„Jetzt siehst du selbst, daß es nicht so war! ... Und ich habe doch aufrichtig berichtet, habe die Wahrheit gesagt!“
„Was ist denn das für eine Wahrheit! Oh, Gott!“
„Ich habe doch, Ssonja, bloß eine unnütze, häßliche, bösartige Laus ermordet.“
„Wie, ein Mensch ist eine Laus?“
„Ich weiß es auch selbst, daß es keine Laus ist,“ – antwortete er und blickte sie eigentümlich an. – „Aber ich lüge, Ssonja,“ – fügte er hinzu, „es ist alles gelogen ... Es war nicht das; du sagst die Wahrheit. Es waren ganz andere, vollkommen andere Gründe! ... Ich habe seit langem mit niemand gesprochen, Ssonja ... Der Kopf tut mir jetzt so weh.“
Seine Augen brannten in fieberhaftem Glanze. Er begann fast zu phantasieren; ein unruhiges Lächeln irrte um seine Lippen. Die ungeheure Erregung verbarg kaum die äußerste Schwäche. Ssonja begriff seine Selbstqual. Auch ihr begann der Kopf zu schwindeln. Und wie sonderbar er sprach, als sei alles selbstverständlich ... „aber wie denn ... Wie war es nur möglich? Oh, Gott!“ Und sie rang in Verzweiflung die Hände.
„Nein, Ssonja, es war nicht das!“ – begann er wieder, erhob plötzlich den Kopf, als hätte ihn eine andere Wendung der Gedanken überrascht und von neuem angeregt, – „es war nicht das! Besser ... du stellst dir vor ... ja! es ist wirklich besser! ... stell dir vor, daß ich ehrgeizig, neidisch, böse, niederträchtig, rachsüchtig bin ... nun ... und meinetwegen zum Irrsinn neige ... Mag alles gleich mitgerechnet werden! Davon, daß ich verrückt sei, sprach man schon früher, ich habe es wohl gemerkt! Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich auf der Universität selber meinen Unterhalt nicht finden konnte. Weißt du aber, daß ich es vielleicht doch hätte ermöglichen können? Meine Mutter hätte mir das Nötige fürs Studium geschickt, und Stiefel, Kleider und Essen hätte ich selbst verdient, sicher sogar! Es fanden sich Unterrichtsstunden für mich; man bot fünfzig Kopeken. Rasumichin arbeitet doch auch! Aber ich wurde böse und wollte es nicht. Ich wurde böse – das ist ein guter Ausdruck! Ich verkroch mich dann, wie eine Spinne, in meine Ecke. Du warst doch in meinem elenden Loche, hast es gesehen ... Aber weißt du auch, Ssonja, daß niedrige Decken und enge Zimmer die Seele und den Verstand bedrücken? Oh, wie ich dieses elende Loch haßte! Dennoch wollte ich nicht heraus! Ich wollte es absichtlich nicht! Tagelang ging ich nicht aus und wollte nicht arbeiten, wollte nicht mal essen und lag die ganze Zeit. Wenn mir Nastasja etwas brachte, – aß ich, wenn sie nichts brachte, – verging auch so der Tag; absichtlich, aus Bosheit, bat ich um nichts! Wenn ich nachts kein Licht hatte, lag ich im Dunkel, wollte aber nicht arbeiten, um ein Licht kaufen zu können. Ich mußte studieren, – habe aber die Bücher verkauft; auf dem Tische bei mir, auf den Kollegheften und Notizen liegt jetzt fingerdick der Staub. Ich zog es vor, zu liegen und zu grübeln. Und ich dachte die ganze Zeit ... immer hatte ich solche Träume, allerhand seltsame Träume, es lohnt sich nicht, von ihnen zu sprechen! Dann aber begann es mir vorzuschweben, daß ... Nein, es ist nicht richtig! Ich erzähle wieder nicht in der richtigen Weise! Siehst du, – ich fragte mich damals immer, warum bin ich so dumm, daß, wenn andere dumm sind, und wenn ich es sicher weiß, daß sie dumm sind, ich selbst nicht klüger sein will? Ich erkannte später, Ssonja, daß es zu lange dauern wird, wollte man warten, bis alle klug werden ... Ich erkannte auch, daß es niemals der Fall sein wird, daß die Menschen sich nicht verändern, daß niemand sie ändern kann, und daß es sich der Mühe nicht lohnt! Ja, es ist so! Das ist ihr Gesetz ... Das Gesetz, Ssonja! Es ist so! ... Und ich weiß jetzt, Ssonja, daß wer an Verstand und Geist stark und kräftig ist, der auch der Herrscher über sie ist! Wer viel wagt, der ist bei ihnen im Rechte! Wer auf das größere pfeifen kann, der ist bei ihnen auch Gesetzgeber, wer aber am meisten von allen wagen kann, der ist mehr im Rechte, als alle! In dieser Weise ist es bis jetzt vor sich gegangen und so wird es immer bleiben! Nur ein Blinder merkt es nicht!“
Während Raskolnikoff dies sagte, sah er wohl Ssonja an, aber er kümmerte sich nicht mehr darum, ob sie ihn verstehen würde oder nicht. Das Fieber hatte ihn völlig gepackt. Er war in einem finstern Enthusiasmus. Er hatte in der Tat zu lange mit niemand gesprochen. Und Ssonja verstand, daß dieser finstere Katechismus sein Glaube und sein Gesetz geworden war.
„Ich kam damals darauf, Ssonja,“ – fuhr er immer noch enthusiastisch fort, – „daß die Macht bloß demjenigen gegeben wird, der es wagt, sich zu bücken und sie zu nehmen. Das ist das einzige, nur das allein, – man muß wagen! Mir kam damals ein Gedanke, zum erstenmal im Leben, den niemand je vor mir gedacht hat. Niemand! Klar wie die Sonne erschien mir plötzlich der Gedanke: Warum hat bis jetzt kein einziger gewagt und wagt es nicht, wenn er an diesem ganzen Unsinn vorbeigeht, alles einfach am Schwanze zu packen und es zum Teufel zu werfen! Ich ... ich wollte es wagen und tötete ... ich wollte bloß wagen, Ssonja, das ist der ganze Grund!“
„Oh, schweigen Sie, schweigen Sie!“ – rief Ssonja und schlug die Hände zusammen. – „Sie haben Gott verlassen und Gott hat Sie gestraft, hat Sie dem Teufel überliefert! ...“