„Hinaus aus der Wohnung! Sofort! Marsch!“ – und mit diesen Worten begann sie alles, was ihr von den Sachen Katerina Iwanownas unter die Hände kam, auf die Diele zu werfen.

Katerina Iwanowna, ohnedem fast halbtot und einer Ohnmacht nahe, sprang vom Bette, auf das sie in völliger Ermattung hingesunken war, schweratmend und bleich auf und stürzte sich auf Amalie Iwanowna. Der Kampf aber war zu ungleich; die letztere stieß sie, wie eine Feder, von sich.

„Wie! Nicht genug, daß man mich gottlos verleumdet hat, – auch diese Kreatur ist gegen mich! Wie! Am Tage der Beerdigung meines Mannes jagt man mich, nach meinem Festmahl, mit den Waisen auf die Straße hinaus! Ja, wohin soll ich denn!“ – sagte die arme Frau mit Schluchzen und beinahe erstickend. – „Oh, Gott!“ – rief sie plötzlich mit funkelnden Augen, – „gibt es denn keine Gerechtigkeit! Wen sollst Du denn schützen, wenn nicht uns verlassene Waisen? Aber wir wollen mal sehen? Es gibt noch in der Welt Recht und Wahrheit, es gibt sie noch, und ich will sie finden! Warte, du gottlose Kreatur! Poletschka, bleibe bei den Kindern, ich komme bald zurück. Wartet auf mich, meinetwegen auf der Straße! Wir wollen sehen, ob es in der Welt Gerechtigkeit gibt!“

Katerina Iwanowna warf dasselbe grüne große Umlegetuch über den Kopf, das der verstorbene Marmeladoff in seiner Erzählung erwähnt hatte, drängte sich durch die unordentliche und betrunkene Menge der Mieter, die noch immer das Zimmer anfüllten, und lief mit Geheul und unter Tränen auf die Straße hinaus, – mit der unbedingten Absicht, irgendwo sofort, unverzüglich und um jeden Preis Gerechtigkeit zu finden. Poletschka verkroch sich voller Angst mit den Kindern in einer Ecke; sie umschlang, am ganzen Körper zitternd, die beiden Kleinen und begann die Rückkehr der Mutter zu erwarten. Amalie Iwanowna lief aufgeregt im Zimmer herum, kreischte, klagte, schleuderte alles, was ihr in den Weg kam, auf die Diele und lärmte. Die Mieter schrien durcheinander, – einige besprachen das Geschehene, wie sie es verstanden, andere zankten sich und schimpften, einige wieder stimmten ein Lied an ...

„Jetzt muß ich auch gehen!“ – dachte Raskolnikoff. – „Nun, Ssofja Ssemenowna, wir wollen sehen, was Sie jetzt sagen werden!“

Und er ging nach Ssonjas Wohnung.

IV.

Raskolnikoff war ein tüchtiger und mutiger Fürsprecher Ssonjas gegen Luschin gewesen, trotzdem so viel eigener Schrecken und eigenes Leid auf seiner Seele lasteten. Weil er aber am Morgen so stark gelitten hatte, so war er gewissermaßen froh, seine Eindrücke, die ihm unerträglich wurden, zu ändern, ganz abgesehen davon, wieviel Persönliches und Herzliches in seinem Bestreben lag, für Ssonja einzutreten. Außerdem ging ihm die bevorstehende Zusammenkunft mit Ssonja nicht aus dem Sinn und beunruhigte ihn in manchen Augenblicken furchtbar, – er mußte ihr sagen, wer Lisaweta ermordet hat, fühlte die schreckliche Qual im voraus und suchte sich ihrer zu erwehren. Als er die Wohnung Katerina Iwanownas verließ und ausrief: – „Nun, was werden Sie jetzt sagen, Ssofja Ssemenowna?“ – da befand er sich offenbar noch in einem äußerlich erregten Zustande der Rüstigkeit und Kampflust, der Freude über den eben errungenen Sieg. Aber das hielt nicht vor. Als er die Wohnung von Kapernaumoff erreicht hatte, empfand er eine plötzliche Erschlaffung und Furcht. Er blieb in Gedanken vor der Türe stehen und legte sich die sonderbare Frage vor, – „muß ich denn sagen, wer Lisaweta ermordet hat?“ Die Frage war sonderbar, denn er fühlte doch zugleich, daß es gesagt werden müsse, und jetzt gleich ohne den geringsten Aufschub. Er wußte selber nicht, warum; aber er fühlte es, und dieses qualvolle Bewußtsein seiner Schwäche der Notwendigkeit gegenüber erdrückte ihn fast. Um nicht mehr zu überlegen und sich nicht mehr zu quälen, öffnete er schnell die Türe und schaute Ssonja von der Schwelle aus an. Sie saß auf den Tisch gestützt und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt; als sie Raskolnikoff erblickte, stand sie schnell auf und ging ihm entgegen, als hätte sie ihn erwartet.

„Was wäre aus mir geworden ohne Sie!“ – sagte sie hastig, als sie in der Mitte des Zimmers mit ihm zusammentraf.

Offenbar hatte sie ihn erwartet, um ihm dies zu sagen.