„Was lügen Sie da vor!“ – rief er ihm frech zu, – „ja, und wie konnten Sie vom Fenster aus das Papier bemerken! Sie haben es geträumt ... Sie, mit Ihren kurzsichtigen Augen. Sie phantasieren!“

„Nein, ich habe es nicht geträumt! Und obwohl ich weit stand, habe ich alles, alles gesehen, und obgleich man vom Fenster aus tatsächlich schwer ein Stück Papier unterscheiden kann, – hier sagen Sie die Wahrheit, – wußte ich doch bestimmt, daß es ein Hundertrubelschein war, denn als Sie Ssofja Ssemenowna den Zehnrubelschein gaben, – ich habe es selbst gesehen, – nahmen Sie gleichzeitig vom Tische einen Hundertrubelschein. Ich habe es gesehen, weil ich in diesem Augenblicke in der Nähe war und weil mir sofort dabei ein Gedanke durch den Sinn fuhr, weiß ich genau, daß Sie diesen Schein in der Hand hielten. Sie haben ihn zusammengefaltet und hielten ihn die ganze Zeit in der Faust. Ich vergaß es später, als Sie aber aufstanden, legten Sie den Schein aus der rechten in die linke Hand und ließen ihn beinahe fallen; da besann ich mich darauf, weil mir wieder derselbe Gedanke durch den Sinn fuhr, und zwar, daß Sie heimlich ihr eine Wohltat erweisen wollen. Sie können sich vorstellen, wie ich nun beobachtete, – und da sah ich auch, wie es Ihnen glückte, ihn in ihre Tasche zu stecken. Ich habe es gesehen, habe es gesehen und werde schwören!“ Lebesjätnikoff geriet fast außer Atem. Von allen Seiten ertönten allerhand Ausrufe, die meistens Erstaunen bedeuteten, aber in manchen brach auch ein drohender Ton durch. Alle drängten sich um Peter Petrowitsch. Katerina Iwanowna stürzte zu Lebesjätnikoff hin.

„Andrei Ssemenowitsch! Ich habe mich in Ihnen geirrt! Schützen Sie sie! Sie allein treten für sie ein! Sie ist eine Waise, Gott hat Sie gesandt! Andrei Ssemenowitsch, mein Lieber, Väterchen!“

Und Katerina Iwanowna, fast ganz außer sich, warf sich vor ihm auf die Knie hin.

„Blödes Zeug!“ – brüllte Luschin, rasend vor Wut, – „Sie reden blödes Zeug, mein Herr ... ‚Ich vergaß es, besann mich, vergaß‘ – was soll das heißen! Also, ich soll ihr den Schein absichtlich zugesteckt haben? Wozu? Zu welchem Zwecke? Was habe ich gemein mit dieser ...“

„Wozu? Das ist es ja, was ich selbst nicht begreife, das aber ist sicher, daß ich die Wahrheit erzähle! Ich irre mich nicht, Sie niederträchtiger Mensch, Sie Verbrecher; ich entsinne mich, daß mir sofort damals die Frage in den Sinn kam, und zwar, als ich Ihnen dankte und Ihnen die Hand drückte. Warum haben Sie es ihr heimlich in die Tasche gesteckt? Das heißt warum heimlich? Vielleicht bloß aus dem Grunde, weil Sie es vor mir verbergen wollten, da Sie wissen, daß ich entgegengesetzter Ansicht bin und die Privatwohltätigkeit, als nicht radikal heilend, verneine? Nun, und ich kam zu der Überzeugung, daß Sie sich in der Tat vor mir schämen, solch einen Haufen Geld fortzugeben, und außerdem meinte ich, daß Sie ihr vielleicht eine Überraschung bereiten und sie in Staunen setzen wollten, wenn sie in ihrer Tasche volle hundert Rubel finden wird. Denn manche Wohltäter lieben es sehr, ihre Wohltaten so anzubringen, – das weiß ich. Ich dachte auch, daß Sie sie auf die Probe stellen wollen, das heißt, ob sie, wenn sie es gefunden hat, kommen würde, um sich zu bedanken! Ich hatte auch den Gedanken, daß Sie jeden Dank vermeiden möchten, damit ... nun, wie man es sagt ... damit die rechte Hand nicht wüßte ... kurz, wie man es sagt ... Nun, mir kamen so viele Gedanken in den Sinn, daß ich beschloß, mir alles nachher genauer zu überlegen, ich hielt es auch für unzart, Ihnen zu zeigen, daß ich Ihr Geheimnis kenne. Mir kam aber der Gedanke, daß Ssofja Ssemenowna möglicherweise das Geld verlieren könnte, ehe sie es selbst bemerkt hat. Darum beschloß ich, hierher zu kommen, sie herauszurufen und ihr mitzuteilen, daß man ihr einen Hundertrubelschein in ihre Tasche gesteckt hat. Auf dem Wege hierher ging ich zuerst in das Zimmer der Damen Kobyljätnikoff hinein, um ihnen die ‚allgemeinen Ergebnisse der positiven Methode‘ zu überbringen und ihnen besonders den Artikel von Piderit – übrigens auch von Wagner – zu empfehlen. Ich kam dann hierher, und hier ist diese schlimme Geschichte passiert. Sagen Sie, konnte ich, konnte ich alle diese Gedanken und Erwägungen gehabt haben, wenn ich tatsächlich nicht gesehen hätte, daß Sie ihr hundert Rubel in die Tasche gesteckt haben?“

Als Andrei Ssemenowitsch seine langatmige Rede mit so einem logischen Abschluß beendet hatte, war er furchtbar ermüdet, und von seinem Gesichte rann der Schweiß. Er konnte nicht einmal ordentlich russisch sprechen, – ohne jedoch eine andere Sprache zu kennen, – so daß er mit einem Male vollkommen erschöpft und nach seiner Advokatentat ganz bleich war. Trotzdem hatte seine Rede eine außerordentliche Wirkung. Er hatte mit solch einer Heftigkeit und solch einer Überzeugung gesprochen, daß ihm alle offensichtlich glaubten. Peter Petrowitsch fühlte, daß seine Sache schlecht stehe.

„Was geht es mich an, daß Ihnen allerhand dumme Fragen in den Kopf gekommen sind,“ – rief er aus. – „Das ist kein Beweis! Sie konnten dies alles im Schlafe geträumt haben, das ist das ganze! Und ich sage Ihnen, daß Sie lügen, mein Herr! Sie lügen und verleumden mich aus Wut, und zwar aus Ärger, weil ich nicht bereit war, auf Ihre freigeistigen und gottlosen sozialen Ideen einzugehen, das ist es!“

Aber diese Ausrede nützte Peter Petrowitsch nicht. Im Gegenteil, von allen Seiten vernahm man mißbilligendes Gemurmel.

„Ah, damit kommst du!“ – rief Lebesjätnikoff. – „Du lügst! Laß die Polizei holen, ich werde schwören! Eins kann ich bloß nicht begreifen, – warum hat er so eine gemeine Handlung riskiert! Oh, gemeiner, niederträchtiger Mensch!“