauern, sollte die äußerste Armut Ssofja Ssemenowna dazu bewogen haben, aber warum wollten Sie, Mademoiselle, es nicht eingestehen? Fürchten Sie die Schande? Der erste Schritt? Sie sind wahrscheinlich bestürzt? Es ist begreiflich, sehr begreiflich ... Aber warum läßt man sich auf solche Sachen ein! Meine Herrschaften!“ wandte er sich an alle Anwesenden, – „meine Herrschaften! Weil ich Bedauern und Mitleid habe, bin ich bereit, es sogar jetzt, trotz der empfangenen persönlichen Beleidigungen, zu verzeihen. Möge Ihnen, Mademoiselle, die jetzige Schande als eine Lehre für die Zukunft dienen,“ – wandte er sich an Ssonja, – „ich aber unterlasse alle weiteren Schritte und erledige hiermit die Sache. Genug!“

Peter Petrowitsch blickte Raskolnikoff von der Seite an. Ihre Blicke trafen sich. Der flammende Blick Raskolnikoffs wollte ihn zu Asche verbrennen. Katerina Iwanowna schien nichts mehr gehört zu haben, sie umarmte und küßte Ssonja wie wahnsinnig. Auch die Kinder hatten Ssonja von allen Seiten mit ihren Händchen umfaßt und Poletschka, die nicht ganz verstand, was vor sich ging, schien vollkommen in Tränen zu ertrinken, sie krümmte sich vor lauter Schluchzen und verbarg ihr hübsches, von Tränen geschwollenes Gesichtchen an Ssonjas Schulter.

„Ist das gemein!“ – ertönte plötzlich eine laute Stimme in der Türe.

Peter Petrowitsch blickte sich schnell um.

„Welch eine Gemeinheit!“ – wiederholte Lebesjätnikoff und blickte ihm unverwandt in die Augen. Peter Petrowitsch zuckte zusammen. Alle hatten es bemerkt. Nachher erinnerten sie sich dessen. Lebesjätnikoff trat in das Zimmer.

„Und Sie haben es gewagt, mich als Zeugen anzurufen?“ – sagte er und trat an Peter Petrowitsch heran.