„Sieh mal ordentlich her.“
Und kaum hatte er es gesagt, als eine schon einmal gehabte Empfindung seine Seele erstarren ließ, – er sah sie an und ihm war plötzlich, als erblickte er in ihrem Gesichte Lisawetas Ausdruck. So hatte sie ausgesehen, als er sich damals ihr mit dem Beile näherte und sie vor ihm mit vorgestreckter Hand, eine völlig kindliche Angst im Gesichte, zurückwich, genau, wie wenn kleine Kinder vor irgend etwas Angst bekommen, und unbeweglich und unruhig den sie ängstigenden Gegenstand anblicken, zurückweichen, die Händchen nach vorne strecken und sich anschicken, zu weinen. Fast dasselbe geschah jetzt auch mit Ssonja, – ebenso kraftlos, mit derselben Angst sah sie eine Weile ihn an, plötzlich streckte sie die linke Hand vor, stieß ihn ganz leicht mit den Fingern an die Brust, begann langsam vom Bette aufzustehen, wich immer mehr und mehr vor ihm zurück und ihr auf ihn gerichteter Blick wurde immer unbeweglicher. Ihr Entsetzen teilte sich plötzlich auch ihm mit, – dieselbe Angst erschien auch in seinem Gesichte, – er begann sie ebenso anzusehen und sogar fast mit demselben Lächeln eines geängsteten Kindes.
„Hast du es erraten?“ – flüsterte er endlich.
„Oh, Gott!“ – entrang sich ein furchtbarer Schrei ihrer Brust.
Sie fiel kraftlos auf das Bett mit dem Gesichte auf das Kopfkissen hin. Aber nach einem Augenblicke erhob sie sich schnell, rückte zu ihm hin, erfaßte seine beiden Hände, drückte sie stark mit ihren dünnen Fingern und begann von neuem ihm unbeweglich, wie fest gebannt, ins Gesicht zu blicken. Mit diesem letzten verzweifelten Blick wollte sie die winzigste letzte Hoffnung für sich herauslesen und erspähen. Aber es war keine Hoffnung; kein Zweifel blieb nach, alles war so! Nachher sogar, wenn sie sich an diesen Augenblick entsann, war es ihr seltsam und merkwürdig, – woraus hatte sie damals sofort gesehen, daß es keinen Zweifel mehr gab? Es war doch keine Rede davon, daß sie z. B. ein Vorgefühl von etwas derartigem gehabt hatte? Nun aber schien es ihr, nachdem er es ihr kaum gesagt hatte, als habe sie wirklich das alles geahnt.
„Genug, Ssonja, genug! Quäle mich nicht!“ – bat er mit einem Ausdrucke schweren Leidens.
Er hatte gar nicht, ganz und gar nicht gedacht, ihr in dieser Weise es zu sagen, aber es war so gekommen.
Sie sprang, wie außer sich, auf, rang die Hände und ging bis zur Mitte des Zimmers, aber sie wandte sich schnell um, setzte sich wieder neben ihn hin, so daß ihre Schultern sich fast berührten. Plötzlich fuhr sie, wie durchbohrt, zusammen, schrie auf und stürzte, ohne zu wissen, was sie tat, vor ihm auf die Knie hin.
„Was haben Sie, was haben Sie sich angetan!“ – sagte sie voll Verzweiflung, sprang von den Knien auf, warf sich ihm um den Hals, umarmte ihn und preßte ihn stark an sich.
Raskolnikoff wich zurück und blickte sie mit einem traurigen Lächeln an.