„N–nein,“ – flüsterte Ssonja naiv und schüchtern, – „sprich nur ... sprich! Ich werde es verstehen, ich werde für mich alles verstehen!“ – bat sie ihn.
„Du wirst verstehen? Nun, gut, wir wollen sehen!“
Er schwieg und überlegte lange.
„Siehst du, – ich habe mir einmal folgende Frage vorgelegt, – wenn zum Beispiel an meiner Stelle Napoleon gewesen wäre, und wenn er, um seine Karriere zu beginnen, weder Toulon, noch Ägypten, noch den Übergang über den Montblanc gehabt hätte, wenn aber statt aller schönen und monumentalen Dinge eine lächerliche Alte, die Witwe eines kleinen Beamten gewesen wäre, die man zudem noch ermorden mußte, um aus ihrem Koffer Geld zu stehlen – der Karriere wegen, verstehst du? – hätte er sich dazu entschlossen, wenn es keinen anderen Ausweg gegeben hätte? Wäre er nicht schokiert gewesen, weil es zu wenig monumental und ... weil es sündhaft war? Ich sage dir, daß ich mich über diese ‚Frage‘ schrecklich lange abgequält habe, so daß ich mich furchtbar schämte, als ich endlich auf den Gedanken kam – ganz plötzlich kam ich darauf –, daß es ihn nicht bloß nicht schokiert hätte, sondern ihm nicht einmal in den Sinn gekommen wäre, daß dies nicht monumental sei ... er hätte gar nicht begriffen, warum man dabei schokiert sein sollte? Und wenn er keinen anderen Ausweg gehabt hätte, so würde er, aber ohne daß sie gemuckst hätte, gemordet haben, ohne langes Nachdenken! Nun, und da ließ ich ... das Beil fallen ... mordete ... nach diesem Beispiel ... Genau so ist es vor sich gegangen! Dir erscheint es lächerlich? Ja, Ssonja, das Lächerlichste ist dabei, daß es vielleicht genau so vorgefallen war ...“
Ssonja war es nicht lächerlich.
„Sagen Sie es mir lieber ... ohne Beispiele,“ – bat sie noch schüchterner und leiser.
Er wandte sich zu ihr um, blickte sie traurig an und ergriff ihre Hände.
„Du hast wieder recht, Ssonja. Das ist alles Unsinn, ist leeres Geschwätz! Siehst du, – du weißt doch, daß meine Mutter fast nichts hat. Meine Schwester hat zufällig eine Erziehung erhalten und ist verurteilt, sich als Gouvernante ihr Leben lang durchzuschlagen. All ihre Hoffnung war ich allein. Ich studierte, fand aber nicht genügenden Unterhalt und war gezwungen, zeitweilig die Universität zu verlassen. Und selbst wenn es sich weiter hingezogen hätte, konnte ich etwa in zehn oder zwölf Jahren – und vorausgesetzt, daß meine Verhältnisse sich verbesserten, – hoffen, Lehrer oder Beamter mit tausend Rubel Gehalt zu werden ...“ – Er sprach, als hätte er es auswendig gelernt. – „Bis dahin wäre meine Mutter vor Sorgen und Kummer verkommen, und mir wäre es nicht gelungen, ihr ein ruhiges Leben zu schaffen, und meine Schwester ... nun, mit der Schwester konnte noch Schlimmeres passiert sein! ... Ja, und was für ein Vergnügen ist es, das ganze Leben an allem vorbeigehen und von allem sich abwenden zu müssen, die Mutter zu vergessen und die Beleidigung der Schwester zum Beispiel, demütig zu ertragen? Wozu? Um sich andere anzuschaffen, nachdem man sie beerdigt hat, – Frau und Kinder, um auch sie nachher ohne einen Groschen und ohne ein Stück Brot zu hinterlassen? So ... nun, da beschloß ich, mich des Geldes der Alten zu bemächtigen, es zu meinem Unterhalte an der Universität, ohne die Mutter mehr quälen zu müssen, und zu meinen ersten Schritten nach Beendigung des Studiums zu benutzen, – und dies alles gleich groß und radikal auszuführen, um eine vollkommen neue Laufbahn beginnen und einen neuen unabhängigen Weg betreten zu können ... das ist alles ... selbstverständlich, schlecht war, daß ich die Alte ermordet habe ... und jetzt genug davon!“
Völlig erschöpft schloß er seinen Bericht und ließ den Kopf sinken.
„Ach, es war nicht das, nicht das,“ – rief Ssonja gramvoll aus, – „kann man denn so ... nein, es ist nicht richtig, es ist nicht so!“