„Ja, Ssonja, – als ich damals in der Dunkelheit lag und mir all das vorschwebte, da hat mich der Teufel versucht? Nicht wahr?“
„Schweigen Sie! Spotten Sie nicht, Sie Gotteslästerer; nichts, nichts begreifen Sie! Oh, Gott! Er wird nichts, nichts verstehen!“
„Schweig, Ssonja, ich lache gar nicht, ich weiß es auch selbst, daß mich der Teufel zog. Schweig, Ssonja, schweig!“ – wiederholte er düster und beharrlich. – „Ich weiß alles. Ich habe mir dies alles überlegt und zugeflüstert, als ich damals im Dunkeln lag ... Ich habe über dies alles mit mir selbst bis zum kleinsten Punkt gestritten und weiß alles, alles! Und mir war dies ganze Geschwätz damals so zum Überdruß, so zum Überdruß! Ich wollte alles vergessen und von neuem anfangen, Ssonja, und aufhören zu schwatzen! Und denkst du etwa, daß ich, wie ein Dummkopf, blindlings hingegangen bin? Ich bin, wie ein Kluger, hingegangen, und das hat mich auch zugrunde gerichtet! Und meinst du etwa, ich hätte zum Beispiel nicht gewußt, daß, wenn ich überhaupt damit anfing, mich zu fragen und auszuhorchen, – ob ich ein Recht auf Macht habe, – ich schon deswegen dies Recht auf Macht nicht hatte. Oder wenn ich mir die Frage vorlegte, – ist der Mensch eine Laus? – da war schon der Mensch für mich keine Laus mehr, sondern war es eben für denjenigen, dem diese Frage nicht in den Sinn kam, und der ohne Fragen auf sein Ziel losgeht ... Als ich mich soviel Tage abquälte, ob Napoleon es getan hätte oder nicht, – da fühlte ich es doch deutlich, daß ich kein Napoleon war ... Ich habe die ganze Qual dieses ganzen Geschwätzes ertragen, Ssonja, und wollte sie ganz und gar von mir abschütteln, – ich wollte, Ssonja, ohne Kasuistik töten, meinetwegen, für mich allein töten! Ich wollte es nicht mal mir selbst vorlügen! Ich habe nicht darum getötet, um meiner Mutter zu helfen, – das ist Unsinn! Ich habe nicht darum getötet, um Mittel und Macht zu erhalten, und dann ein Wohltäter der Menschheit zu werden. Unsinn! Ich habe einfach getötet; für mich, für mich ganz allein habe ich getötet; ob ich aber irgend wessen Wohltäter geworden wäre, oder ob ich mein ganzes Leben, wie eine Spinne, alle in mein Gewebe eingefangen und aus allen die Lebenssäfte ausgesaugt hätte, – mußte mir in jenem Augenblicke vollkommen gleichgültig sein! ... Und nicht um das Geld war es mir in erster Linie zu tun, Ssonja, als ich tötete; nicht das Geld war mir so wichtig, es war etwas ganz anderes ... Ich weiß jetzt alles ... Verstehe mich, – wenn ich vielleicht denselben Weg weitergegangen wäre, würde ich niemals mehr einen Mord begangen haben. Ich mußte etwas anderes erfahren, etwas anderes trieb mich dazu, – ich mußte damals und schleunigst erfahren, ob ich eine Laus bin, wie alle, oder ein Mann? Bin ich imstande, hinwegzuschreiten oder nicht? Werde ich es wagen, mich zu bücken und die Macht aufzuheben oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur oder habe ich ein Recht ...“
„Zu töten? Ein Recht zu töten?“ – schlug Ssonja die Hände zusammen.
„Ach, Ssonja!“ – rief er gereizt aus, wollte ihr etwas erwidern, schwieg aber verächtlich. – „Unterbrich mich nicht, Ssonja! Ich wollte mir bloß beweisen, – daß der Teufel mich damals hinschleppte, mir aber nachher erklärte, daß ich kein Recht hatte, dort hinzugehen, weil ich eben so eine Laus bin, wie alle! Er hat seinen Spott mit mir getrieben, nun bin ich zu dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich nicht eine Laus wäre, würde ich dann zu dir gekommen sein? Höre, – als ich damals zu der Alten hinging, ging ich bloß, es zu versuchen ... Nun weißt du es!“
„Und haben getötet! Haben getötet!“
„Wie habe ich getötet? Ermordet man denn in dieser Weise? Geht man denn so hin zu töten, wie ich damals ging! Ich will dir einmal erzählen, wie ich hinging ... Habe ich denn die Alte getötet? Ich habe mich getötet, und nicht die Alte! Da habe ich mich mit einem Schlage auf ewig getroffen! ... Und diese Alte hat der Teufel getötet, aber nicht ich ... Genug, genug, Ssonja, genug! Laß mich,“ – rief er plötzlich in krankhaftem Grame, – „laß mich!“
Er stützte sich auf seine Knie und umklammerte mit beiden Händen den Kopf.
„Wie Sie leiden!“ – entrang sich Ssonja ein qualvoller Schrei.
„Was soll ich jetzt tun, sprich!“ – fragte er, erhob plötzlich den Kopf und blickte sie mit einem vor Verzweiflung schrecklich verzerrten Gesichte an.