Raskolnikoff trat in seine Kammer und blieb mitten darin stehen. Warum war er hierher zurückgekehrt? Er sah diese gelblichen, abgerissenen Tapeten, diesen Staub, sein Sofa an ... Vom Hofe drang ein hartes ununterbrochenes Klopfen; man schien Nägel einzuschlagen ... Er trat an das Fenster, hob sich auf den Zehen und blickte lange mit außerordentlicher Aufmerksamkeit im Hofe umher. Der Hof aber war leer und man sah die Klopfenden nicht. Links, im Seitengebäude war hie und da ein geöffnetes Fenster; auf den Fensterbrettern standen kleine Töpfe mit schwächlichen Geranien. Vor den Fenstern hing Wäsche ... Das ganze Bild kannte er auswendig. Er wandte sich ab und setzte sich auf das Sofa. Noch nie, nie hatte er sich so furchtbar einsam gefühlt!

Ja, er fühlte es noch einmal, daß er vielleicht Ssonja hassen werde, und zwar jetzt, wo er sie unglücklicher gemacht hatte.

Warum war er zu ihr hingegangen? Um um ihre Tränen zu bitten? Warum mußte er so unbedingt ihr Leben verkümmern? Oh, welche Gemeinheit.

„Ich bleibe allein!“ – sagte er plötzlich entschlossen, – „und sie soll nicht ins Gefängnis zu mir kommen!“

Nach etwa fünf Minuten erhob er den Kopf und lächelte eigentümlich. Es war ein merkwürdiger Gedanke: – „Vielleicht ist es in Sibirien tatsächlich besser.“

Er erinnerte sich nicht, wie lange er in seinem Zimmer sich mit den einstürmenden unklaren Gedanken abgegeben hatte. Da öffnete sich plötzlich die Türe und Awdotja Romanowna trat herein. Sie blieb zuerst stehen und blickte ihn von der Schwelle an, so wie er gestern Ssonja angeblickt hatte; kam dann herein und setzte sich auf einen Stuhl, auf ihren gestrigen Platz, ihm gegenüber. Er sah sie schweigend und augenscheinlich gedankenlos an.

„Sei mir nicht böse, Bruder, ich komme nur auf einen Augenblick,“ – sagte Dunja.

Der Ausdruck ihres Gesichtes war nachdenklich, aber nicht streng. Der Blick war klar und still. Er sah, daß auch sie mit Liebe zu ihm gekommen war.

„Bruder, ich weiß jetzt alles, alles. Mir hat Dmitri Prokofjitsch alles erklärt und erzählt. Man verfolgt und quält dich mit einem dummen und schändlichen Verdacht! ... Dmitri Prokofjitsch hat mir gesagt, daß für dich keine Gefahr vorhanden sei, daß du dich unnütz mit solch einem Schrecken befassest. Ich denke nicht, wie er, ich verstehe vollkommen, wie alles in dir empört sein muß, und daß diese Empörung in dir für immer Spuren hinterlassen kann. Davor habe ich Angst. Ich verurteile dich nicht und darf dich nicht verurteilen, daß du uns verlassen hast, verzeih mir, daß ich dir dies vorgeworfen habe. Ich weiß selbst, daß auch ich von allen fortgehen würde, wenn ich solch einen großen Kummer hätte. Ich werde der Mutter davon nichts sagen, will aber mit ihr immer über dich sprechen, und will in deinem Namen sagen, daß du sehr bald kommen wirst. Quäle dich nicht ihretwegen; ich werde sie beruhigen; aber quäle auch sie nicht zu sehr, – komm wenigstens noch einmal zu ihr; erinnere dich, daß sie unsere Mutter ist! Ich bin nur gekommen, um zu sagen,“ – Dunja stand auf, – „daß, falls du irgendwie mich brauchen solltest und wenn es ... mein Leben gälte ... so rufe mich, ich werde kommen. Leb wohl!“

Sie wandte sich schnell um und ging zur Türe.